Nirgendsland: Der Mauerstreifen

Nirgendsland:
Der Mauerstreifen

Was passiert, wenn etwas seine Funktion verliert, der Ort, an dem es steht, beraubt um das Sinnstiftende, aber übrigbleibt? Bei der Berliner Mauer war das der Fall. Ein Bildband mit klugen Texten, herausgegeben von zwei Weddingern, beschäftigt sich mit diesem Thema.

Vor genau 30 Jahren passierte das Undenkbare, die Maueröffnung wurde von mutigen DDR-Bürgern durch Demonstrationen erwirkt. Viele West-Berliner zögerten ebenfalls nicht und eroberten peu à peu ab dem Abend des 9. November die Mauer von der anderen Seite.

Es dauerte nicht lange, da war aus dem zerteilenden Betonwurm eine absurde Sinnlosigkeit geworden, die schnell von Mauerspechten durchlöchert und in ihre Einzelteile zerbröselt wurde. Doch die durch die weiteren Grenzanlagen und Sperrzonen geschaffenen Brachen, die den Westteil Berlins als leeren und sandigen Streifen umgaben, blieben übrig, bevor die Natur oder Baukräne die Freiflächen zurückeroberten und die Wunden der Teilung mehr oder weniger vernarbten. Der in den Fotos festgehaltene, nicht mehr greifbare Moment des Dazwischen gab einem lesenswerten Bildband seinen Namen: „Nirgendsland“.

Zwischen Märkischem Viertel und Wilhelmsruh
Der 1964 in West-Berlin geborene Fotograf Dirk Borho war gerade noch in seiner Fotografenausbildung beim Letteverein, als die Mauer fiel.

Der 1964 in West-Berlin geborene Fotograf Dirk Borho war gerade noch in seiner Fotografenausbildung beim Letteverein, als die Mauer fiel. Ab diesem Moment hatte er immer seine Kamera griffbereit, so auch noch im Jahr 1991, als die eindrucksvollen Schwarzweiß-Aufnahmen aus vielen Abschnitten des Mauerstreifens rund um die Halbstadt entstanden. Das Alte ist noch wie auf Abruf zu sehen, doch die Mauer ist vielerorts schon verschwunden und hinterlässt Orte einer Zwischenzeit, die unwiederbringlich vorbei ist.

Vor dem Reichstag

Dirk Borho, der heute an der ehemaligen Nahtstelle zwischen Ost und West, im Weddinger Brunnenviertel wohnt, hat gemeinsam mit dem Weddinger Autor und Kurator Pete Meyer die nahezu menschenleeren Fotos des Mauerstreifens in einem sehenswerten Bildband herausgegeben. Beide sagen: „Die Insel West-Berlin ist beim Mauerfall ebenso untergegangen wie die DDR“. Pete Meyer fasst die Vorgeschichte des Mauerfalls und somit die Entstehungsgeschichte der Bilder in einem pointierten Eingangstext zusammen. Am Ende des Bildbands beschreibt er in einem weiteren Text das spezifische Lebensgefühl West-Berlins, so wie es beide Herausgeber als Kinder und Jugendliche erlebt hatten, wo man eigentlich nicht verloren gehen konnte. „Es war trashig, dreckig, billig“, sagt augenzwinkernd Dirk Borho im Gespräch – Zuschreibungen, die es auch lange Zeit für den Wedding noch gab, an dem sich noch viele typische Merkmale von West-Berlin festmachen lassen. Doch ebenso wie West-Berlin durch das Verschwinden der Mauer untergegangen ist, werde unter dem Druck der Mietpreise auch das übriggebliebene Biotop Wedding verloren gehen, befürchten Borho und Meyer, ohne dabei nostalgisch zu werden.

Das hochwertig gedruckte Fotobuch mit Texten in deutsch und englisch ist das ideale Geschenk zum Mauerfalljubiläum. Vor allem wegen der Bilder, aber auch dank der klugen Texte.

An der Liesenstraße

Das Buch „Nirgendsland“ ist im triglyph Verlag erschienen und kostet 39 Euro.

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128 Seiten, 50 Bildtafeln
Festeinband mit Fenster, 19,5 x 29,7 cm
all texts in English translations
ISBN 978-3-944258-10-2


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