Der Nachtschwärmer bei Ernst: Alles umgekehrt

„Zutritt nur für Mitglieder und Freunde“, oder auch der erste Test für den Besucher eines Ladens „Nachtschwärmer“, dessen Besitzer seinen Vornamen scheinbar im umgekehrten Wortsinn auslebt, zumindest für diejenigen, die sich vom Schild an der Eingangstür einschüchtern lassen würden, oder jetzt froh darüber sind, dass sie die Lösung dieses menschlichen Nicht-Rätsels vorgesagt bekommen.

Nachtschwärmer bei ErnstUnd weil alles hier etwas umgekehrt ist, ist der Nachtschwärmer nicht in einer schicken Gegend Berlins, sondern dort, wo er ist, auf dem Wedding und innerhalb dessen Ruf, der ebenfalls wie ein Schild am gedanklichen Eingangstor des Bezirks hängt; und weil hier alles etwas umgekehrt ist, ist auch der Laden weder cool oder urig noch zugeschnitten für andere massentaugliche Konsumadjektive der virtuellen Welt. Er ist im normalsten Sinn gemütlich, weil er sich so herausgejammt hat, und weil die Leute, die ihn betreiben, wissen, wer hier öfters hereinkommen und wer ihn mit der Mode der Saison verlassen wird. Und weil sie es sich seit zwanzig Jahren darin gemütlich gemacht haben, wissen sie, wie er am besten funktionieren, leben und überdauern wird.

Hier ein Vorraum…

…mit Sitzgelegenheiten samt Bar, wo man sich ein Bier bestellen kann:

  • Hallo, ich heiße Ernst, wie heißt du?
  • Hallo, ich bin Nima.
  • Wieeee? Niemand?
  • Ja, fast, NimAA.
  • Achso, Nima, hast du schon meine Tanzstange gesehen?
  • Nee, noch nicht.
  • Komm kurz mit, ich zeig sie dir, siehste, dass ist die Tanzstange; da drüber wohne ich, die führt direkt in mein Wohnzimmer, wenn die Decke nicht wäre, könnte ich aus dem Bett runter tanzen (jede und jeder, der es hört, lacht).
  • Hehe, sag mal, das ist doch eigentlich eine Feuerwehrstange, die du mir als Tanzstange andrehen willst.
  • Haha, stimmt.

…  dort ein Musikraum

Und überall kein Rauchverbot; dafür Menschen verschiedenen Alters, die nicht in eine normale Kneipe gehen, um zu trinken und zu qualmen und zu quatschen, sondern, um hier zu trinken und zu qualmen und nicht zu quatschen und Musik zu hören; auf einer kleinen Bühne, rein gequetscht in die Ecke eines konisch wirkenden Raumes, in dem sich auch ein riesiger Flachbildfernseher befindet, der aber, wie alles andere umgekehrt zum Wortsinn angebracht wurde, und aus ist… Mit dem Rücken zum Fernseher sitzt das Publikum zur Bühne und schaut, wie eine Band sich erst langsam aufwärmt und am Ende auch zu spielen beginnt und auch mal mit denen drin zum Mitjammen einlädt; manche nennen die Musik, die hier gespielt wird Jazz, manche, wie mein fremder Sitznachbar und Kenner der Musikgeschichte und dazu noch professioneller Nörgler, ebenfalls Jazz, vermutlich Nörgeljazz. In der Pause geht Ernst durch den Raum, nimmt die leeren Gläser und die vollen Aschenbecher mit und bringt dafür ein älteres Ehepaar zu den freien Stühlen direkt vor der Bühne und betreut sie durch den gesamten Abend, genauso wie er und die freundliche Barfrau sich um die anderen Menschen kümmern. Und da fällt mir erst ein, dass manchmal der Name dieser Musikkneipe mehr Omen als nur Nomen ist; nach der Pause ist vor der Pause, denn es spielen auch heute andere Gruppen um ihr Leben, während schon einige am Schild an der Eingangstür gescheitert sind.

  • Sag mal, geht ihr schon?
  • Ja, müssen wir leider.
  • Schade, aber nicht vergessen, am 16. [März 2014] ist unser Zwanzigjähriges, das ist erst die Halbzeit, hehe.

Der 16. März ist ein Sonntag, aber nicht für Freunde und Mitglieder. Und was bist du?

Autor: Nima Kaviani

Der Nachschwärmer bei Ernst
Sprengelstraße 15
13353 Berlin-Wedding
Website und Programmkalender

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