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Bahnhöfe im Wedding:
Nahtstelle Bornholmer Straße

12. Juni 2015

S Bhf Bornholmer S-BahnEin eigen­ar­ti­ges Schau­spiel unter der Böse­brü­cke. Zwei rot-gel­be S‑Bahnen fah­ren neben­ein­an­der, nur für ein paar Sekun­den, so dicht, dass sich die Fahr­gäs­te zuwin­ken könn­ten, doch trennt eine Beton­mau­er sie von­ein­an­der. Alle andert­halb Minu­ten wird bei der einen Bahn die Tür­schlie­ßung betä­tigt, und etwas zu schnell für die enge Kur­ve fährt sie auch. Die ande­re hin­ge­gen fährt am Bahn­steig ohne Halt vor­bei. Die Züge neh­men unter­schied­li­che Rich­tun­gen, eine ver­schwin­det im Ost­teil, die ande­re im West­teil Ber­lins. Die Epi­so­de zeigt: unter all den Absur­di­tä­ten, die die Tei­lung der Stadt ab 1961 mit sich brach­te, nahm der Bahn­hof Born­hol­mer Stra­ße eine her­aus­ra­gen­de Stel­lung ein.

S Bhf Bornholmer ZugangsgebäudeDer Ort war zu Mau­er­zei­ten eine Naht­stel­le zwi­schen Ost und West, ein Grenz­über­gang zwi­schen den Bezir­ken Prenz­lau­er Berg und Wed­ding, über­spannt von der über 100 Jah­re alten Böse­brü­cke. Die­se spiel­te beim Mau­er­fall am 9. Novem­ber 1989 die Haupt­rol­le. Bil­der der Brü­cke gin­gen um die Welt. Auf der Süd­sei­te der Brü­cke wur­de 1935 ein Hal­te­punkt in die bestehen­den S‑Bahnstrecken hin­zu­ge­fügt. Das fünf­ecki­ge Emp­fangs­ge­bäu­de (Archi­tekt: Richard Bra­de­mann) ähnelt sei­nem sie­ben­ecki­gen Bru­der, dem Bahn­hof Hum­boldt­hain, der weni­ge Mona­te zuvor ein­ge­weiht wor­den war. Bra­de­mann arbei­te­te an der Born­hol­mer Stra­ße jedoch mit mehr Glas und hel­len Kera­mik­plat­ten; auch ein Turm mit dem S‑Bahn-Signet krönt das Zugangs­ge­bäu­de. Die Archi­tek­tur hat expres­sio­nis­ti­sche Anklän­ge, das Gebäu­de ist aber auch ein Ver­tre­ter der Moder­ne.  Unten gab es (wie heu­te) zwei Bahn­stei­ge, aber nur drei Glei­se: die S‑Bahn-Stre­cke zur Schön­hau­ser Allee kam erst nach dem Krieg hinzu.

S Bahn Bornholmer Str Zugang

S‑Bahn zwischen den Mauern

Nach dem Bau der Mau­er teil­te die Deut­sche Reichs­bahn näm­lich das S‑Bahn-Netz und kapp­te Ost-West-Ver­bin­dun­gen. Doch hier an der Born­hol­mer Stra­ße, wo ab dem 13. August 1961 kei­ne Züge mehr hal­ten durf­ten, kamen sich die bei­den Net­ze für eini­ge Meter ganz nahe. Aus der eins­ti­gen Stamm­li­nie mit meh­re­ren Ver­äs­te­lun­gen waren nun zwei sepa­ra­te, sich nur auf Sicht­ab­stand berüh­ren­de Stre­cken gewor­den. Die Ost-Züge fuh­ren ohne Halt auf einer neu­en S‑Bahn-Stre­cke zwi­schen Schön­hau­ser Allee und Pan­kow, gin­gen mit dem Wes­ten bis auf eini­ge Meter Abstand auf Tuch­füh­lung. Um Flucht­ver­su­che zu ver­hin­dern, muss­ten die Züge min­des­tens 40 Stun­den­ki­lo­me­ter in der engen Kur­ve fah­ren. Wie­der­holt schlos­sen die Fah­rer die Türen wäh­rend der Fahrt durch Druck­luft­ver­rie­ge­lun­gen. Aus gutem Grund: nur hier fuh­ren die Bah­nen zwi­schen Vor­der- und Hin­ter­land­mau­er, kamen DDR-Bür­ger dem Wes­ten so nah wie sonst nirgends.

S Bhf Bornholmer neue ZugangsgebäudeDoch nach dem Mau­er­fall wur­de die Sta­ti­on plötz­lich wie­der gebraucht. 1990 eröff­ne­te die BVG auf der Nord­sei­te der Böse­brü­cke ein moder­nes Zugangs­bau­werk, das aber nicht in Kon­kur­renz zu sei­nem his­to­ri­schen Pen­dant auf der Süd­sei­te tritt. Züge der West-Lini­en hiel­ten als ers­te wie­der an der Born­hol­mer. Die Ost-Lini­en, die bau­lich voll­kom­men getrennt ver­lie­fen, beka­men pro­vi­so­ri­sche Sei­ten­bahn­stei­ge. Das bedeu­te­te lan­ge Fuß­we­ge für Fahr­gäs­te, die zum Bei­spiel von Pan­kow nach Gesund­brun­nen möch­ten, aber immer­hin war ein Umstei­gen jetzt wie­der mög­lich. Es soll­te noch bis 2001 dau­ern, bis die Holz­kon­struk­ti­on abge­ris­sen wur­de und der Bahn­hof wie­der sei­ne Funk­ti­on als prak­ti­scher Umstei­ge­punkt erhielt, dies­mal mit vier Gleisen.

Zugang Bornholmer Str Brücke

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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