GESCHLOSSEN: “Herr Bielig” oder Wenn ich durchhalte, wird es klappen

Regi­na Bie­lig vor ihrem Laden.

Das Café „Herr Bie­lig – Der Laden“ ist ein bun­ter Stil­mix aus Restau­rant und Tan­te-Emma-Laden mit dem Charme eines Trö­dels und der Spon­ta­ni­tät einer Eis­die­le. Statt WLAN gibt es hier wech­seln­de Lebens­weis­hei­ten an der Wand, Kuchen aus Omas Zei­ten, Tages­ge­rich­te oder Kaf­fee zum Mit­neh­men. Vor kur­zem fei­er­te das Café sei­nen ers­ten Geburts­tag im Sol­di­ner Kiez. Besit­ze­rin Regi­na Bie­lig zieht Bilanz.

Böse Zun­gen behaup­te­ten frü­her: „Wer nichts wird, wird Wirt.“ Ist die­ses Sprich­wort noch aktuell?
Regi­na Bie­lig:
Die­ses alte Sprich­wort war noch nie­mals aktu­ell. Ich stel­le es mir so vor: Leu­te, die abends in der Knei­pe trin­ken gin­gen und ihr Geld ver­sof­fen haben, waren manch­mal die, die am Ende selbst eine Knei­pe auf­ge­macht haben. Ein guter Gas­tro­nom mit einer guten Aus­bil­dung hin­ge­gen kann stolz auf sei­nen Laden sein.

Das „Herr Bie­lig“ hat ein bun­tes Kon­zept: Möbel, Restau­rant, Café und seit Kur­zem gibt es auch Abend­essen und Früh­stück. War das die ursprüng­li­che Idee – von allem etwas?
Regi­na Bie­lig: Die Idee für eine Kom­bi­na­ti­on aus Restau­rant und Laden hat­te ich schon lan­ge. Frü­her hat­ten wir ein Restau­rant im Prenz­lau­er Berg. Dort hat das sehr gut funk­tio­niert. Ich dach­te, es muss auch hier gut klap­pen. Vie­le jun­ge Men­schen zie­hen her und die brau­chen viel­leicht etwas Haus­rat, Möbel oder Geschirr. Und wir hat­ten noch Möbel aus dem alten Herr Bie­lig im Prenz­lau­er Berg. War­um nicht bei­des in einem anbie­ten, Restau­rant und Laden?

Herr Bielig - Der Laden in der Soldiner Straße 32. Foto: D. Hensel
Herr Bie­lig – Der Laden in der Sol­di­ner Stra­ße 32. Foto: D. Hensel

Daher auch der Titel: „Herr Bie­lig der Laden“. Und wie geht das Kon­zept auf?
Regi­na Bie­lig: Das klappt schon ganz gut. Es müss­te aber noch viel, viel bes­ser wer­den. Vie­le jun­ge Men­schen, die zum Woh­nen in den Wed­ding gezo­gen sind gehen noch immer in ihre alten Kieze zum Essen, Trin­ken und Aus­ge­hen. Ich möch­te mit mei­nem Laden ganz ver­schie­de­ne Leu­te anspre­chen: Für Kin­der gibt es Eis, für die älte­ren Kaf­fee und Kuchen, für Leu­te, die hier arbei­ten Mittagstisch.

Was fehlt zur Zeit noch?
Regi­na Bie­lig: Ich wün­sche mir mehr Kul­tur im Wed­ding. Es ist hier noch etwas ver­schla­fen. Die Men­schen soll­ten mehr ein­ge­bun­den wer­den. Es wird von viel Kul­tur gere­det, aber das Inter­es­se fehlt und die Akti­vi­tä­ten müs­sen noch bes­ser auf die Men­schen, die hier leben zuge­schnit­ten wer­den. Der Pan­ke-Par­cours war zum Bei­spiel eine gute Idee, aber nach eini­gen Tagen ist alles wie­der vorbei.

Bis vor nicht all­zu lan­ger Zeit war die Sol­di­ner Stra­ße eine der ärms­ten Stra­ßen Ber­lins. Nun zie­hen Fami­li­en und Stu­den­ten her. Es gibt ver­schie­de­ne gesell­schaft­li­che Grup­pen, Alters­klas­sen, Hin­ter­grün­de und Natio­na­li­tä­ten. Was braucht der Kiez aus Ihrer Sicht eigent­lich gerade?
Regi­na Bie­lig: Ganz ein­fach: Mehr Mit­ein­an­der und mehr klei­ne Läden. Mehr für den täg­li­chen Bedarf. Zum Bei­spiel klei­ne Tan­te-Emma-Läden für Brot und Lebens­mit­tel, zusätz­lich zum Pen­ny an der Ecke. Oder auch Bücher­lä­den, Spiel­zeug für Kin­der, Klei­dung. Es soll­ten sich mehr klei­ne Geschäf­te trau­en, wie­der in den Wed­ding zu gehen.

Bücher­lä­den und Kin­der­klei­dung – das klingt nach Prenz­lau­er Berg.
Regi­na Bie­lig: Es müss­te ja nicht gleich so hoch­prei­sig sein. Wir haben damals auch klein ange­fan­gen. Bei den Mie­ten in Ber­lin muss man den Leu­ten eben auch ent­ge­gen­kom­men. Lei­der sind die Ver­mie­ter auch hier dabei, mit der Mie­te rich­tig Geld zu machen. Das ist scha­de. Auch die Läden sind sehr teuer …

Die Mie­ten sind also nicht nur ein Pro­blem für die Men­schen, die hier leben, son­dern auch für die Gas­tro­no­mie? Schlägt sich das auch in den Prei­sen nieder?
Regi­na Bie­lig: Auf jeden Fall! Woh­nen ist teu­er gewor­den. Die Prei­se sind aber auch eine Fra­ge der Qua­li­tät. Und Qua­li­tät möch­te ich unbe­dingt anbie­ten. Das Pro­blem ist, dass vie­le Leu­te sich nichts mehr leis­ten wol­len. Die Leu­te, die hier her zie­hen, sind zum Bei­spiel aus Neu­kölln oder Kreuz­berg – sie sind Qua­li­tät gewöhnt, aber wol­len sie nicht bezah­len. Vie­le den­ken ver­mut­lich, der Wed­ding sei alt, abge­schram­melt und vor allem: bil­lig. Ich will hier aber auch Qua­li­tät anbie­ten. Mit einem Döner für 1,50 kann ich nicht mit­hal­ten. Dafür sind bei mir kei­ne Kon­ser­vie­rungs­stof­fe und kein Palm­fett drin.

Wün­schen Sie sich als Gas­tro­no­min einen schnel­len Image-Wech­sel für den Sol­di­ner Kiez?
Regi­na Bie­lig:
In gewis­ser Wei­se schon. Es gibt ja auch Imbis­se, die ihr Essen güns­tig anbie­ten, und das soll auch so sein. Es geht um ein Mit­ein­an­der. Aber das dau­ert sicher­lich noch ein biss­chen. Es gibt schon vie­le WGs und jun­ge Leu­te, die sich auch mal etwas leis­ten –und ger­ne gut essen. Des­we­gen bin ich auch hier. Ich woll­te schon einen Laden machen für die, die sich auch etwas gön­nen. Es blei­ben noch zu weni­ge Leu­te ste­hen. Vie­le lau­fen ein­fach vor­bei oder spre­chen mich an: Seit wann sind sie denn hier? Auch Leu­te, die jeden Tag hier vor­bei kom­men. Es ist hier gar nicht so leicht, die Sol­di­ner Stra­ße ist eben ein Durch­läu­fer. Ich hat­te ein Wer­be­schild an der Pan­ke-Brü­cke, das wur­de lei­der zertreten.

Was ist denn mit denen, die sich ein Abend­essen für 15 Euro nicht leis­ten kön­nen – oder wollen?
Regi­na Bie­lig:
Das Abend­essen im Herr Bie­lig ist ein spe­zi­el­les Ange­bot. Ich will damit auch mal aus­pro­bie­ren, ob so etwas hier funk­tio­niert. Damit ist auch für mich ein gewis­ser Pla­nungs­auf­wand ver­bun­den. Durch die Anmel­dun­gen kann ich sicher kal­ku­lie­ren. Tags­über kriegt man hier ja für 3,50 ein frisch gekoch­tes Essen. Das Ange­bot soll Leu­te anspre­chen, die sich auch mal etwas Gutes leis­ten wol­len: fri­sches Fleisch, hand­ge­mach­te Klö­ße und kein Rot­kraut aus dem Glas. Ich den­ke, die Prei­se sind da schon gerechtfertigt.

Was ist ihre Wunsch­vor­stel­lung: Wie sieht das Herr Bie­lig in einem Jahr aus?
Regi­na Bie­lig: Die Kund­schaft soll­te noch regel­mä­ßi­ger kom­men. Aber ich bin schon sehr zufrie­den! Die Leu­te, die kom­men, kom­men auch wie­der. Ich habe schon vie­le Stamm­kun­den. Und das ist in Zei­chen dafür, dass wir es schon ganz gut machen. Die bei­den Her­ren drau­ßen kom­men zum Bei­spiel jeden Mitt­woch. Das ist ein Zei­chen für mich: Wenn ich durch­hal­te, wird es klap­pen. In einem Jahr, das wäre mein Wunsch, möch­te ich nicht mehr so viel arbei­ten müs­sen, wie jetzt. Zur­zeit mache ich fast alles allei­ne: Backen, kochen, putzen.

Um die Ecke fin­den sich eini­ge eta­blier­te Restau­rants und Bars. Haben Sie auch Kon­takt zu den ande­ren Wir­ten im Kiez?
Regi­na Bie­lig: Natür­lich hört man sich um und tauscht sich aus, schaut, was die ande­ren machen. Und natür­lich schaue ich auch, wer sich gera­de etwas Neu­es ein­fal­len lässt. Wir kom­mu­ni­zie­ren hier alle mit­ein­an­der – das ist wich­tig. Man muss sich ver­net­zen. Aller­dings ist das noch mei­ne Schwach­stel­le: Mit dem Inter­net habe ich es nicht so. Die Face­book-Sei­te hat mei­ne Toch­ter eingerichtet.

Die Eis-Sai­son ist so lang­sam vor­bei. Wor­auf dür­fen sich die Gäs­te im „Herr Bie­lig“ denn im Win­ter freuen?
Regi­na Bie­lig: Im Dezem­ber habe ich Win­ter­pau­se. Da fah­re ich in den Urlaub und wer­de mich erho­len. Aber ich möch­te natür­lich auch wei­ter­hin Neu­es aus­pro­bie­ren und sehen, wie der Zuspruch ist. Zum Bei­spiel für ein Abend­essen mit einem guten Stück Fleisch. Ich wür­de ger­ne das gas­tro­no­mi­sche Pro­gramm inten­si­vie­ren. Dazu muss ich aber gucken: Kommt das bei den Leu­ten an? Wenn nicht, muss ich mir was Ande­res ausdenken!

Eine Fra­ge noch: Gibt es hier eine Toilette?
Regi­na Bie­lig: Lei­der nein, eine Toi­let­te haben wir immer noch nicht. Aber dar­an schei­tert es auch nicht. Wir sind eben ein Tages­ge­schäft und kein klas­si­sches Restaurant.

Sol­di­ner Stra­ße 32

Herr Bie­lig hat seit 1. Juli 2017 geschlossen. 

Wed­ding­wei­ser-Bei­trag vom 29. März 2015: “Herr Bie­lig – der Laden”: Tra­di­ti­on ganz neu

Text: CB, Domi­ni­que Hensel


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