Warum ist die Triftstraße so breit?

Einst eine wichtige Verkehrsader im Sprengelkiez – heute wieder für den Fahrradverkehr von Bedeutung

Das Leit­bild der »ver­kehrs­ge­rech­ten Stadt« in den 1950er und 60er Jah­ren und die Tei­lung Ber­lins degra­dier­ten die einst­mals stol­ze Trift­stra­ße zur Nebenstraße.

Ursprüng­lich hat­te alles sehr beschei­den begon­nen. Der Begriff »Trift« beschreibt die eins­ti­ge Funk­ti­on der Stra­ße: näm­lich die eines Feld­we­ges, über den das Vieh von der Wei­de in den Stall getrie­ben wur­de. Immer­hin war die­ser Weg 1820 bereits befes­tigt und als sol­cher in den Stadt­plä­nen ver­zeich­net. Eine groß­städ­ti­sche Bebau­ung ließ aller­dings noch eini­ge Jahr­zehn­te auf sich war­ten. Auf dem Gelän­de des spä­te­ren Virchow-Kran­ken­hau­ses sorg­te damals eine Abde­cke­rei, in der unter staat­li­cher Kon­trol­le Tier­ka­da­ver besei­tigt wur­den, mit ihren Talg­schmel­zen, Kno­chen­müh­len, Sei­fen­sie­dern und Ger­be­rei­en für erheb­li­chen Gestank. Nach deren Umzug in die Mül­ler­stra­ße 81 (am jet­zi­gen U‑Bahnhof Afri­ka­ni­sche Stra­ße) wur­de zwi­schen 1899 und 1906 das damals moderns­te Kran­ken­haus Euro­pas auf­ge­baut, damit begann auch der Auf­bau des Spren­gel­kiezes. Die ca. 35 Meter brei­te Trift­stra­ße bil­de­te über die Gericht- und Acker­stra­ße die Ver­bin­dung des Virchow-Kran­ken­hau­ses mit dem Ber­li­ner Zen­trum. Im Jahr 1925 rat­ter­te hier alle 7 1/2 Minu­ten die Stra­ßen­bah­nen der Linie 9 zum Wed­ding­platz, wo man in sie­ben wei­te­re Tram­li­ni­en und eine U‑Bahnlinie umstei­gen konn­te. Wei­ter ging es über Vol­ta- und Watt- in die Ber­nau­er Stra­ße und dann (ent­spre­chend des Ver­laufs der heu­ti­gen M10) zur War­schau­er Brü­cke. 1938 führ­ten gar drei Stra­ßen­bahn­li­ni­en über den eins­ti­gen Feld­weg. Da der Woh­nungs­bau im Ers­ten Welt­krieg zum Erlie­gen kam, blie­ben der größ­te Teil der nörd­li­chen Sei­te der Trift­stra­ße und vie­le Flä­chen der heu­ti­gen Beuth-Hoch­schu­le unbe­baut. Hier ent­stan­den in den kri­sen­ge­schüt­tel­ten 1920er Jah­ren Klein­gär­ten zur Selbst­ver­sor­gung mit Lebensmitteln.

Eine Ver­än­de­rung stell­te sich erst Jahr­zehn­te spä­ter im Kal­ten Krieg ein, als sich der Bahn­hof Zoo­lo­gi­scher Gar­ten als das neue Zen­trum für West­ber­lin her­aus­bil­de­te, das neu errich­te­te Han­sa­vier­tel erschlos­sen wer­den soll­te und 1953 durch die teil­wei­se Sper­rung der U‑Bahn im Ost­teil der Stadt deut­lich wur­de, dass West­ber­lin eine eige­ne und unab­hän­gi­ge Ver­kehrs­füh­rung benötigt.

Die Stadt­vä­ter im Rat­haus Schö­ne­berg beschlos­sen, mit gro­ßem Auf­wand eine von Ste­glitz über den Zoo bis zur Oslo­er Stra­ße füh­ren­de U‑Bahnlinie »G«, die spä­te­re U9, sowie die par­al­lel dazu füh­ren­den Stra­ßen­zü­ge anzulegen.

Dabei wur­de die Luxem­bur­ger Stra­ße durch das Gelän­de der Lau­ben­pie­per geführt, die Schul­stra­ße ver­brei­tert, das Zen­trum des Wed­dings vom Wed­ding­platz an den Leo­pold­platz ver­legt und dort spä­ter auch das Waren­haus Kar­stadt errich­tet. So gelang­ten vie­le bedeu­ten­de Stra­ßen­zü­ge des Wed­dings qua­si in den Hin­ter­hof – auch die Trift­stra­ße, die nun ledig­lich die Lade­ram­pe eines Gewer­be­be­trie­bes und das Park­haus der Beuth-Hoch­schu­le erschließt. Aber der auf­merk­sa­me Betrach­ter, der heu­te mit dem Fahr­rad ent­lang des mehr­fach ver­rie­gel­ten Stra­ßen­zu­ges von Trift- über Gericht- und Acker­stra­ße bis zur Muse­ums­in­sel fährt, kann hier inter­es­san­te Details der Ber­li­ner Stadt­ge­schich­te entdecken.

Autor: Eber­hard Elfert

Wich­ti­ges Ziel in der Trift­stra­ße 67 (Hin­ter­hof) sind der Brau­kel­ler und der Bier­gar­ten der Haus­braue­rei Eschenbräu

Gastautor

Als offene Plattform veröffentlichen wir gerne auch Texte, die Gastautorinnen und -autoren für uns verfasst haben.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.