Vor 100 Jahren entstanden: Der Bezirk Wedding

Panorama Prinzenallee Pankstraße St. PaulskircheVor 100 Jahren, 1920, entstand Groß-Berlin. Schon 1861 waren die Vorstädte Wedding und Gesundbrunnen eingemeindet worden und selbst zu dichtbesiedelten Stadtteilen mit Einwohnerzahlen einer Großstadt herangewachsen. 1920 kamen dann 7 Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke dazu, wodurch sich die Einwohnerzahl des neuen Berlin verdoppelte. Für den Wedding und Gesundbrunnen änderte sich auch einiges, denn sie bildeten einen der 20 neuen Bezirke, in die Groß-Berlin gegliedert wurde. Da der neue Bezirk Berlin-Wedding nicht auf eine schon zuvor bestehende Kommune zurückging, gab es lange Zeit nicht einmal ein Rathaus – zehn Jahre lang musste fortan improvisiert werden, bis der Rathausbau an der Müllerstraße fertig war.

Berlin wird Metropole – 100 Jahre Groß-Berlin

Berlin wird Metropole - BuchcoverSechs kreisfreie Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke, dazu jede Menge unbebautes Land: Wie Berlin durch eine Eingemeindung im großen Stil vor genau hundert Jahren zur Weltstadt aufstieg, erzählt der bekannte Stadthistoriker Felix Escher in einem neu erschienenen Buch namens „Berlin wird Metropole“. Er legt die Siedlungsgeschichte Berlins und seines Umlands frei und zeigt, welche Spuren dieser Entwicklung noch heute erkennbar sind und wie sie die brandenburgische und deutsche Geschichte im Berliner Raum widerspiegeln.

Die Geschichte des Rathauses Wedding

Klassische 1920er Jahre am Rathaus-Altbau
Rathaus Wedding

Durch das Gesetz „Über die Bildung einer Stadtgemeinde“ vom 26. April 1920 wurden 8 Stadt-, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke zu der Stadtgemeinde Berlin in 20 Verwaltungsbezirken zusammengeschlossen. Der „3. Verwaltungsbezirk“ war der Wedding. Dringend benötigt wurde der Bau eines Rathauses, das an der Müllerstraße 146 nach den Plänen des Magistratsoberbaurat Hellwig entstehen sollte.

Wie der Wedding wurde, was er ist

Geschichte Blick zurück in die Geschichte – von einer Ansammlung von kleinen Gebäuden zum Häusermeer: Als der Wedding 1861 nach Berlin eingemeindet wurde, lebten dort nur etwas mehr als 7.500 Einwohner. Doch 50 Jahre später waren es schon 337.000 – die kleinteilig und unzusammenhängend bebaute Vorstadt war wie aus dem Nichts zur Großstadt geworden.

Wedding und Tiergarten: Rathaus-Architekturen…

Rathaus-Altbau im Stil der Neuen SachlichkeitDer Bedarf an Gebäuden für die 23 Bezirksverwaltungen entstand 1920 durch die Eingemeindung von Dörfern und Städten zu einem »Groß-Berlin«. Da die neuen Bezirke Wedding und Moabit nicht über geeignete Bauten verfügten, wurden zwischen 1930 und 1937 Neubauten errichtet. Doch trotz der geringen Zeitdifferenz könnten das Moabiter Rathaus und das alte Rathaus im Wedding nicht unterschiedlicher sein.

Der von Friedrich Hellwig entworfene, 1930 fertiggestellte Verwaltungsbau an der Müllerstraße entspricht mit seinem kubischen Baukörper, der roten Backsteinfassade sowie der Gliederung durch die weißen Fensterbänder der Architektur dem Stil der Neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre und spiegelt den Geist der Weimarer Republik. Der Besucher betritt das Bezirksamt ebenerdig, hinter der Eingangshalle befand sich der Sitzungsaal der Bezirksverordneten.

Rathaus Tiergarten, davor die Markthalle
Rathaus Tiergarten, davor die Markthalle

Auch Richard Ermisch (1885–1960), der Architekt des Rathauses Tiergarten, sieht sich zu Beginn der 1930er Jahre zunächst der funktionalen Architektur verpflichtet. Er entwirft mit Martin Wagner eines der bedeutenden Bauvorbauvorhaben der Moderne in Berlin: das Strandbad Wannsee. Doch das sieben Jahre später fertig gestellte Tiergartener Rathaus folgt bereits mit seinem Ehrenhof, der Natursteinverblendung, dem Satteldach, dem vorgezogenen Portikus sowie dem damals üblichen Führerbalkon ganz der nationalsozialistischen Architektursprache. Weil im nach dem Führerprinzip organisierten Deutschland eine Bezirksverordnetenversammlung als überflüssig galt, plante der Architekt einen Saal dafür erst gar nicht ein. Mit diesem Rathaus verlor Moabit nicht nur einen zentralen Platz an diesem Ort: Das Bauwerk repräsentierte auch den nationalsozialistischen Herrschaftsanspruch in diesem einst von der Arbeiterbewegung geprägten Stadtteil. In dem Wunsch nach militärischer Kontrolle der Massen standen die nationalsozialistischen Machthaber der verdichteten und durchmischten Stadt kritisch gegenüber. Ironischerweise schien ihre Vorstellung einer aufgelockerten Stadtlandschaft in den Kriegsjahren ausgerechnet durch den Bombenkrieg in greifbare Nähe zu rücken.

Rathaus-Neubau von Fritz Bornemann

In der Nachkriegszeit griffen Architekten das Leitbild der funktional getrennten und verkehrsgerechten Stadt, die Ideen und Ideale der klassischen Moderne aus den 20er Jahren der Weimarer Republik wieder auf. Besonders gut erkennbar ist diese Idee an dem 1955 geplanten Neuen Rathaus Wedding von Fritz Bornemann (1912–2007) mit seinen gestaffelten Baukörpern. So verlängerte er zunächst das alte Rathaus bis zur Genter Straße und ergänzte es mit einem neuen 12geschossigen Flügel, im rechten Winkel zum Altbau und weit von der Straße zurück gesetzt. Den Sitzungssaal ordnete er zunächst im Hof hinter dem Gebäude an. Sein neues Rathaus zeigt die für die 50er Jahre typische gitterförmige Fassadengestaltung. Es glich der Amerikanischen Gedenkbibliothek, jenem Symbol amerikanischer Präsenz in West- Berlin von 1953, an dessen Errichtung Bornemann beteiligt war. Da der Baubeginn des Rathauses aufgrund anderer Vorhaben zurückgestellt wurde, änderte der Architekt dem neuen Zeitgeist entsprechend seine Entwürfe. Damals entwickelte er die für ihn typische schwebende Wirkung der Architektur, die durch das Zurücksetzen des Erdgeschosses oder das Anheben der Baukörper durch Stützen oder Säulen entsteht.

Musiktheater und Hochschulgebäude
ehem. Max-Beckmann-Saal

Dass Bornemann den BVV-Saal nun nach vorn zur Straße hin vor das Rathaus stellte, steht im Zusammenhang mit den zeitgleich errichtete Neubauten der heutigen Beuth-Hochschule von Herbert Rimpl (1902–1978). Der Architekt der Moderne, der in der NS-Zeit Chefarchitekt in den Hermann-Göring-Werken war und im Zweiten Weltkrieg unter Albert Speer den Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Berlin plante, errichtete 1963 den zentralen Hochschul-Hörsaal (den Max-Beckmann-Saal, in dem sich heute das ATZE-Musiktheater befindet) als frei stehendes Bauwerk. Die Staffelung seiner Baukörper sowie der Straßendurchbruch der sechsspurigen Luxemburger Straße sind ein Paradebeispiel der für das damalige Westberlin typischen Stadtzerstörung der Nachkriegszeit.

Nur wenige hundert Meter davon wurde an der Müllerstraße von 1962–1964 der BVV-Saal von Bornemann erbaut (einige Jahre befand sich darin die Schiller-Bibliothek). Das Gebäude zeichnet sich durch klare Linien und die nach drei Seiten verglasten Wände aus. Die Transparenz der Architektur wurde damals als Ausdruck der Freiheit der Gesellschaft und des politischen Systems angesehen.

Ehem. BVV-Saal und Rathausturm

Dabei könnte das Bauwerk nicht nur als Symbol gegenüber dem Stadtverständnis des Nationalsozialismus gewertet werden. Der damalige Weddinger Bürgermeister Helmut Mattis stellte bei der Grundsteinlegung für den Rathaus-Neubau im Sommer 1962 – und damit 10 Monate nach dem Bau der Berliner Mauer – noch einen anderen Zusammenhang her. Er sah im dem Haus ein Symbol für die Freiheit aller Bürger, die bald vom Hochhaus-Turm über das wiedervereinigte Berlin blicken könnten.

Autor: Eberhard Elfert

Ergänzung: Zwischenzeitlich wurde der Rathausturm saniert und beherbergt heute das Job-Center Mitte