O-Slow: Aromenreiche Überraschungen

Seit Jahren nutze ich die Schwedenstraße eher für Foto-Touren oder als Abkürzung, um in die Badstraße und zur Panke zu kommen. Gastronomisch gab es bis jetzt keinen wirklichen Anreiz, diese Straße direkt anzusteuern – bis jetzt.

 Fast schon versteckt liegt in der Nummer 3b das O-Slow, das im November 2018 eröffnet hat. Kein Außenschild weist auf dieses kleine Restaurant hin, welches eingequetscht zwischen den Häusern liegt.
 Um aromenreiches, frisches japanisches oder libanesisches Essen zu genießen, könnte man im Reisebüro ein Flugticket kaufen und sich in die nächste Maschine setzen. Oder man geht ins O-Slow, wo vorher viele Jahre ein Reisebüro war, und tritt die Reise vor Ort kulinarisch an.



Weit weg vom üblichen Standard

Mami Yamasaki und Wissam Khaled waren in den letzten Vorbereitungen, als wir eintraten. Wir wurden herzlich von den sympathischen Betreibern empfangen, welche in ihrer kleinen offenen Küche noch am Feinschliff für ihr fast täglich wechselndes Menü waren. Und hier sind wir auch schon bei einer der Besonderheiten, denn es ist ein Menü auf einem Teller – libanesische und japanische Küche. 
Je nachdem wer von den eigentlich drei Betreibern den Tag kocht, überwiegt eine Länderküche mehr. 
Wahid el Solh, der Dritte im Bunde, hatte an dem Tag frei.

 An diesem Abend bestand das Teller-Menü aus einer Nyumen-Nudelsuppe, Kartoffel-Minz-Salat und gebratenen marinierten Tofu, mit grüner Paprika und braunen Reis. Es klang nach einem übersichtlichen „Gericht“, aber wir sollten später eines Besseren belehrt werden.
 Auch ist die Getränkeauswahl weit weg vom Standard. 
Keine typischen Hipster-Marken im Überfluss, sondern erfrischende hausgemachte Zitronen-Orangen-Limo, Hōjicha (gerösteter grüner Tee aus Japan), je eine Sorte Rot- oder Weißwein und Arak (ungesüßter libanesischer Anisschnaps) – als Appetizer oder Absacker – wurden angeboten.
 Da fielen das (Bio-)Lammsbräu und das gute Sterni, als hopfenhaltige Option, schon eher aus dem Rahmen. Vor Jahren haben sich die aus Japan stammende Mami und die beiden Libanesen Wissam und Wahid eher zufällig in Berlin kennengelernt, woraus schnell eine Freundschaft entstand. 
Essen war dabei immer Thema und so kam die Idee, die beiden grundverschiedenen Länderküchen einfach mal zu verbinden.
 Nach vielem hin und her war die Selbstständigkeit das nächste Ziel. Einige Zeit später wurden sie im Gesundbrunnen, in einem ehemaligen Reisebüro, fündig. 
Der Umbau war eine Bewährungsprobe für alle drei, aber auch ein guter Test für den Traum vom eigenen Restaurant.
 Sie haben alles selbst restauriert, gebaut und geschreinert. Aus den alten Bodendielen der vorigen Küche ist der Tresen entstanden – alles in Absprache mit den Behörden. 
Im hinteren Teil die nächste Besonderheit, denn hier findet man neben den orientalisch anmutenden Sitzmöglichkeiten auch die höher gelegene Zashiki – eine japanische Sitzecke – aus Massivholzpaletten. 
Untermalt wird alles mit Deko-Elementen aus allen Jahrzehnten und verschiedensten Ländern.

Durchdachtes Menü

Als das Essen serviert wurde, staunten wir nicht schlecht. Was anfangs einfach geklungen hat, sah auf einmal nach vielen Aromen und experimentellen Genuss aus.
 Die Suppe bestand aus veganen Dashi, So-men-Nudeln, Soja-Milch, grünem Koriander, Frühlingslauch, schwarzen Pfeffer und Chili-Öl. Die einzelnen Aromen waren klar erkennbar und die leichte Schärfe gab einen Kick. 
Der Kartoffel-Minzsalat, angelehnt an ein libanesisches Arme-Leute-Essen, hatte eine dezente Zitronen-Note und die Minze verlieh dem Ganzen das gewisse Etwas – sehr überraschend.
 Der Feldsalat darunter war leicht mit einer Marinade aus Soja-Sauce und verschiedenen Gewürzen angemacht.
 Dann kam der Part, der die ganze Zeit kräftig verführerisch duftete, der marinierte Tofu mit grüner Paprika und braunen Reis. Beim Tofu hatte ich Anfangs so meine Bedenken, da dieser über Jahre dermaßen gehyped und „verwurstet“ wurde, dass meine Assoziation dazu alles andere als positiv war. Das O-Slow, besser gesagt die Mami, zeigte uns aber, dass es immer noch eine wahre Gaumenfreude ist – wenn man sich auf die Zubereitung versteht.
Toll mariniert, weich und mit schönen Röstaromen, löste dieser asiatische Bohnenkäse Begeisterung aus. Die angebratenen Paprika und grünen dicken Bohnen wurden mit fein geschnittenen Nori-Algen gekrönt. Der braune Reis darunter war fluffig, nicht überwürzt und hatte noch Biss – eine gehaltvolle Kombination. Das Schöne an diesem durchdachten Menü war, dass man die Suppe, den Salat und den Tofu mit Reis ohne weiteres zusammen essen bzw. alles kombinieren konnte. Es schmeckte in jeder Hinsicht und war gut abgestimmt.

 Den Abend beschlossen wir bei grünem gerösteten Tee und Sfouf („sandiger“ Aniskuchen). So endete unsere kulinarische Reise mit vielen Eindrücken, schönen Gesprächen und köstlichen Überraschungen.

Das O-Slow mit seinem doch ungewöhlichen Konzept könnte zu einem Geheimtipp werden. Wer frische orientalische und asiatische Länderküche mag, wird hier bestimmt glücklich werden. Dafür sorgen auch die herzlichen Betreiber, die jeden Gast liebevoll umsorgen.
 (Psssst…  nicht jedem weitersagen!)

O-Slow


Schwedenstr. 3b, 
13357 Berlin 



Mo.-Di. geschlossen
, Mi.-Sa. 18-23 Uhr
 So. geschlossen



Facebook: https://www.facebook.com/o.slow.berlin/



m.me/o.slow.berlin


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