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Unser Zuhause:
Surfen auf der Mietenwelle

Wir über uns: Andrei Schnell spülte die Mietenwelle in den Wedding. Seine Sicht auf Heimat und Zuhause in unserer Reihe zur Herkunft unserer Autoren.

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zuhause

“Dann sind Sie also ein Miet­flücht­ling”, frag­te mich der Quar­tiers­ma­na­ger. Das war weit vor 2015 und die Leu­te rede­ten damals so. Aus­ge­drückt wer­den soll­te, dass ich in den Wed­ding gezo­gen war, weil ich mir Ber­lin nicht mehr leis­ten konn­te. Denn der Wed­ding gehör­te in die­sen Jah­ren gefühlt nicht zu Ber­lin. So wie heu­te zum Bei­spiel der Schä­fer­see mit zuge­hö­ri­gem Rei­ni­cken­dorf Ost. Nicht nur Sprech­ge­wohn­hei­ten ändern sich, son­dern auch der Lauf der Ber­li­ner Welt. Ände­run­gen, die mich zum Miet­no­ma­den machten.

Das Wort Miet­no­ma­de muss man heu­te erklä­ren. Es war ein Kampf­be­griff der Immo­bi­li­en­ent­wick­ler, die den Ber­li­nern das Umzie­hen madig machen woll­ten. Mot­to: Reg dich nicht über stei­gen­de Mie­ten auf, bleib ein­fach da woh­nen, wo wohnst. Muss man wirk­lich ein­mal pro Jahr umzie­hen? Ant­wort: Muss­te man nicht, aber konn­te man. Ich bin viel umge­zo­gen, aller­dings nicht ein­mal pro Jahr. Das wäre mir dann doch zu anstren­gend gewe­sen. Erst leb­te ich allein, dann nahm eine Frau eine Bezie­hung mit mir auf, dann sag­te ein Kind Papa zu mir, dann ein zwei­tes. Es war üblich, sol­che Din­ge zum Anlass für einen Umzug zu neh­men. Heu­te fragt man IKEA um Rat, wie man noch eine Per­son in die 50 Qua­drat­me­ter stopft. Aller­dings gab es damals beim Wech­sel der Woh­nun­gen ein Pro­blem. Es gab Stadt­tei­le, die waren gen­tri­fi­ziert, die fie­len bei der Woh­nungs­su­che aus. Also wech­sel­te ich von der unsa­nier­ten Woh­nung im Prenz­lau­er Berg in eine hel­le Woh­nung im Fried­richs­hain. Und von dort nach Neu­kölln. Der Leser ahnt, was ich sagen will: Ich zog vor der Auf­wer­tung her. Man könn­te auch sagen: Die Stadt­tei­le änder­ten sich und des­halb ging ich fort. Wur­de zum Sur­fer vor der Hipwelle. 

Aber bit­te eines nicht unter­schät­zen! Sol­ches Tun ver­lang­te Geschick. Man muss­te in den Fin­gern spü­ren, wo zu woh­nen gera­de noch so ok war – und wo eine unbe­spro­che­ne Gren­ze über­schrit­ten war. Vik­to­ria­vier­tel hin­ter dem Bahn­hof Ost­kreuz? “Ja, da ist eigent­lich auch schön, so viel tol­le Alt­bau­ten und in Wahr­heit ja auch nicht weit weg vom Boxi.” Dage­gen Mag­da­le­nen­stra­ße: “Oh…, hm, da ken­ne ich auch weit ent­fernt jeman­den – … noch einen Milchkaffee?”

Mein Umzug in das Brun­nen­vier­tel, von dem ich nicht wuss­te, dass es so hieß, war eine Not­lö­sung. Das spre­che ich jetzt mal ehr­lich aus. Woh­nen im Wed­ding ging damals eigent­lich gar nicht. Der Bezirk lag (man sag­te trotz Ver­wal­tungs­re­form wei­ter­hin Bezirk Wed­ding) jen­seits der pein­li­chen Gren­ze. Aber was soll­te ich machen? Die Schu­le am Arkona­platz war vom Vineta­platz aus erreich­bar. Und der Preis der Woh­nung auf der einen Sei­te der Ber­nau­er Stra­ße pass­te ins Bud­get, auf der ande­ren nicht. Und es war im Grun­de gar nicht so schlecht, dass immer alle dach­ten, ich sprä­che vom U‑Bahnhof Vine­ta­stra­ße in Pan­kow. Ich beken­ne, ich wohn­te mit dem Rücken zum Wed­ding; mein Blick ging zum Prenz­lau­er Berg. In die ande­re Rich­tung zum Gesund­brun­nen schau­te ich nicht. Ich wuss­te nicht ein­mal, dass es den gibt.

“Wenn man lan­ge an einem Ort lebt, emp­fin­det man die­sen irgend­wann ganz selbst­ver­ständ­lich als Hei­mat.” Die­ser Satz lei­tet vie­le Bei­trä­ge die­ser Zuhau­se-Rei­he ein. Ich glau­be, so ein­fach ist es nicht ganz. Zumin­dest nicht bei mir. Ich erreich­te irgend­wann das Gefühl, ich ken­ne mich aus. Das kann ich bestä­ti­gen. Denn mein Geld­ge­ber ver­lang­te, dass ich mich mit dem Wed­ding beschäf­ti­ge. Und auch mein Hob­by brach­te den abge­häng­ten Stadt­teil in mein Blick­feld. Wenn mein Archiv mich nicht trügt, begann ich 2009, Beob­ach­tun­gen für Blogs wie den Wed­ding­wei­ser zu notie­ren. Man könn­te sagen, seit zwölf Jah­ren schaue ich mich im Kiez um. Und dadurch ist er mir ver­traut gewor­den. Edgar Reitz wür­de sagen: zur zwei­ten Hei­mat. Mei­ne ers­te Hei­mat (ich sage aus­drück­lich nicht mei­ne wah­re Hei­mat) ist unter­ge­gan­gen. Sie liegt im Land Bran­den­burg. Ich kann zwar die geo­gra­fi­schen Koor­di­na­ten mei­ner Kind­heits­jah­re auf­su­chen, aber die dor­ti­ge Gegend ist in den 1990er Jah­ren abge­ris­sen oder umge­baut wor­den. Die Häu­ser, zwi­schen denen ich her­an­wuchs, gibt es so heu­te nicht mehr. Wohl dem, der das Glück hat, bei Bedarf in sei­nen Hei­mat­ort fah­ren zu können. 

Ob der Wed­ding nun mei­ne Hei­mat ist – oder sagen wir mil­der: mein Zuhau­se -, das kann ich schwer sagen. Ich bin nach wie vor ein Zuge­zo­ge­ner. Wür­de mich nicht erdreis­ten zu sagen, ich bin ein Wed­din­ger. Denn ich ken­ne Men­schen, die viel län­ger hier woh­nen. Man­che sogar von Geburt an. Ich den­ke, es ist pas­siert, dass mein Leben eines eines Mie­ters ist. Und das ist ein Leben auf Zeit. Ich spü­re, wenn der Moment dran ist, wer­de ich fort­zie­hen. Die Zei­chen ste­hen im Wed­ding auf Ände­rung. Die Wel­le ist schon zu sehen, das Surf­brett liegt bereit. Das heißt, noch sind mei­ne Kof­fer nicht gepackt, aber wenn es soweit ist, wer­de ich erneut irgend­wo ein­tref­fen. Vor der mich ver­fol­gen­den Ver­drän­gungs­wel­le. Bis dahin mache ich es mir wie ein Dau­er­cam­per gemüt­lich. Wenn es eine Hei­mat für mich gibt, dann ist es offen­bar die Welle. 


Zur Serie Unser Zuhause

Die­ser Absatz soll­te eigent­lich vorn ste­hen, ich habe mich vor­ge­drän­gelt und tische ihn dem Leser als Des­sert auf.

Wenn man lan­ge an einem Ort lebt, emp­fin­det man die­sen irgend­wann ganz selbst­ver­ständ­lich als Hei­mat. Den Wed­ding kön­nen nur die weni­ge sei­ner Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner als Geburts­ort ange­ben, die­ser Stadt­teil ist schon immer ein Ort der Ein­wan­de­rung und des Tran­sits gewe­sen. Wie­der ande­re Ber­li­ner sind hier auch nur gebo­ren, weil sich vie­le Kran­ken­häu­ser im Wed­ding befin­den, und haben nie im Stadt­teil gewohnt. Der Zuge­zo­ge­nen­at­las 2016 weist für den Wed­ding aus, dass über die Hälf­te sei­ner Bewoh­ner nicht in Ber­lin gebo­ren ist – nur rund um den Schil­ler­park lag die Quo­te der Ur-Ber­li­ner etwas höher. So ver­wun­dert es nicht, dass auch die meis­ten der Redak­ti­ons­mit­glie­der beim Wed­ding­wei­ser nicht aus der Regi­on Ber­lin-Bran­den­burg stam­men. In unse­rer Serie berich­ten wir von unse­ren Her­kunfts­or­ten  – und war­um wir in unse­rem Stadt­teil Wur­zeln geschla­gen haben.

Bis­lang erschienen:

Dzień dobry, Wed­ding! – Oli­wia Nowa­kow­s­ka am 25. Dezem­ber 2020

Vom Speck­gür­tel in die Mit­te – Char­le­en Effen­ber­ger am 15. Janu­ar 2021

Adé Prenzlberg, hal­lo Wed­ding! – Joa­chim Faust am 9. Janu­ar 2021

War­um ich in den Wed­ding zog – und hier so gern lebe – Samu­el Orsen­ne am 29. April 2021

Andrei Schnell

Man hat mir versichert, es gäbe keine Vorschrift zu gendern und ich sei in dieser Frage frei, nicht wahr? Mein Hintergrund ist ostdeutsch, das beruht auf Erlebnissen. Politik sehe ich mir an wie den Sport. Wenn ich ein Buch lese, möchte ich es gleich besprechen. Ich mag Geschichten und Geschichte. Mister Gum möchte ich noch erwähnen.

1 Comment

  1. Lie­ber Andrei,
    als Ur-Wed­din­ge­rin und über­haupt kann ich nur mein Bedau­ern aus­spre­chen, wenn euch die Wel­le aus dem Wed­ding fort­trägt. Ich ver­ste­he es jedoch auf jeden Fall.
    Die Din­ge ändern sich und es ist klug, dar­auf zu reagieren.
    Einen son­ni­gen Tag im “noch” (?) schö­nen Wed­ding sen­det dir Susanne
    P.S. Ich wer­de immer noch komisch ange­schaut, dass ich im Wed­ding wohne. 🙂

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