Vor 100 Jahren entstanden: Der Bezirk Wedding

Panorama Prinzenallee Pankstraße St. PaulskircheVor 100 Jahren, 1920, entstand Groß-Berlin. Schon 1861 waren die Vorstädte Wedding und Gesundbrunnen eingemeindet worden und selbst zu dichtbesiedelten Stadtteilen mit Einwohnerzahlen einer Großstadt herangewachsen. 1920 kamen dann 7 Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke dazu, wodurch sich die Einwohnerzahl des neuen Berlin verdoppelte. Für den Wedding und Gesundbrunnen änderte sich auch einiges, denn sie bildeten einen der 20 neuen Bezirke, in die Groß-Berlin gegliedert wurde. Da der neue Bezirk Berlin-Wedding nicht auf eine schon zuvor bestehende Kommune zurückging, gab es lange Zeit nicht einmal ein Rathaus – zehn Jahre lang musste fortan improvisiert werden, bis der Rathausbau an der Müllerstraße fertig war.

Vor 100 Jahren

Badstraße
Badstraße. Foto: Archiv

Anfangs wurde der neue Bezirk auch als „3. Verwaltungsbezirk“ bezeichnet. Doch eine Zahl als Bezeichnung für einen Bezirk setzte sich, anders als in Wien oder Paris, nicht durch. Der Bezirk hatte mehr als 330.000 Einwohner, also fast 10 Prozent der gesamten Bevölkerung Berlins lebten im Wedding. Damit war er  nach Kreuzberg der Bezirk mit der höchsten Einwohnerzahl. Die Bevölkerungsdichte war extrem hoch – heute leben auf der gleichen Fläche nur noch 180.000 Menschen. Man kann sich kaum vorstellen, unter welchen hygienischen und räumlichen Bedingungen die Menschen lebten. Allein im berühmten „Meyers Hof“ in der Ackerstraße 132 mit seinen 5 Hinterhöfen gab es über 250 kleine Wohnungen. Darin lebten etwa 2.100 Menschen – auf nur einer Parzelle.

Neu für den Wedding: Es gab ein eigenes Parlament, die Bezirksverordnetensammlung mit 45 Bezirksverordneten. Die stärkste Partei im Arbeiterbezirk war bei den Wahlen 1921 die erst einige Jahre zuvor gegründete Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), danach folgten die SPD und die KPD. Daher durfte die USPD den Bürgermeister stellen, sein Name war Carl Leid (1867 – 1935). Als sich die USPD 1921 wegen interner Streitigkeiten auflöste, wechselte Carl Leid zurück in die SPD. Carl Leid blieb Bezirksbürgermeister bis zum 15. März 1933, als er von den Nationalsozialisten abgesetzt wurde. Zwei Jahre später starb Carl Leid – er hatte sich als Bürgermeister große Verdienste um den Wedding erworben. Er liegt auf dem Städtischen Urnenfriedhof in der Seestraße begraben. Der Höhenweg vom Rathenaubrunnen bis zum Möwensee im Volkspark Rehberge ist seit 1954 nach ihm benannt.

Für das Bezirksparlament gab es keinen eigenen Sitzungssaal. Zunächste tagte man im Ledigenheim an der Schönstedtstraße (neben dem Amtsgericht Wedding), dann im Jüdischen Krankenhaus. Erst 1930 wurden die bisher über viele Standorte verteilten Ämter im neuen Rathaus Wedding zusammengefasst, das man auf einer Freifläche an der Müllerstraße gebaut hatte.

Während des Nationalsozialismus wurde ein Staatskommissar an die Spitze des Bezirks gestellt. Die SPD- und KPD-Politiker verloren ihre Mandate und wurden inhaftiert, zahlreiche „wilde Konzentrationslager“ entstanden in Lokalen und Kellern im ganzen Wedding. Hunderte Beamte und Angestellte des Bezirks verloren ihre Jobs. 1938 wurden die Bezirksgrenzen reformiert, viele noch aus Zeiten vor der Bildung der Einheitsgemeinde Groß-Berlin 1920 stammende Grenzen wurden vereinfacht. Im Wedding betraf das vor allem das Gebiet zwischen dem S-Bahnhof Wollankstraße und der Soldiner Straße: Dieses gehörte vorher zum Großteil zu Pankow. Die neue Bezirksgrenze wurde zugunsten des Weddings an die Bahntrasse verschoben, die bis heute die Grenze nach Pankow bildet.

Vor 75 Jahren

Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Rathaus von sowjetischen Soldaten besetzt. Im August 1945 übernahmen dann die Franzosen als neue, vierte Besatzungsmacht die beiden Bezirke Wedding und Reinickendorf, die fortan den französischen Sektor in der Viersektoren-Stadt bildeten. Ende 1946 gab es wieder Wahlen – ab Dezember 1946 stellte die SPD mit Walter Röber wieder den Bezirksbürgermeister. Und auch das Hauptquartier der SPD, das Kurt-Schumacher-Haus befindet sich im Wedding.

Der Mauerbau 1961 hatte den Wedding besonders hart getroffen – der Bezirk verlor die direkte Verbindung mit seinen südlichen und östlichen Nachbarbezirken Mitte, Prenzlauer Berg und Pankow und geriet innerhalb West-Berlins in eine Randlage. Mit den Übergängen an der Chausseestraße und der Bornholmer Straße gab es zwei Grenzübergänge nach Ost-Berlin; in einer Passierscheinstelle auf dem Leopoldplatz konnten die Weddinger Papiere für den Besuch Ost-Berlins beantragen. Beim Mauerfall am 9. November 1989 spielte der Wedding eine große Rolle, da der Übergang Bornholmer Straße als erster geöffnet wurde- die neugierigen DDR-Bürger strömten zunächst in den Wedding. Nach der Wiedervereinigung lag der Wedding plötzlich wieder in der Mitte Berlins, doch die jahrzehntelange mauerbedingte Randlage, der Niedergang der Industrie und die Vernachlässigung der Bausubstanz und Kahlschlagsanierung hatten dafür gesorgt, dass der Bezirk für lange Zeit als im Abseits liegend empfunden wurde.

Vor 20 Jahren

Blick von oben auf StraßenEnde 2000 war Schluss: Ab Januar 2001 wurden in Berlin viele der 23 Bezirke zusammengelegt, und auch der Wedding kam mit Tiergarten und Mitte zusammen zum neuen Ost-West-Bezirk Berlin-Mitte. Damit endete aber auch die relative Eigenständigkeit des Wedding – der Sitz des Bezirksbürgermeisters befindet sich heute im Rathaus Tiergarten, die Bezirksverordneten tagen im Rathaus Mitte. Und nicht nur das: Der Wedding wurde auch noch in zwei Ortsteile aufgeteilt, die die beiden historisch gewachsenen Siedlungskerne rund um Weddingplatz/Müllerstraße und rund um die Badstraße/Gesundbrunnen abbilden.Doch 80 Jahre der gemeinsamen Bezirkszugehörigkeit haben eine gemeinsame Weddinger Identität der Bevölkerung herausgebildet, die sich nicht durch eine rein administrative Aufteilung erschüttern lässt. Und so ist das Entstehen des Bezirks Berlin-Wedding vor hundert Jahren auch aus heutiger Sicht ein einschneidendes Ereignis gewesen, das das Leben in unserem Stadtteil bis heute prägt.


3 Kommentare
  1. Gibt es mehr Informationen zu den sogenannten „wilden Konzentrationslagern“ ?

  2. Danke für den tollen Artikel!

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