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Ein zeitgeschichtliches Relikt:
Am Ende der Landebahn: Tegels Boeing 707

Leider rostet eine alte Boeing-Maschine im Wald vor sich hin. Dabei ist sie ein Stück Berliner Geschichte, wie sie sich so nur in dieser Stadt abspielen konnte.

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Foto: Ian Hawkins (2012)
Foto: Ian Haw­kins (2012)

Wenn man west­lich vom Volks­park Reh­ber­ge und in der Nähe vom Flug­ha­fen Tegel unter­wegs ist, erreicht man ganz im Wes­ten das Ende des Flug­ha­fen­zauns. Dort, am Ende von der Lan­de­bahn, ver­steckt zwi­schen Gestrüpp, steht ganz ver­las­sen Tegels Boe­ing 707.

In Ber­lin lernt man schnell, dass alles in die­ser Stadt eine Geschich­te hat. Immer wenn etwas ein biss­chen unor­tho­dox aus­sieht, ist es das meist auch.

Es gibt am Flug­ha­fen Tegel eine Men­ge alte und aus­ge­mus­ter­te Flug­zeu­ge, die für Trai­nings genutzt wer­den. Aber die ein­sa­me Boe­ing 707 sieht dort im Gestrüpp nicht wie eine Trai­nings­ma­schi­ne aus. Es gibt am Flug­zeug kei­ner­lei Spu­ren von Rauch oder Feu­er­schä­den, noch sind in der Nähe Gebäu­de, die für Übun­gen genutzt wer­den könn­ten. Mit ihrer Luft­han­sa-Lackie­rung aus den Sech­zi­ger­jah­ren sieht die Boe­ing 707 irgend­wie ver­ges­sen und, wie so viel in die­ser Stadt, ein biss­chen eigen­ar­tig aus.

Entführung auf dem Weg nach Amsterdam

Foto: Aero Icarus (2013)
Foto: Aero Ica­rus (2013)

Die Boe­ing 707 am Flug­ha­fen Tegel hat eine ziem­lich beweg­te Geschich­te. Sie wur­de 1961 für die israe­li­sche Air­line El Al gebaut. Am 6. Sep­tem­ber 1970 wur­de die Maschi­ne auf einem Flug nach Ams­ter­dam ent­führt. Am glei­chen Tag wur­de drei wei­te­re Flug­zeu­ge durch die Popu­lar Front for the Libe­ra­ti­on of Pales­ti­ne (PFLP) ent­führt. Die Tege­ler 707 wur­de durch Patrick Argüel­lo und Lei­la Kha­led entführt.

Wäh­rend der Ent­füh­rung führ­te der Pilot einen soge­nann­ten “Para­bel­flug” durch, bei dem er das Flug­zeug in einen Sturz­flug brach­te, wodurch in der Kabi­ne Cha­os ent­stand. Israe­li­sche Sicher­heits­be­am­te konn­ten in Fol­ge des­sen die Ent­füh­rer fes­seln und auf dem Aus­weich­flug­ha­fen Lon­don Heathrow den loka­len Ermitt­lern übergeben.

Nach Berlin im Schutz der Nacht

Die Tege­ler 707 ist im Anschluss wei­ter für die israe­li­sche Flug­li­nie El Al geflo­gen. Anschlie­ßend war sie Teil der Flot­te von Arkia. In den Acht­zi­gern kauf­te Boe­ing die Machi­ne zurück, um sie im Rah­men der Fei­er­lich­kei­ten zum 750. Geburts­tag der Stadt an West­ber­lin zu verschenken.

Zur glei­chen Zeit hat­te die Luft­han­sa ihre 200. Boe­ing Maschi­ne gekauft, wes­halb Boe­ing die Tege­ler 707 pas­send im Luft­hansade­sign lackier­te. Der Flug­raum über West­ber­lin war in den Acht­zi­gern aller­dings noch unter Kon­trol­le der Allier­ten, wes­halb Luft­han­sa die 707 nicht nach Tegel flie­gen durf­te. Zu dem Zeit­punkt durf­ten weder eine deut­sche Flug­li­nie, noch ein deut­scher Pilot im West­ber­li­ner Luft­raum fliegen.

Foto: Axel Mau­rus­z­at (2007)

Boe­ing ent­schied sich dazu, die Luft­han­sa-Lackie­rung mit wei­ßen Auf­kle­bern zu ver­de­cken und die Maschi­ne mit Hil­fe eines ame­ri­ka­ni­schen Pilo­ten nachts nach Tegel zu flie­gen. Am Mor­gen waren die Auf­kle­ber ver­schwun­den und Pas­sa­gie­re in Tegel wun­der­ten sich über die 707 der Luft­han­sa auf dem Flugfeld.

Wäh­rend die Alli­ier­ten den Luft­raum von West­ber­lin kon­trol­lier­ten, durf­te nicht ein­mal der Ret­tungs­hub­schrau­ber des ADAC von einem deut­schen Pilo­ten geflo­gen wer­den – der Pilot war bis zur Über­ga­be des Luft­raums Amerikaner.

Lang­fris­tig waren Instand­hal­tungs­kos­ten, die öffent­lich gut zugäng­li­che Maschi­ne und Van­da­lis­mus die Grün­de dafür, dass die 707 den Platz wech­seln muss­te. Güns­ti­ger und siche­rer, aber vor der Öffent­lich­keit wei­test­ge­hend ver­steckt. Heu­te wird die Maschi­ne gele­gent­lich für Eva­ku­ie­rungs­trai­nings genutzt.

Die 707 am Tege­ler Flug­ha­fen steht ver­steckt im Gebüsch, man kann sie nur ent­de­cken, wenn man gezielt vor Ort vor­bei schaut. Die Maschi­ne sieht so aus, als wür­de sie ger­ne Pas­sa­gie­re um die Welt flie­gen; aber das wird wohl nie wie­der passieren.

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1 Comment

  1. nfo zu Ihrem Bericht vom 23.10.20. Boe­ing 707:

    Nach einer Aus­fahrt 1984 mit mei­nem 20 Jah­re alten Glas Isar 700.

    Beim Besuch am Flug­ha­fen Tegel habe ich die Boe­ing 707 gesehen.

    Zu der Zeit konn­te man noch an das Flug­zeug ran. Dann entstanden

    die Bil­der Glas ISAR und der Boe­ing. Die Bil­der fin­den sie im Anhang.

    Ich wer­de den wei­te­ren Weg der Boe­ing wei­ter verfolgen.

    Als alter Tegel­or­ter wer­den wir den TXL Vermissen.

    LG

    Horst Eber­hard Tegelort

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