Tango auf den ersten Blick

Schickes Schild. Foto: Tangoloft
Schi­ckes Schild. Foto: Tangoloft

Im Tan­go­loft in der Gericht­stra­ße kom­men jedes Wochen­en­de Tän­ze­rin­nen und Tän­zer aus der gan­zen Stadt zusam­men. Zuschau­en und Mit­ma­chen ist aus­drück­lich erlaubt!

Wo wol­len nur all die Men­schen hin, die vom frü­hen Nach­mit­tag bis spät in die Nacht ein­zeln oder paar­wei­se in der Ein­fahrt der Gericht­stra­ße 23 ver­schwin­den? Jun­ge Leu­te genau­so wie älte­re. Män­ner eben­so wie Frau­en. Wer ihnen auf ihrem Weg folgt, pas­siert zwei klei­ne Höfe, bevor sich der Blick auf einen drit­ten, deut­lich grö­ße­ren Hof öff­net. Hier war einst eine Maschi­nen­bau­fir­ma behei­ma­tet, wie der alte Schrift­zug über einem wei­te­ren Durch­gang ver­rät. Hin­ten rechts geht es in ein Trep­pen­haus mit brö­ckeln­dem Putz, Graf­fi­ti und abge­tre­te­nen Stufen.

Das Tangoloft in den Gerichtshöfen. Foto: Tangoloft
Das Tan­go­loft in den Gerichts­hö­fen. Foto: Tangoloft

Elegante Kleider und schöne Hosen

Auf der Tanzfläche. Foto: Hensel
Auf der Tanz­flä­che. Foto: Hensel

Und dann die Über­ra­schung in der ers­ten Eta­ge: Kla­vier­mu­sik. Zunächst ganz lei­se. Dann schwingt die Ein­gangs­tür auf und die Musik wird lau­ter. Jetzt ist auch eine Gei­ge zu hören. An der Gar­de­ro­be schlüp­fen Frau­en und Män­ner aus ihren Jacken – zum Vor­schein kom­men ele­gan­te Klei­der und schi­cke Hosen. Als nächs­tes ver­schwin­den die Stra­ßen­schu­he im Regal. An ihre Stel­le tre­ten Riem­chen­schu­he mit hohen Absät­zen oder Halb­schu­he, man­che far­ben­froh, ande­re in gedeck­ten Tönen, aber fast alle mit Ledersohle.

Dann geht es hin­ein in den Tanz­saal und damit hin­ein in die Welt des Tan­gos. Will­kom­men bei der Sonn­tags­mi­lon­ga im Tan­go­loft! An der Decke leuch­ten rote Lam­pen, Ker­zen wer­fen war­mes Licht auf die satt­grü­nen und dun­kel­ro­ten Wän­de. Aus den Laut­spre­chern ertönt das Seuf­zen eines Ban­do­ne­ons, jener Zieh­har­mo­ni­ka, die so typisch ist für den Tan­go Argen­ti­no. Im Rhyth­mus der Musik dre­hen sich Tanz­paa­re auf dem Par­kett. Eng umschlun­gen schei­nen sie nichts um sich her­um wahr­zu­neh­men. Sie bewe­gen sich gegen den Uhr­zei­ger­sinn durch den Saal, mal schnell, mal langsam.

Überholen immer nur links

Im Tangoloft. Foto: Hensel
Im Tan­go­loft. Foto: Hensel

In der Mit­te der Tanz­flä­che thront ein Flü­gel, dane­ben ein üppi­ges Arran­ge­ment mit fri­schen Blu­men. Hin und wie­der wird Live-Musik gespielt, aber heu­te Abend bestimmt DJ Mona Isa­bel­le das Pro­gramm. Sie legt im Wech­sel mit Hen­ning Klo­se auf – dem Grün­der und Geschäfts­füh­rer des Tan­go­lofts. Die bei­den spie­len neben tra­di­tio­nel­len Stü­cken aus der gol­de­nen Tan­go­zeit um 1940 auch moder­ne Tan­gos und Non-Tan­go. Non-Tan­go kann alles sein, von Jazz bis Sal­sa – Tan­go lässt sich dar­auf trotz­dem tanzen.

Die Fans des „Lofts“, wie sie es nen­nen, schät­zen die­se Abwechs­lung. Und sie schät­zen, dass sie sonn­tags ab 15 Uhr zu Kaf­fee und Kuchen vor­bei­kom­men kön­nen, wenn die Tanz­flä­che noch leer ist, oder spä­ter am Abend, wenn die „Pis­te“ rap­pel­voll ist und die Füh­ren­den auf­pas­sen müs­sen, dass sie nicht mit ande­ren Paa­ren zusam­men­sto­ßen. Dafür gibt es Regeln, die denen auf einer Auto­bahn ähneln: Mög­lichst die Spur hal­ten, über­ho­len nur links, vor­aus­ge­setzt, dass dort eine aus­rei­chend gro­ße Lücke ist. Rück­sichts­lo­se Tän­zer ern­ten böse Blicke.

Auffordern per Augenkontakt

Wer möchte, kann auch ganz romantisch schaukeln. Foto: Hensel
Wer möch­te, kann auch ganz roman­tisch schau­keln. Foto: Hensel

In den Sofas und Ses­seln am Rand sit­zen die­je­ni­gen, die sich vom letz­ten Tanz aus­ru­hen. Sie unter­hal­ten sich, trin­ken einen Wein und las­sen ihren Blick durch den Raum schwei­fen. Womög­lich hal­ten sie schon nach einem Part­ner für die nächs­te Run­de Aus­schau. Das Auf­for­dern pas­siert im Tan­go meist ohne Wor­te. Wer tan­zen möch­te, sucht per Augen­kon­takt nach einem Part­ner. Ein fra­gen­der Blick, ein leich­tes Nicken – schon steht die Ver­ab­re­dung. „Cabe­ceo“ heißt die­se Art der wort­lo­sen Ein­la­dung zum Tanz, das ist Spa­nisch für „Nicken“.

Wer sich auf die­se Wei­se gefun­den hat, geht gemein­sam auf die Tanz­flä­che, umarmt sich lang­sam und star­tet irgend­wann wie auf ein gehei­mes Zei­chen den Tanz. Ob sich die bei­den vor­her schon kann­ten oder zum ers­ten Mal zusam­men tan­zen? Wer weiß das schon, es ist aber auch neben­säch­lich. Was zählt ist der Moment, die Ver­bin­dung zwi­schen den bei­den über drei oder vier Lie­der hin­weg. Dann gehen sie wie­der auseinander.

Gut zu wissen

Selbst tanzen oder nur zuschauen? Beides ist möglich. Foto: Hensel
Selbst tan­zen oder nur zuschau­en? Bei­des ist mög­lich. Foto: Hensel

Für Neu­gie­ri­ge: Zuschau­er sind bei den Milon­gas will­kom­men, sie zah­len den hal­ben Ein­tritt in Höhe von drei statt sechs Euro. Bei Live-Musik kos­tet der Ein­tritt mehr. Wer das Tan­go­tan­zen selbst aus­pro­bie­ren möch­te, kann einen der offe­nen Anfän­ger­kur­se im Tan­go­loft besu­chen. Offen heißt, dass der Ein­stieg jeder­zeit mög­lich ist. Einen Tanz­part­ner braucht man nicht für die Teilnahme.

Für Gesell­schaf­ten: Das Tan­go­loft lässt sich für Hoch­zeits­fei­ern, Weih­nachts­par­tys oder Tagun­gen mie­ten. Neben dem gro­ßen Saal gibt es wei­te­re Räu­me, die auch ein­zeln gebucht wer­den können.

Tan­go­loft, Gericht­stra­ße 23, 3. Hin­ter­hof, 2. Auf­gang, Web: www.tangoloft-berlin.de

Text: Ulri­ke Wron­ski, Fotos: Domi­ni­que Hen­sel, Tangoloft

 

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