Die Kolumne: Wunder des Wandels

Wie Bf Gesundbrunnen PlakatStadtentwicklung nicht mehr funktioniert, zeigte die Abstimmung zum Tempelhofer Feld. Da haben nicht die ewig Gestrigen gesiegt, wie einige Kommentatoren meinten, sondern Menschen, die sich die Entwicklung ihrer Stadt nicht mehr von oben vorschreiben lassen wollen. Doch während sich ein Großteil des Wahlvolkes jetzt wieder zurücklehnt, gibt es andere, die sich auch zwischen den Abstimmungen das Heft des Handelns nicht mehr aus der Hand nehmen lassen. Eine solche Truppe sind die WeddingWandler, die sich als Teil der internationalen Transition Town-Bewegung verstehen. Auf unseren Stadtteil übersetzt, stellen sich die Wandler Fragen wie: Was brauchen wir, um den Wandel hin zu mehr Nachbarschaft und weniger Abhängigkeiten gestalten zu können? Was brauchen die Bewohner des Wedding, um sich in ihrem Kiez wohl zu fühlen? Um Antworten zu finden, mischen sich die WeddingWandler ein. Organisieren, wie zuletzt am 4. Juni, eine Informations- und Diskussionsveranstaltung zur Ächtung der Plastiktüte, engagieren sich mit anderen Akteuren für den Zeppelinplatz und seine lebenswerte Umgestaltung. Wer mit den WeddingWandlern mal ins Gespräch kommen will, kann dies am 8. Juni auf der Share Fair im Supermarkt in der Brunnenstraße tun, auf der sie mit einem eigenen Stand vertreten sind. Neue Stadtentwickler sind jederzeit willkommen. Auch zwischen den Wahlen.

Autor: Ulf Teichert

SHARE FAIR

Sonntag 8. Juni

10-22 Uhr

SUPERMARKT

Brunnenstr. 64

„Weddingwandler“: Lern‘ Deinen Nachbarn kennen!

Nur noch kurz die Welt retten – das hat sich als illusorisch erwiesen. Eine schnell wachsende Gruppe von engagierten Weddingern möchte die Veränderungen im unmittelbaren Umfeld beginnen – und so einen ganz neuen Zusammenhalt im Kiez erreichen.

Julian Gröger„Spätestens nach dem gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen war mir klar: es wird kein Wandel von oben kommen“, sagt Julian Gröger. Wenn sich etwas ändern soll, muss der Aufbruch von der Bevölkerung ausgehen. Dies ist der Ansatz der „Transition Town“-Bewegung, eine gleichermaßen ökologische wie soziale Initiative mit vielen Ansätzen: „Unsere materialistische Gesellschaft basiert auf der Verschwendung begrenzter Ressourcen“, erklärt der 31-jährige Umweltmanager. Die Energieerzeugung durch fossile Brennstoffe, eine industrialisierte Landwirtschaft, eine Wegwerfgesellschaft oder Hausgemeinschaften in der Mietfalle – wer daran etwas ändern möchte, kann als Einzelperson schnell verzweifeln. Für Julian fängt es damit an, den heutigen Zustand nicht als den Höhepunkt der Zivilisation zu akzeptieren.

Nicht nur bei sich selbst sollte man etwas ändern, sondern am besten auch sein Umfeld mit einbeziehen: „Um gemeinsam mehr zu erreichen, müssen wir uns erst einmal in unserer Nachbarschaft kennenlernen“, glaubt Julian. In seinem Kiez in der Utrechter Straße gibt es mit einer Erzeuger- und Verbrauchergemeinschaft, die sich von einem Biobauernhof in Brandenburg beliefern lässt, schon einen Anknüpfungspunkt. Seit letztem Jahr versuchten Julian und seine Frau mit thematischen Filmabenden weitere Mitstreiter für den Aufbau einer Weddinger Transition-Town-Gruppe zu gewinnen.

Seit Frühjahr 2013 sind die „Weddingwandler“ schon mit mehreren Aktionen auf dem Platz in der Malplaquet-/ Ecke Utrechter Straße in Erscheinung getreten, wie z.B. einer kostenlosen Fahrradreparatur. „Wie, ihr wollt dafür nichts haben?“, wunderten sich vor allem ältere Kiezbewohner. „Wir sind doch Nachbarn“, entgegnen dann die Weddingwandler. „Geben ist eine Qualität“, erklärt Julian, „aber für manche ist es auch nicht leicht, etwas annehmen zu können.“ Die Bewegung möchte der Nachbarschaft einen Rahmen geben. So ist z.B. die Aufstellung eines Schranks im Café TassenKuchen geplant, in den die Kiezbewohner Tauschgegenstände legen können.

Julian und SophiaDie etwa 20 Aktiven bei den Weddingwandlern organisieren sich in verschiedenen, thematischen Untergruppen, um Modelle zu entwickeln und Aktivitäten zu planen. Dazu gehören auch gemeinsame Ausflüge, Textilwerkstätten und die gemeinsame Weiterbildung im Erwerb von verloren gegangenen Fertigkeiten. „Ich glaube nicht, dass in Krisenzeiten die Stunde der Großfamilie wieder schlägt“, sagt Julian. „Besser wäre es, wenn wir uns auf den Wandel vorbereiten, indem wir ein soziales Netz bilden, wie es früher in Dörfern funktioniert hat.“ Um in Zukunft in veränderten Rahmenbedingungen überleben zu können, muss der Einzelne wieder lernen, mit mehr Menschen auszukommen, glaubt der gebürtige Holsteiner.

Dass Berlin kein Dorf ist, wissen auch die Weddingwandler. Bis jetzt sind überwiegend Studenten und Akademiker zwischen 20 und 40 Jahren dabei, aber der nachbarschaftliche Ansatz bezieht bewusst auch Ältere und Migranten mit ein. Der Begriff „Nachbarschaft“ zeigt zugleich aber auch die Grenzen der Transition Town-Bewegung auf: die Ideen der kleinteiligen, widerstandsfähigen Strukturen lassen sich nur im direkten Umfeld organisieren, schon eine Ausweitung auf den ganzen Wedding wäre eine logistische Herausforderung. „Wir brauchen eine Art kommunale Intelligenz“, findet Julian. Und so müsste es in jedem Kiez eine Gruppe geben, die Nachbarschaft, Gemeinschaft und Austausch fördert. Vielleicht lässt sich ja so die Welt tatsächlich retten…

Website der Weddingwandler mit Übersicht über die Gruppen und die nächsten Termine

“Weddingwandler”: meet your neighbours

To rescue the whole world in an instant seems to be an idealistic illusion. A rapidly growing group of engaged Weddingers wants to start making changes in the immediate vicinity and create a new sense of ‚togetherness‘ in the Kiez.

Julian und Sophia“The failed climate summit in Copenhagen showed me: there won’t be any change from ‚above’”, says Julian Gröger. If something is meant to change, the movement has to come from the citizens – this is the idea of the transition town movement, an ecological and social initiative with many different ideas. “Our materialistic society depends on wasting finite resources”, explains the 31-year old environmental manager. You can end up pretty desperate if you’re trying to change anything by yourself, from wasting fossil resources via industrialized agriculture and the ‚throw-away-society‘ to ever rising housing costs. For Julian, it all starts with not accepting today’s situation as the climax of civilization.

You should not just change yourself, but try to get your environment involved: “In order to achieve more together, we have to meet our neighbours first”, thinks Julian. In his Kiez at Utrechter Straße this has already started with a community-supported agriculture initiative. Since last year, Julian and his wife have been trying to find like-minded people to create the transition town group in Wedding.

Julian GrögerThe “Weddingwandlers” – a play on words with the word ‚wandeln‘, which can mean ‚to change‘ as well as ‚to stroll‘ – have had several projects within the last year on the corner of Malplaquetstraße and Utrechter Straße. One of these actions was a free bike repair, for example. “What, you don’t want any money for that?”, asked mainly older people living in the Kiez. “We’re neighbours, you know”, was the usual reply of the Weddingwandlers. “To give is a quality”, says Julian, “but for some people it is not easy to accept something either”. The movement wants to create a frame for the neighbourhood – one plan is, for example, to have a cupboard at Café Tassenkuchen, where people can put stuff for exchange.
The approximately 20 active Weddingwandlers are organized into different thematic subgroups to create models and plan activities. This includes excursions, sewing workshops and the communal learning of lost knowledge. “I don’t believe that new crises mean that there’s gonna be a new era for large families”, says Julia. “It would be better if we prepared for the change by creating a social web as it existed in villages in former times. In order to survive in a future with changed basic conditions, each individual has to learn how to get along with more people again”, he believes.
Berlin is not a village, and the Weddingwandlers know that as well. So far, mainly students and academics between the age of 20 and 40 are part of the team, but the neighbourhood-approach consciously tries to attract older people and migrants as well. However, the word ’neighbourhood‘ itself highlights the limitations of the transition town movement: The idea of small-scale, strong structures can only be implemented in a local manner. To spread it to the entire Wedding would be a logistic problem. “We need some sort of communal intelligence”, says Julian. So every Kiez needs a group to foster neighbourhood community and exchange – maybe that’s how you can rescue the world…

Translation: Daniela Hombach

 

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