Unverblümt Kulturexpedition #21: Tanzt vor dem Vulkan

Foto: Gerald von Foris

Nach der Kulturexpedition ist vor der Kulturexpedition und so zieht die unverblümte Karawane am 24. Mai wieder los. Start ist um 18 Uhr im Sanitätshaus TOC Streicher  in der Reinickendorfer Straße 13. Zwischen Stützstrümpfen und Rollatoren wird Hannes Köhler aus seinem Roman „Ein mögliches Leben“  lesen. Er wird von Martin erzählen, der mit seinem Großvater Franz eine letzte große Reise nach Amerika unternimmt und so die Vergangenheit des alten Mannes lebendig werden lässt. Umerziehungsprogramme spielen hier ebenso eine Rolle wie die Präsenz des Nationalsozialismus und massive Gewalt in US-Camps während des Zweiten Weltkrieges. Verankert ist sein Roman aber in der Gegenwart: Er befasst sich damit, wie tief Erfahrungen von damals bis heute in Familien wirken.

Gegen den Ausverkauf der Stadt: „Mietrebellen“

KiezKuchen_TerasseAm Montag, den 8. Juni zeigt die Bezirksaktivengruppe Wedding der Berliner Mietergemeinschaft e.V. den Dokumentarfilm „Mietrebellen„. In den letzten Jahren hat sich die Hauptstadt rasant verändert. Wohnungen, die lange als unattraktiv galten, werden von Anlegern als sichere Geldanlagen genutzt. Massenhafte Umwandlungen in Eigentumswohnungen und Mietsteigerungen in bisher unbekanntem Ausmaß werden alltäglich. Die sichtbaren Mieterproteste in der schillernden Metropole Berlin sind eine Reaktion auf die zunehmend mangelhafte Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum.

Der Film ist ein Kaleidoskop der Mieterkämpfe in Berlin gegen die Verdrängung aus den nachbarschaftlichen Lebenszusammenhängen. Eine Besetzung des Berliner Rathauses, das Camp am Kottbusser Tor, der organisierte Widerstand gegen Zwangsräumungen und der Kampf von Rentnern um ihre altersgerechten Wohnungen und eine Freizeitstätte symbolisieren den neuen Aufbruch der urbanen Protestbewegung.

Auch der Wedding ist akut von der Verdrängung durch Modernisierung, Umwandlung in Eigentumswohnungen und rasant steigende Mieten bedroht. Die Bezirksaktivengruppe wird daher nach der Vorführung kurz ihre Arbeit im Bezirk vorstellen. Darüber hinaus ist einer der beiden Filmemacher Matthias Coers anwesend, um mit ihnen über den Film sprechen zu können.

8. Juni

19.00 Uhr

Haus der Jugend, Reinickendorfer Str. 55, U Nauener Platz

Auf Linie: Der M 27, die Weddinger Schnecke

Busse im Wedding³Wer hätte das gedacht: Als der M 27 im Dezember 2004 eingeführt wurde, durfte ihn die BVG nur probeweise als Metrobus titulieren. Denn: Der M 27 würde so schnell wie die S-Bahn sein und ihr deshalb Fahrgäste wegnehmen, so die damalige Befürchtung der Deutschen Bahn. Doch als flinkes Wiesel werden die meisten Fahrgäste den M 27 wohl nicht assoziieren, eine gelbe Schnecke trifft es da schon eher

GESCHLOSSEN: Fat Louis‘ Cakes – Inoffizielles Wohnzimmer des Wedding

fat louis 2Am Anfang war der Kuchen. Er lockte die Weddinger immer öfter in die kleine Bar in der Gottschedstraße, wo sie Bier und Cheesecake kombinierten, als wäre der Kaffee nie erfunden worden. Heutzutage braucht Fat Louis keinen Kuchen mehr, um seine Sofas zu füllen. Die Bar, liebevoll auch als „Beim Dicken“ bezeichnet, hat sich längst als ein Lieblingstreffpunkt im Kiez etabliert und serviert jetzt Cocktails und Eschenbräu statt Schokotorte.

Weddingplatz: Entsorgte Geschichte

Der einstmals pulsierende Platz, am südlichen Ende der Müllerstraße, mit seinen vielen hochwertigen Einzelhandelsgeschäften, großen Lichtspieltheatern und der ehrwürdigen Dankeskirche hatte im Laufe der Zeit herbe Schicksalsschläge hinzunehmen. Gerade deswegen steht dieser Ort, mit seinen Bausünden der 1970er Jahren, symbolisch für die Geschichte und die aktuellen Entwicklungen im Wedding.

Reinickendorfer Str. 97: Nicht nur bei Technikfragen. Nicht mehr.

An dieser Adresse existiert leider keines der erwähnten Projekte mehr. Der Artikel wurde Ende 2013 verfasst.

Wer braucht da noch den Elektrofachmarkt? Mit umfassender Beratung, Rundum-Service und einer ganz persönlichen Kundenansprache hat sich „MF-Haushaltsgeräte“ einen guten Namen im Wedding erarbeitet. Nicht nur in Sachen „weißer Ware“ lohnt der Laden in der Reinickendorfer Straße 97 einen Besuch. Denn im Haus haben sich mehrere Selbständige zusammengetan – zu einer Gemeinschaft, in der jeder jedem hilft.

Wedding von unten – seit 90 Jahren per U-Bahn

Einfach unterirdisch: viele Berliner kennen den Wedding nur aus der Kellerperspektive. Für seinen Untergrund ist der Stadtteil jedoch nicht erst in neuester Zeit bekannt, denn schon vor neunzig Jahren erreichte die erste U-Bahn den Wedding.

U-Bahn-WagenDie erste U-Bahn-Linie Berlins (die heutige U 1) wurde noch überwiegend als Hochbahn ausgeführt, so sehr misstraute man angesichts der technischen Möglichkeiten um 1900 dem sandigen Berliner Untergrund. Die Stadt Berlin hatte den Bau und Betrieb anfangs einem privaten Bauherrn (Siemens und Halske) überlassen. Beim Bau der Nord-Süd-Bahn Wedding-Tempelhof /Neukölln war sie jedoch selbst als Bauherr tätig. Noch vor dem Ersten Weltkrieg begannen die Bauarbeiten, wurden aber bald eingestellt. Es dauerte noch bis Januar 1923, bis die städtische Nord-Süd-Bahn zwischen Hallesches Tor und dem heutigen Bahnhof Naturkundemuseum eröffnet wurde. Im März des gleichen Jahres ging die Verlängerung über Reinickendorfer Straße, Bahnhof Wedding, Leopoldplatz bis zur Seestraße in Betrieb, wodurch auch der Wedding über einen U-Bahn-Anschluss verfügte.

Antonkiez: Kein Totentanz im Kiez rund um den Urnenfriedhof

Nettelbeckplatz
Nettelbeckplatz

Man tut diesem kleinen Kiez vielleicht etwas unrecht, wenn man ihn kaum wahrnimmt, denn er liegt etwas verloren zwischen Leopoldplatz, Nettelbeckplatz und dem S-Bahn-Ring. Dabei geht auf diesen Teil des Wedding gar die Besiedlung des ganzen Ortsteils zurück: an der heutigen Ecke Reinickendorfer-/ Pankstraße  stand noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts das 1601 gegründete Gut „Vorwerk Wedding“ und musste erst dem großflächigen Bau von Mietskasernen weichen. Die Straßen des Kiezes sind teilweise von 1820 und damit älter als die meisten Nebenstraßen des Wedding, die auf den Hobrecht-Plan aus dem Jahr 1862 zurückgehen. Heute geht man an der Kösliner Straße achtlos vorbei, aber dieser ellenbogenförmige Weg steht für das, was den Ruf des „Roten Wedding“ mit begründete. Die ganze Gegend war eine KPD-Hochburg. Im Jahr 1929 führte das Verbot einer Maidemonstration zum Bau von Barrikaden. Das Eingreifen der Polizei mündete in blutigen Straßenkämpfen – 19 Tote waren am Ende des Tages zu beklagen. Nicht weniger brachial war der Umgang mit der Geschichte nach dem Krieg: Nahezu kein Gebäude hat die Kahlschlagsanierung  überstanden, dafür erinnert aber – abseits des Orts des Geschehens-  ein Gedenkstein an der Wiesenstraßenbrücke über die Panke an den „Blutmai“ 1929.

Im Schatten des Krematoriums

Urnenfriedhof Gerichtstraße
Urnenfriedhof Gerichtstraße

Das schönste Gebäude im Kiez ist zugleich auch eine ganz besondere Sehenswürdigkeit. Es handelt sich nämlich um Berlins ältestes Krematorium von 1909/10. Es wurde schon errichtet, bevor die Leichenverbrennung auf dem Gebiet Preußens 1912 legalisiert wurde. Bis dahin konnten nur Urnen von Verstorbenen beigesetzt werden, die außerhalb Preußens verbrannt wurden. Der Urnenfriedhof, der einen ganzen Straßenblock einnimmt, ging aus dem ersten städtischen Friedhof Berlins aus dem Jahr 1828 hervor. Kurios ist, dass es eher die wohlhabenden Schichten waren, die sich für diese Form der Bestattung entschieden und so kommt es, dass auch viele bedeutende Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft und Politik die Urnenhalle im Krematorium Wedding mit ihrer Asche beehren. Das achteckige Gebäude enthält eine antik anmutende Feierhalle und wird seinerseits von einer achteckigen Flügelanlage umschlossen. Darin befinden sich weitere Nischen mit Urnen, so genannte Kolumbarien. Das Weddinger Krematorium stellte 2010 den Betrieb ein und wurde im Jahr 2012 verkauft. Das ungewöhnliche Gebäude wurde zu einem Kultur-Campus umgestaltet. Besitzer des Ensembles, zu dem noch ein Leichenhaus, die Friedhofsverwaltung und der Gärtnerstützpunkt gehören, ist die Silent Green Kulturquartier.

Auch sonst prägen öffentliche Gebäude das Gebiet. Imponierend ist der Komplex aus mehreren Schulgebäuden, die am Schnittpunkt dreier Straßen in einer perfekten Symmetrie geplant waren. Realisiert wurde der Plan zwar nur zu drei Vierteln, dennoch beeindruckt die schiere Größe: 3300 Schüler konnten nach der Eröffnung im Jahr 1913 in 67 Klassen unterrichtet werden! Heute befindet sich die Volkshochschule in einem der Schulgebäude. Auch das ehemalige Postamt in der Gerichtstraße (1926-28) ist durch seine expressive Formensprache aus Sprossenfenstern und Backsteinen durchaus stadtbildprägend.

Gerichtstraße und Nettelbeckplatz im Mittelpunkt

Stattbad GerichtstrApropos Gerichtstraße: Das Stadtbad Wedding war das letzte von Ludwig Hoffmann erbaute Bad aus dem Jahr 1907.  Im ehemaligen Wedding war der Wohnraum knapp und es gab kaum sanitäre Einrichtungen. Deshalb waren die Wannen- und Duschabteilungen wichtiger Bestandteil des Stadtbades. Seit 2002 ruht allerdings der Badebetrieb. Unter dem Namen Stattbad wurde das Gebäude für Kunstausstellungen und Veranstaltungen genutzt. Allerdings wurde seitens des Bezirksamts im Mai 2015 die Schließung verfügt; schließlich wurde es im Sommer 2016 ganz abgerissen und wich dem Neubau von Studentenappartements.  In der Schererstraße etabliert sich übrigens ein weiterer kleiner Kunststandort. In der Gottschedstraße, auf der anderen Seite der Reinickendorfer Straße, haben sich einige Bars angesiedelt. Vor allem das Ex Rotaprint-Projekt dürfte auch zu einer Verstetigung von gewerblichen Strukturen beitragen.

In der Adolfstraße
In der Adolfstraße

Wohin die Reise des Antonkiezes geht, ist schwer absehbar. Kahlschlagsanierung und sozialer Wohnungsbau (vor allem der 1980er Jahre) prägen das zerrissene Gebiet immer noch. Immerhin hat die Verkehrsberuhigung des Nettelbeckplatzes im Jahr 1985 dazu beigetragen, dass man sich inzwischen gerne auf dieser Freifläche aufhält. Anziehungspunkte mit Strahlkraft gibt es nur wenige, aber es gibt sie. Trotzdem liegt dieses Gebiet einfach zentral und ist aus allen Richtungen gut erreichbar. Gut möglich, dass sich das Image des Kiezes rund um den Urnenfriedhof bald ändert.

Prinz Eugen Str
Prinz-Eugen-Straße
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