Ich komm‘ nicht klar damit! Ein Beratungsgespräch

Heike Fahrnländer (rechts) bei einem Beratungsgespräch in der MachBar. Foto: MachBar
Heike Fahrnländer (rechts) bei einem Beratungsgespräch in der MachBar. Foto: MachBar

Am Antrag fürs Arbeitslosengeld II scheitern viele. Wer Glück hat, findet Hilfe – so wie in der MachBar. Das Team vom Beratungsladen hilft zum Beispiel mit den Briefen vom Amt und beim Ausfüllen von Anträgen. Seit zehn Jahren gibt es die MachBar von der gemeinnützigen Schildkröte GmbH in der Putbusser Straße 29 im Brunnenviertel. Der Bedarf an Beratung ist groß. Seit 2006 hat das Team insgesamt 12.000 Beratungen durchgeführt. Wir haben bei einer Beratung zugehört.

Die Vorgeschichte

Maria (Name von der Redaktion geändert) kommt seit Jahren regelmäßig in die MachBar. Früher war sie im betreuten Einzelwohnen und hat nach dem Ende dieser Zeit von ihrer Betreuerin den Tipp bekommen, sich bei der MachBar zu melden, wenn sie Unterstützung benötigt. Auch wenn sie inzwischen in Neukölln wohnt, steuert Maria einmal im Monat die MachBar im Brunnenviertel an. Sozialmanagerin Heike Fahrnländer hilft der jungen Mutter, die sich gerade vom Vater ihres Kindes getrennt hat, beim Ausfüllen von Unterlagen, bei der Korrespondenz mit Behörden und hört auch zu, wenn die junge Frau ihr das Herz ausschüttet.

Die Beratung

Heike Fahrnländer: Hallo Maria, was hast du mitgebracht?
Maria: Ich hab ganz viel Papierkram.
Heike Fahrnländer: Zeig mal her.

Ein Brief vom Jugendamt

Der Beratungsladen MachBar in der Putbusser Straße 29. Foto: D. Hensel
Der Beratungsladen MachBar in der Putbusser Straße 29. Foto: D. Hensel

Maria holt fünf Briefe aus ihrer Tasche. Ganz oben liegt der Antrag auf Unterhaltsvorschuss. Heike Fahrnländer zieht ihn zu sich herüber, kreuzt an. Die meisten persönlichen Daten der jungen Frau weiß Heike Fahrnländer aus dem Kopf. Hin und wieder fragt sie Informationen nach und trägt sie in das Dokument ein. Maria beobachtet wie der Kugelschreiber gezielt über das Papier huscht, ihr kleiner Sohn wartet geduldig in seinem Kinderwagen. Der Brief, der ans Jugendamt geschickt werden soll, ist fertig. Maria reicht Heike Fahrnländer das nächste Schreiben über den Tisch.

Maria: Das muss ich auch ganz dringend ausfüllen, meinen neuen Jobcenter-Antrag.
Heike Fahrnländer: Wann hast Du den Brief bekommen? Oh, den hast du ja schon eine Weile.
Maria: Hm, ja. Seit letzten Monat.

Ein Antrag an das Jobcenter

Nun vertieft sich Heike Fahrnländer in das Papier. Sie wiederholt laut, was sie einträgt, fragt nach – Maria erklärt, wenn der Sozialmanagerin die Fakten fehlen.

Heike Fahrnländer: Das hättest du auch allein ausfüllen können.
Maria: Nee, ich komm immer nicht so klar damit.
Heike Fahrnländer: Jetzt musst Du unterschreiben und dann bringst Du das morgen gleich hin. Die brauchen ja bestimmt ein bisschen um das zu bearbeiten. Dann solltest du das relativ schnell abgeben. Am besten, du bringst es morgen gleich hin, ja?
Maria: Ja, mach ich.
Heike Fahrnländer: So, auf den Erledigt-Stapel!
Heike Fahrnländer: Und? Hast du schon alles organisiert für seinen Geburtstag?
Maria: Nee. Ich weiß auch überhaupt nicht, was ich machen soll. Vielleicht ein bisschen Kaffee, Familientreff.
Heike Fahrnländer: Kleine Torte mit einer Kerze.
Maria: Ja.

Ein Antrag auf GEZ-Befreiung

Nun ist der Antrag auf Befreiung von der GEZ-Gebühr an der Reihe. Heike Fahrnländer füllt den Antrag aus und holt aus dem Nebenraum einen Umschlag und eine Briefmarke, faltet den Antrag und steckt ihn in den Umschlag. Die Briefmarke, erklärt sie, gehört eigentlich nicht zum Service des Beratungsladens. Aber gerade bei sehr jungen Hilfesuchenden wie Maria mache sie eine Ausnahme, da sie mehr Unterstützung benötigten als ältere.

Heike Fahrnländer: Hier, nun kannst du ihn gleich einstecken. Ich möchte nicht, dass du ihn mit nach Hause nimmst und dann vier Wochen lang in der Tasche spazieren trägst, deshalb habe ich gleich ein Briefmarkt draufgeklebt. Nun ist er schon fertig und du brauchst ihn nur einwerfen.

Ein Brief vom Amtsgericht

Maria zieht einen letzten Brief aus der Tasche. Er kommt vom Amtsgericht und behandelt „eine weitere Baustelle“ wie Heike Fahrnländer erklärt. Maria hat Schulden von etwa 1000 Euro, die aus einem Vertragsverhältnis stammen, das sie zusammen mit ihrem jetzigen Ex-Freund abgeschlossen hat. Heike Fahrnländer liest den Brief, der aus zwei Teilen besteht und erklärt Maria, wie die beiden Briefe – einer vom Gericht, einer vom Anwalt des Gläubigers – zusammenhängen.

Heike Fahrnländer: Der Brief vom Anwalt ist nur zur Information, damit du weißt, was die Kanzlei haben will.
Maria: In dem Brief steht jedenfalls, ich soll innerhalb von zwölf Wochen die ganze Summe überweisen. Wenn ich das nicht kann, soll ich in derselben Frist eine Ratenzahlung vereinbaren.
Heike Fahrnländer: Wie viel kannst du denn?
Maria: Frag mich mal! Ich hab gar keine Ahnung. Also auf jeden Fall nicht viel. So wenig wie möglich erstmal. Man kann ja später immer noch erhöhen, wenn mal eine Arbeit dazu kommt. Vielleicht 20 Euro oder so.
Heike Fahrnländer: Ok, ich mache das Schreiben fertig und biete das erstmal an. Dann werden wir ja sehen.
Maria: Gut. Wenn sie nicht einverstanden sind bringt das aber auch nichts. Ich habe ja nichts.
Heike Fahrnländer: Das war’s? Ist ja gar nicht so viel. Hast du dich denn schon für einen Kitaplatz angemeldet?
Maria: Nee, weil ich war beim Jugendamt wegen einer anderen Sache und dann sagten die, ich soll noch mal anrufen, sie wären erreichbar. Aber dann hat das keiner abgenommen. Danach hat sich auch keiner mehr gemeldet.
Heike Fahrnländer: Du gehst doch wegen des Unterhaltsvorschusses jetzt sowieso zum Jugendamt. Dann steck doch gleich mal den Kopf in die Tür der Bearbeiterin. Kitaplatz insofern: Einen ganzen Tag werden sie dir nicht genehmigen, aber ein paar Stunden schon. Aber dann könntest du auch noch mal gucken, ob du ein 400-Euro-Beschäftigungsverhältnis bekommst. Jetzt um die Weihnachtszeit schreiben viele Geschäfte solche Jobs aus.
Maria: Das wäre eigentlich ganz gut.
Heike Fahrnländer: Wenn du Hilfe bei der Bewerbung brauchst, meine Kollegin Frau Acksel hilft dir. Oder vielleicht doch eine Ausbildung …
Maria: Naja … ich weiß nicht.
Heike Fahrnländer: Gut, die Baustelle gehen wir dann demnächst an.
Maria: Na gut. Das war’s eigentlich.
Heike Fahrnländer: Dann mach’s gut, Maria! Meldest du dich wenn was ist?!
Maria: Mach‘ ich. Tschüss!

Die gesamte Beratung dauerte 50 Minuten, einen Ausschnitt haben wir dokumentiert.

Beratungsladen MachBar, Putbusser Straße 29, Telefon: (030) 46 06 95 16, E-Mail: fahrnlaender(at)schildkroete-berlin.de

Notiert von Dominique Hensel. Fotos: Hensel, Beratungsladen MachBar

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