Abschied von der alten “Tante Tegel”

I love Tegel Tasse, Tante Tegel - Foto: Samuel OrsenneUpdate Himm­li­sche Ruhe am Him­mel! Neue Lebens­qua­li­tät in der Ein­flug­schnei­se. Doch so ein­fach ist es mit der Tegel-Schlie­ßung dann doch nicht. Denn fragt man die Wed­din­ger nach ihrer Mei­nung zum The­ma, bekommt man meist eine zwie­späl­ti­ge Aus­sa­ge. Wir haben die Leser­kom­men­ta­re zu unse­rem Bei­trag zu die­sem The­ma ein­mal zusammengefasst.

Weltfrieden bei Joe am Wedding

Lar­ry Schu­ba und Wes­tern Uni­on im Joe am Wedding

Im “Tre­sor” wur­de Tech­no­ge­schich­te geschrie­ben und das Berg­hain hat Ber­lins Ruf als Par­ty­haupt­stadt auch inter­na­tio­nal gefes­tigt. Mag sein. Aber die bes­te „Dis­se“ für ein brei­tes Publi­kum war Joe am Wed­ding – zumin­dest wenn man unse­re Lese­rin­nen und Leser fragt. Kurz gesagt: eine Legende!

Die Seestraße: Rauschen, aber kein Sandsturm mehr

Genug Platz für Autos, Trams und Mittelpromenade an der Seestraße
Genug Platz für Autos, Trams und Mittelpromenade

Drei Kilo­me­ter führt die See­stra­ße durch den Wed­ding. Wenn eine Stra­ße die Bezeich­nung Ach­se ver­dient, dann die­ser brei­te Bou­le­vard mit dem grü­nen Mit­tel­strei­fen, der sogar für Ber­li­ner Ver­hält­nis­se aus­ge­spro­chen groß­zü­gig ange­legt wur­de. Ihren Namen erhielt die Stra­ße erst 1827. Doch an einen See denkt man am aller­we­nigs­ten, wenn man heu­te auf ihr fährt oder sie über­quert. Statt vom Wind, der über den namens­ge­ben­den Plöt­zen­see streicht, kommt das Rau­schen eher vom stän­dig flie­ßen­den Ver­kehr, denn die See­stra­ße ist Teil des Stra­ßen­rings rund um die Ber­li­ner Innen­stadt. An ihrem west­li­chen Ende wird sie, kaum dass sie den Plöt­zen­see seit­lich lie­gen lässt, ohne auch nur einen Knick zu machen, gar zur Stadt­au­to­bahn. Bei einer Fahrt auf der See­stra­ße kann man allen­falls noch einen kur­zen Blick auf den tief ein­ge­schnit­te­nen See erha­schen, bevor dann der Ber­lin-Span­dau­er-Schiff­fahrts­ka­nal über­quert wird. Es gab auch ein­mal einen Klei­nen Plöt­zen­see (auf Höhe der Syl­ter Stra­ße). Die­ser wur­de aber 1848 zuge­schüt­tet, als der Kanal ange­legt wurde.

Wann entstand die schnurgerade Seestraße?

Foto: D_Kori
Foto: D_Kori

Im frü­hen 18. Jahr­hun­dert hat­te man wohl von bei­den Enden der See­stra­ße einen Schlös­ser­blick. Im Wes­ten auf Schloss Char­lot­ten­burg, im Osten auf Schloss Schön­hau­sen. Der ers­te König Preu­ßens, Fried­rich I., ließ den Weg anle­gen, um die Schlös­ser direkt mit­ein­an­der zu ver­bin­den. Denn das Pro­jekt, einen schiff­ba­ren Was­ser­weg zwi­schen bei­den Resi­den­zen zu schaf­fen, war nie fer­tig­ge­stellt wor­den- so blieb der Pan­ke Schiffs­ver­kehr erspart. Der Weg ver­lief damals noch weit außer­halb der Mau­ern Ber­lins durch die san­di­ge und bewal­de­te Jung­fern­hei­de. Die Kreu­zung mit der Mül­ler­stra­ße, damals eine der ers­ten Chaus­se­en Preu­ßens, gab es damals schon. Doch bis 1900 stand kaum ein Haus an der kar­gen Hei­de­land­schaft, deren loser Sand den Anwoh­nern in die Häu­ser­rit­zen geflo­gen wäre. Legen­där war das von Ida Hop­pe am Eckern­för­der Platz eta­blier­te Aus­flugs­lo­kal – zumin­dest das wäre an die­sem heu­te noch immer unbe­bau­ten grü­nen Fleck­chen immer noch denk­bar. Anders das öst­li­che Ende: statt wie heu­te am Kom­bi­bad abzu­kni­cken, führ­te die alte See­stra­ße durch die heu­ti­ge Reginhard­stra­ße über Schön­holz, um dann am Park Schön­hau­sen zu enden.

Die Seestraße wird zum Teil einer Ringstraße

Prachtvolles Boulevardhaus an der Seestraße
See­str. Ecke Lüderitzstr.

Die Stadt rück­te der See­stra­ße immer mehr auf den Pelz – 1861 wur­de der Wed­ding nach Ber­lin ein­ge­mein­det. Ab dem Ende des 19. Jahr­hun­derts änder­te die See­stra­ße ihr Gesicht in vie­ler­lei Hin­sicht – sie wur­de zum Teil des Stra­ßen­rings, wie wir sie heu­te ken­nen. Zuerst ent­stan­den ab 1890 For­schungs­in­sti­tu­te, zehn Jah­re spä­ter die Kran­ken­haus­stadt des Virchow-Kli­ni­kums. Zuletzt ent­stand ein Labor­ge­bäu­de des Robert-Koch-Insti­tuts und führt die For­schungs­tra­di­ti­on die­ses Teils des Wed­dings wei­ter. Seit 1901 endet die Stra­ße am heu­ti­gen Loui­se-Schroe­der-Platz, knickt nach Osten ab und geht als Oslo­er bzw. Born­hol­mer Stra­ße in Rich­tung Prenz­lau­er Berg. 1957 wur­de dann aus dem abge­schnit­te­nen Stück See­stra­ße die Reginhardstraße.

Grün trotz Straßenbahn
Grün trotz Stra­ßen­bahn: die Seestraße

Vor allem die Brei­te der See­stra­ße war aus­schlag­ge­bend für die (zag­haf­te) Rück­kehr der Stra­ßen­bahn in den West­teil Ber­lins. Dort war das ver­meint­lich unmo­der­ne Ver­kehrs­mit­tel 1967 abge­schafft wor­den. In zwei Etap­pen wur­de auf ihrer gesam­ten Län­ge im Mit­tel­strei­fen bis 1997 eine zwei­glei­si­ge Schnell­stra­ßen­bahn­stre­cke ange­legt, die mit einer Wen­de­schlei­fe am Eckern­för­der Platz endet. Seit­her rasen hier die Trams in Rich­tung Osten am Dau­er­stau vor­bei – und manch’ einen unvor­sich­ti­gen Fuß­gän­ger hat die schnel­le Bahn schon das Leben gekostet.

Pralles Leben an der Ecke Müllerstraße

Die Ecke schlechthin, mit dem Kino Alhambra, Müllerstraße Ecke Seestraße
Die Ecke schlechthin

Genau in der Mit­te der 3,2 Kilo­me­ter lan­gen See­stra­ße liegt auch der gleich­na­mi­ge U‑Bahnhof. Die U‑Bahn führt seit 1923 unter der Mül­ler­stra­ße hin­durch. Die See­stra­ße war bis 1956 End­punkt der Nord­süd-U-Bahn, wo man in die Stra­ßen­bah­nen in Rich­tung Nor­den umstei­gen muss­te. Nach Tegel geht es heu­te mit der U‑Bahn wei­ter, doch auch wer an der See­stra­ße aus­steigt, bekommt hier noch das pral­le Leben: Restau­rants, Geschäf­te und das tra­di­ti­ons­rei­che Mul­ti­plex-Kino Alham­bra sor­gen an der bekann­tes­ten Ecke des Wed­dings dafür, dass an der See­stra­ße 24 Stun­den lang Leben ist – und nicht nur das Rau­schen des Verkehrslärms.

Die Panke in der Presse der 1950er Jahre

Front­stadt West-Ber­lin – die Gren­zen zum sowje­ti­schen Sek­tor wer­den immer undurch­läs­si­ger, und Besu­che im Ber­li­ner Umland sind schon nicht mehr mög­lich. Die Pan­ke fließt drei Mal mun­ter unter Stadt- und Sek­to­ren­gren­zen hin­durch – und in den Jah­ren vor dem Mau­er­bau erfährt sie in eini­gen Zei­tungs­ar­ti­keln Aufmerksamkeit.…

Wedding: Berlin in Aspik?

Transvaalstraße - Foto (c) Sulamith Sallmann
Trans­vaal­stra­ße – Foto © Sula­mith Sallmann

Eigent­lich darf man es ja nie­man­dem ver­ra­ten, und wir Ein­ge­weih­ten wis­sen es ja sowie­so: der Wed­ding ist das letz­te Stück authen­ti­sches Ber­lin, und das sogar noch fast flä­chen­de­ckend. Mit Shishas, aber ohne Schick; mit Dreck­spat­zen, aber ohne Eier­spätz­le; mit Rol­la­tor, aber ohne Roll­kof­fer. Das gute alte Ber­lin, wie es noch bis Ende der 90er in vie­len ande­ren Tei­len der Innen­stadt nor­mal war. Hier hat sich, im Schat­ten der Schi­cki-Micki-Nach­barn wie Mit­te und Prenz­lau­er Berg oder als süd­li­che Erwei­te­rung des klein­bür­ger­li­chen Rei­ni­cken­dorf noch das alte West­ber­li­ner Lebens­ge­fühl erhal­ten –  sozu­sa­gen Ber­lin in Aspik. Im Wed­ding lebt sich’s ent­spann­ter als in hoch­ge­jazz­ten ande­ren Trend­be­zir­ken, und das, obwohl die Medi­en schon seit Jah­ren s0chreiben, der Wed­ding sei nun wirk­lich im Kom­men. Wirk­lich zu spü­ren bekommt man das nur an ganz weni­gen Stel­len; das Gesamt­bild gerät durch sol­che Aus­schlä­ge nach oben jeden­falls nicht ins Wanken.

Mar­tin-Tho­mas Haa­se schreibt in der Wochen­zei­tung Frei­tag über einen Spa­zier­gang von Mit­te in den Wed­ding: „Gelas­sen, unver­än­dert, unbe­rührt von all dem eit­len Geprot­ze und Geprun­ke, aus dem man gera­de kommt. Wed­ding: schmut­zig, besof­fen nölend, aso­zi­al herz­lich – und vor allem: ehrlich.“

Unse­re letz­te Umfra­ge zeigt jedoch, dass die stän­di­gen Bewoh­ner und Ken­ner des Wed­ding ziem­lich genervt sein kön­nen vom vie­len Dreck auf unse­ren Stra­ßen. Aber viel­leicht leben wir ja im Para­dies, und wis­sen es nur nicht?

Neue Umfrage: Welche Eigenschaften treffen auf den Wedding am besten zu?

In der neu­es­ten Umfra­ge kön­nen die Wed­din­ger ihrem Orts­teil selbst ein paar die­ser Eti­ket­ten ver­pas­sen: wel­che Attri­bu­te pas­sen am bes­ten zum Wed­ding? Bis zu drei Ant­wor­ten sind mög­lich. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse!