Ein Jahr „Herr Bielig“ oder Wenn ich durchhalte, wird es klappen

Regina Bielig in ihrem Laden in der Soldiner Straße. Foto: Charlotte Bolwin
Regina Bielig in ihrem Laden in der Soldiner Straße. Foto: Ch. Bolwin

Das Café „Herr Bielig – Der Laden“ ist ein bunter Stilmix aus Restaurant und Tante-Emma-Laden mit dem Charme eines Trödels und der Spontanität einer Eisdiele. Statt WLAN gibt es hier wechselnde Lebensweisheiten an der Wand, Kuchen aus Omas Zeiten, Tagesgerichte oder Kaffee zum Mitnehmen. Vor kurzem feierte das Café seinen ersten Geburtstag im Soldiner Kiez. Besitzerin Regina Bielig zieht Bilanz.

Böse Zungen behaupteten früher: „Wer nichts wird, wird Wirt.“ Ist dieses Sprichwort noch aktuell?
Regina Bielig:
Dieses alte Sprichwort war noch niemals aktuell. Ich stelle es mir so vor: Leute, die abends in der Kneipe trinken gingen und ihr Geld versoffen haben, waren manchmal die, die am Ende selbst eine Kneipe aufgemacht haben. Ein guter Gastronom mit einer guten Ausbildung hingegen kann stolz auf seinen Laden sein.

Das „Herr Bielig“ hat ein buntes Konzept: Möbel, Restaurant, Café und seit Kurzem gibt es auch Abendessen und Frühstück. War das die ursprüngliche Idee – von allem etwas?
Regina Bielig: Die Idee für eine Kombination aus Restaurant und Laden hatte ich schon lange. Früher hatten wir ein Restaurant im Prenzlauer Berg. Dort hat das sehr gut funktioniert. Ich dachte, es muss auch hier gut klappen. Viele junge Menschen ziehen her und die brauchen vielleicht etwas Hausrat, Möbel oder Geschirr. Und wir hatten noch Möbel aus dem alten Herr Bielig im Prenzlauer Berg. Warum nicht beides in einem anbieten, Restaurant und Laden?

Herr Bielig - Der Laden in der Soldiner Straße 32. Foto: D. Hensel
Herr Bielig – Der Laden in der Soldiner Straße 32. Foto: D. Hensel

Daher auch der Titel: „Herr Bielig der Laden“. Und wie geht das Konzept auf?
Regina Bielig: Das klappt schon ganz gut. Es müsste aber noch viel, viel besser werden. Viele junge Menschen, die zum Wohnen in den Wedding gezogen sind gehen noch immer in ihre alten Kieze zum Essen, Trinken und Ausgehen. Ich möchte mit meinem Laden ganz verschiedene Leute ansprechen: Für Kinder gibt es Eis, für die älteren Kaffee und Kuchen, für Leute, die hier arbeiten Mittagstisch.

Was fehlt zur Zeit noch?
Regina Bielig: Ich wünsche mir mehr Kultur im Wedding. Es ist hier noch etwas verschlafen. Die Menschen sollten mehr eingebunden werden. Es wird von viel Kultur geredet, aber das Interesse fehlt und die Aktivitäten müssen noch besser auf die Menschen, die hier leben zugeschnitten werden. Der Panke-Parcours war zum Beispiel eine gute Idee, aber nach einigen Tagen ist alles wieder vorbei.

Bis vor nicht allzu langer Zeit war die Soldiner Straße eine der ärmsten Straßen Berlins. Nun ziehen Familien und Studenten her. Es gibt verschiedene gesellschaftliche Gruppen, Altersklassen, Hintergründe und Nationalitäten. Was braucht der Kiez aus Ihrer Sicht eigentlich gerade?
Regina Bielig: Ganz einfach: Mehr Miteinander und mehr kleine Läden. Mehr für den täglichen Bedarf. Zum Beispiel kleine Tante-Emma-Läden für Brot und Lebensmittel, zusätzlich zum Penny an der Ecke. Oder auch Bücherläden, Spielzeug für Kinder, Kleidung. Es sollten sich mehr kleine Geschäfte trauen, wieder in den Wedding zu gehen.

Bücherläden und Kinderkleidung – das klingt nach Prenzlauer Berg.
Regina Bielig: Es müsste ja nicht gleich so hochpreisig sein. Wir haben damals auch klein angefangen. Bei den Mieten in Berlin muss man den Leuten eben auch entgegenkommen. Leider sind die Vermieter auch hier dabei, mit der Miete richtig Geld zu machen. Das ist schade. Auch die Läden sind sehr teuer …

Die Mieten sind also nicht nur ein Problem für die Menschen, die hier leben, sondern auch für die Gastronomie? Schlägt sich das auch in den Preisen nieder?
Regina Bielig: Auf jeden Fall! Wohnen ist teuer geworden. Die Preise sind aber auch eine Frage der Qualität. Und Qualität möchte ich unbedingt anbieten. Das Problem ist, dass viele Leute sich nichts mehr leisten wollen. Die Leute, die hier her ziehen, sind zum Beispiel aus Neukölln oder Kreuzberg – sie sind Qualität gewöhnt, aber wollen sie nicht bezahlen. Viele denken vermutlich, der Wedding sei alt, abgeschrammelt und vor allem: billig. Ich will hier aber auch Qualität anbieten. Mit einem Döner für 1,50 kann ich nicht mithalten. Dafür sind bei mir keine Konservierungsstoffe und kein Palmfett drin.

Wünschen Sie sich als Gastronomin einen schnellen Image-Wechsel für den Soldiner Kiez?
Regina Bielig:
In gewisser Weise schon. Es gibt ja auch Imbisse, die ihr Essen günstig anbieten, und das soll auch so sein. Es geht um ein Miteinander. Aber das dauert sicherlich noch ein bisschen. Es gibt schon viele WGs und junge Leute, die sich auch mal etwas leisten –und gerne gut essen. Deswegen bin ich auch hier. Ich wollte schon einen Laden machen für die, die sich auch etwas gönnen. Es bleiben noch zu wenige Leute stehen. Viele laufen einfach vorbei oder sprechen mich an: Seit wann sind sie denn hier? Auch Leute, die jeden Tag hier vorbei kommen. Es ist hier gar nicht so leicht, die Soldiner Straße ist eben ein Durchläufer. Ich hatte ein Werbeschild an der Panke-Brücke, das wurde leider zertreten.

Was ist denn mit denen, die sich ein Abendessen für 15 Euro nicht leisten können – oder wollen?
Regina Bielig:
Das Abendessen im Herr Bielig ist ein spezielles Angebot. Ich will damit auch mal ausprobieren, ob so etwas hier funktioniert. Damit ist auch für mich ein gewisser Planungsaufwand verbunden. Durch die Anmeldungen kann ich sicher kalkulieren. Tagsüber kriegt man hier ja für 3,50 ein frisch gekochtes Essen. Das Angebot soll Leute ansprechen, die sich auch mal etwas Gutes leisten wollen: frisches Fleisch, handgemachte Klöße und kein Rotkraut aus dem Glas. Ich denke, die Preise sind da schon gerechtfertigt.

Was ist ihre Wunschvorstellung: Wie sieht das Herr Bielig in einem Jahr aus?
Regina Bielig: Die Kundschaft sollte noch regelmäßiger kommen. Aber ich bin schon sehr zufrieden! Die Leute, die kommen, kommen auch wieder. Ich habe schon viele Stammkunden. Und das ist in Zeichen dafür, dass wir es schon ganz gut machen. Die beiden Herren draußen kommen zum Beispiel jeden Mittwoch. Das ist ein Zeichen für mich: Wenn ich durchhalte, wird es klappen. In einem Jahr, das wäre mein Wunsch, möchte ich nicht mehr so viel arbeiten müssen, wie jetzt. Zurzeit mache ich fast alles alleine: Backen, kochen, putzen.

Um die Ecke finden sich einige etablierte Restaurants und Bars. Haben Sie auch Kontakt zu den anderen Wirten im Kiez?
Regina Bielig: Natürlich hört man sich um und tauscht sich aus, schaut, was die anderen machen. Und natürlich schaue ich auch, wer sich gerade etwas Neues einfallen lässt. Wir kommunizieren hier alle miteinander – das ist wichtig. Man muss sich vernetzen. Allerdings ist das noch meine Schwachstelle: Mit dem Internet habe ich es nicht so. Die Facebook-Seite hat meine Tochter eingerichtet.

Die Eis-Saison ist so langsam vorbei. Worauf dürfen sich die Gäste im „Herr Bielig“ denn im Winter freuen?
Regina Bielig: Im Dezember habe ich Winterpause. Da fahre ich in den Urlaub und werde mich erholen. Aber ich möchte natürlich auch weiterhin Neues ausprobieren und sehen, wie der Zuspruch ist. Zum Beispiel für ein Abendessen mit einem guten Stück Fleisch. Ich würde gerne das gastronomische Programm intensivieren. Dazu muss ich aber gucken: Kommt das bei den Leuten an? Wenn nicht, muss ich mir was Anderes ausdenken!

Eine Frage noch: Gibt es hier eine Toilette?
Regina Bielig: Leider nein, eine Toilette haben wir immer noch nicht. Aber daran scheitert es auch nicht. Wir sind eben ein Tagesgeschäft und kein klassisches Restaurant.

Herr Bielig – Der Laden, Soldiner Straße 32
Weddingweiser-Beitrag vom 29. März 2015: “Herr Bielig – der Laden”: Tradition ganz neu

Text: Charlotte Bolwin, Fotos: Charlotte Bolwin, Dominique Hensel

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