Platz für alle auf der Müllerstraße schaffen

Verkehr auf der KreuzungEigentlich kann niemand mit der Flächenverteilung auf der Müllerstraße zufrieden sein. Für Radfahrende fängt es schon damit an, dass es keine vernünftige Radinfrastruktur gibt. Fußgänger drängen sich vor viel besuchten Geschäften, Obst- und Gemüseständen, Werbeaufstellern und Telefonzellen – sie haben deutlich zu wenig Platz. Auch für den Lieferverkehr läuft es selten gut: Die ausgewiesenen Lieferzonen sind nahezu immer zugeparkt. Wer als Autofahrer einen Parkplatz sucht, verstopft ebenfalls die Müllerstraße – während die drei großen Parkhäuser meistens leer stehen. Wenn alle Bauarbeiten im Aktiven Zentrum Müllerstraße beendet sind, muss die Fläche neu verteilt werden. Wie das für Radfahrende aussehen kann, ist heute Thema.

Müllerstraße: Der „Ku’damm des Nordens“

Ralf Schmiedecke, Autor von inzwischen 13 Büchern über die Historie diverser Berliner Stadtteile sowie der Berliner Feuerwehr,  lebt seit seiner Geburt im Wedding. Der Hobby-Historiker arbeitet als Sicherheitsingenieur bei der BSR. Seine Freizeitbeschäftigung ist eher eine Leidenschaft: Er sammelt historische Ansichtskarten, Fotos und Firmenrechnungen. Die meisten Exponate stammen dabei aus dem alten Bezirk Wedding. Über den hat er bereits drei Bildbände zusammengestellt – und das vierte Buch ist schon in Arbeit.

Ungeliebtes Müllerstraßenfest – was tun?

Die Weddinger haben mit den Füßen abgestimmt – und die diversen Müllerstraßenfeste immer seltener besucht. Kein Wunder, denn mit einer attraktiven Festmeile hatten die Veranstaltungen in den letzten Jahren nach Meinung vieler Besucher nicht viel zu tun.

„Aktuell ist das Müllerstraßenfest kein Fest, sondern ganz überwiegend ein Billigmarkt. Das steht im Gegensatz zu den Bemühungen, die Müllerstraße aufzuwerten“, findet auch die Stadtteilvertretung mensch.müller, die die von verschiedenen Veranstaltern durchgeführten Straßenfeste sehr kritisch sieht. Denn die Müllerstraße laufe durch die Qualität der Feste Gefahr, weiter als Ramsch- und Billigmeile in Verruf zu geraten.

Neue Müllerhalle: eine Chance für den schwarzen Kasten

Berlin verändert sich, der Wedding auch, aber in Sachen „Müllerhalle“ ist mehr Wehmut im Spiel als bei anderen Bauprojekten der Stadt.

Tristesse in grau: die MüllerhalleNachdem 1950 auf dem Gelände eines ehemaligen Tierfriedhofs die Markthalle errichtet wurde, entwickelte sich der Standort schnell zum Treffpunkt des gesamten nördlichen Wedding. Doch mit dem allgemeinen Niedergang der Müllerstraße und dem Aufkommen anderer Einkaufsmöglichkeiten verkam die Müllerhalle immer mehr zu einem Ramschladen und stand zuletzt größtenteils leer. Auf das Wagnis einer sanierten, lebendigen Markthalle mit vielen kleinen Geschäften wollte sich der Besitzer denn auch nicht mehr einlassen. So war es nur eine Frage der Zeit, bis die Abrissbirne tätig wurde und 2012 große Teile des Häuserblocks Müller-/Kongo-/Lüderitzstraße in gähnende Leere verwandelte.

Neue Müllerhalle: Für Nostalgie ist bei diesem Kompromiss kein Platz

Eröffnung noch im Jahr 2013... (Foto: P.Arndt)
Eröffnung noch im Jahr 2013… (Foto: P.Arndt)

Darf man die neue Müllerhalle noch so nennen? Viele Anwohner fremdeln mit dem architektonisch hochwertigen Entwurf, der die obere Müllerstraße wie kaum ein anderes Gebäude prägen wird. Bei einer von der SPD-Fraktion Berlin-Mitte organisierten Veranstaltung am 23. Februar standen Kommunalpolitiker und Abgeordnete sowie eine Vertreterin des Bauherrn Rede und Antwort. Anders als beim städtebaulich missglückten Lidl gegenüber der Einmündung der Kameruner Straße sollen hier die Bürger „mitgenommen“ werden.

Ein Kameramann des RBB filmtDas ist auch dringend nötig, angesichts der Emotionen, die dieser Neubau eines Einkaufszentrums hochkochen lässt. Sogar der RBB hat ein Kamerateam geschickt, um in der Abendschau über die Diskussionsrunde zu berichten. Alle Redner verbinden schöne (Kindheits-)Erinnerungen mit der Markthalle, die seit 1950 einen Kieztreffpunkt darstellte, zuletzt aber einen beispiellosen Niedergang erlebte. Nicht nur ältere Weddinger bekommen glänzende Augen, wenn sie von den drei Fleischern, dem Knöpfeladen und dem Schuster in der alten Müllerhalle erzählen. Die Nachbarn traf man natürlich auch beim Einkaufen und hielt ein Schwätzchen zwischen Fischstand und Currywurstimbiss.

Aus und vorbei. Die Halle ist seit 2012 abgerissen, ein neues Einzelhandelszentrum mit Kaufland als Ankermieter ist seit ein paar Tagen im Bau, nachdem nun die Fundamentbohrungen begonnen haben. Die Vielfalt der Marktstände wird es im autogerechten Neubau nicht mehr geben. „Das Kaufverhalten hat sich geändert“, sagt SPD-Mann Lars Neuhaus. Vergleiche mit den wenigen noch erfolgreichen Berliner Markthallen seien nicht statthaft, findet er: „Wir haben gesehen, dass das alte Konzept in diesem Kiez am Ende nicht funktioniert hat.“

Mehr Lebensmitteleinzelhandel ist nicht mehr zu verkraften

IMG_20130223_120309Mit der jetzt gefundenen Lösung sind die anwesenden Politiker Bruni Wildenhain-Lauterbach (MdA), Stefan Draeger, Janina Körper und Martina Matischok zufrieden – das Wort Kompromiss wird noch oft an diesem Tag fallen. Es sei gerade noch zu verkraften, so viel Lebensmittel-Einzelhandel an einem Straßenabschnitt (Real, Reichelt, Aldi, Lidl und eben Kaufland) – mehr werde hier nicht genehmigt. Kleinteiligen Handel im Windschatten von Kaufland (davon als Rückkehrer der alten Müllerhalle Mc Paper, ein Lotto Toto-Laden, das Reformhaus und der Zeitungsladen) wird es an der Straßenfront auch geben und zur Belebung der Müllerstraße beitragen. Überhaupt, die Müllerstraße: „Die neue Müllerhalle soll nicht zum Verkehrschaos führen“, erklärt Janina Körper, Verkehrsexpertin in der BVV. Nur 188 Parkplätze für Autos, kein riesiges leeres Parkhaus mehr wie im nahen Schillerparkcenter, sowie 54 Fahrradstellplätze kämen modernen Mobilitätsbedürfnissen näher. Parkhaus und kleine Läden nehmen das Erdgeschoss ein, während Kaufland die erste Etage belegt, die die Kunden mit Rollsteigen erreichen. Und schließlich könne man in der neuen Müllerhalle kostenlos parken, erklärt die Kaufland-Vertreterin Meltem Cömertbay – natürlich nur, wenn man dort auch etwas kauft. Sie betont, dass Kaufland als Eigentümer und Hauptnutzer zukünftig auch eine Verantwortung für den Standort und somit ein langfristiges Interesse an einer positiven Entwicklung der ganzen Müllerstraße hat. Eine Beteiligung an Aktivitäten der StandortGemeinschaft sei angedacht. Aber am Niedergang der alten Müllerhalle habe das Unternehmen Kaufland keine Schuld; eine Markthalle mit dem entsprechenden Flair lebe eben von den kleinen Kaufleuten, die es mit ihrem Engagement selbst in der Hand haben, ob dieses Konzept heute noch funktioniert. Die Diskutanten blicken nach vorn: „Schön, dass genau dieser Standort wieder eine Chance erhält!“, bringt es die Kaufland-Vertreterin auf den Punkt. Sie hat an der Beuth-Hochschule studiert und kennt den Wedding und seine Besonderheiten gut.

Kaufland sieht sich nicht als Einzelkämpfer

IMG_20130223_120042Ein solches Zentrum erzeugt zwangsläufig Müll, Lärm und Verkehr. Die Anlieferung erfolgt getrennt für Kaufland in der Lüderitzstraße, für die anderen Händler in der Kongostraße. „Beide Straßen haben Kopfsteinpflaster“, gibt Peter Arndt von der Stadtteilvertretung zu bedenken, „das wird ganz schön laut für die Anwohner!“ In der Lüderitzstraße erfolgt heute schon die Anlieferung für Reichelt, dort kennt man die Lkws, die beim Rückwärtsfahren piepen. Auf der Positivseite für die obere Müllerstraße bleiben aber die ca. 120-150 Arbeitsplätze zu nennen, die durch Kaufland und die kleineren Einzelhändler entstehen oder wieder zurückkehren werden. Die Kaufland-Repräsentantin sieht auch keine Konkurrenz für das sehr hochwertige Angebot wie die Frischfleisch-Bedientheke bei Reichelt, da Kaufland mit abgepackten Produkten ein anderes Geschäftsmodell verfolge. Das Unternehmen habe das Umfeld genau untersucht und will sich dort langfristig engagieren: „Wir können mit der relativ kleinen Verkaufsfläche von knapp 4500 qm gut umgehen“, sagt Meltem Cömertbay und ist sich sicher: „Wir passen gut in diesen Kiez!“ Wenn alles klappt, könnte noch vor Weihnachten 2013 die Eröffnung gefeiert werden.

Nicht alle Anwohner gewöhnen sich daran, dass für dieses moderne, grau verklinkerte Einkaufszentrum der Begriff „Neue Müllerhalle“ verwendet wird. Nostalgische Gefühle und der immer noch präsente Verlust eines Ortes der Kommunikation im Kiez stehen für viele im Vordergrund. Da kommt manches Gerücht gerade recht, das die Bezirkspolitiker aber umgehend ausräumen: eine Moschee in Nachbarschaft des Einkaufszentrums ist definitiv nicht geplant.

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Müllerhalle Kaufland
Quelle: Kaufland

http://weddingweiser.wordpress.com/2012/04/12/die-mullerhalle-ende-eines-trauerspiels-beginn-des-kommerzes/

http://weddingweiser.wordpress.com/2012/07/11/abschied-von-der-mullerhalle/

 

„StandortGemeinschaft Müllerstraße“: Wirtschaftliche Interessen bündeln

Müllerstraße von oben

In diesen Tagen wird von Freiberuflern, Künstlern und Gewerbetreibenden der Verein „StandortGemeinschaft Müllerstraße“ gegründet. Bei einer Abendveranstaltung in der Galerie Wedding am 31. Januar stellen sich der gewählte Vorstand und die Gründungsmitglieder vor. Zweck des Vereins ist die Belebung und Stärkung des Kultur- und Wirtschaftsraums Müllerstraße.

Permanenter Wechsel in der Müllerstraße
Permanenter Wechsel in der Müllerstraße

Mit der Vereinsgründung kommt das Geschäftsstraßenmanagement Müllerstraße dem etwas näher, wofür es eingerichtet worden ist, nämlich sich eines Tages selbst überflüssig zu machen. So fungierte es in der Zwischenzeit als Koordinationsstelle, brachte die Gewerbetreibenden und Freiberufler zusammen, lädt zum Händlerfrühstück ein und gab bislang zwei Einkaufsführer unter dem Namen „Müller-Tipp“ heraus. Dies alles soll nun die neue Standortgemeinschaft übernehmen, die in wenigen Tagen gegründet wird. Dabei hat das Geschäftsstraßenmanagement an der Müllerstraße durchaus zur Eile gemahnt. Eine der Initiatorinnen der StandortGemeinschaft, die Steuerberaterin Dr. Dorothee Böttges-Papendorf, betonte im Interview mit der Zeitung Ecke Müllerstraße (1/2013), weshalb es jetzt schnell gehen musste: „“Sicher überschneiden sich die Aufgaben und natürlich ist auch geplant, intensiv zusammen zu arbeiten. Aber das Geschäftsstraßenmanagement ist ja nur als zeitweise Einrichtung vorgesehen. Wir brauchen in der Müllerstraße aber selbsttragende Strukturen, die auch noch Bestand haben sollen, wenn das Geschäftsstraßenmanagement nicht mehr durch das Aktive Zentrum finanziert werden wird.“

Einen Verein zu gründen ist das Eine – ihn zielorientiert zu leiten das Andere. Es hat sich außerdem in den letzten Jahren gezeigt, dass die Aufgabe, die da zu bewältigen ist, von den Beteiligten anfangs unterschätzt wurde. Die Vielzahl der Akteure und die große Inhomogenität, nicht nur aufgrund der unterschiedlichen Berufsgruppen, Generationen und kulturellen Hintergründe, stellt eine Herausforderung dar.

Nun kann man darüber traurig sein, dass das Preisgeld für die Bewerbung bei der Zentrumsinitiative „Mitten Drin“ nicht an die Müllerstraße ging. Es ist aber durchaus als Erfolg zu werten, aus 18 Bewerbern unter die ersten acht und damit in die Nominierungsphase gekommen zu sein. Zum Anderen ist hervorzuheben, dass die Bewerbung nicht aus phantasievollen Utopien bestand, sondern aus handfesten Bausteinen, die zu einem großen Teil auch ohne große Förderung umsetzbar sind. In diesem Sinne ist das Geschäftsstraßenmanagement auch zu loben, das den Akteuren nicht mit Luftschlössern, sondern mit sehr konkreten Tipps und Werkzeugen zu Seite stand und stehen wird. Denn die nächsten Jahre wird die StandortGemeinschaft Aufbauarbeit leisten und das wird zunächst bedeuten, Andere dazu zu bewegen, sich zu engagieren.

Zu den bürgerschaftlichen Gremien gesellt sich nun ein gewerbliches

Foto: D_Kori
Foto: D_Kori

Die Gründung dieser Gemeinschaft ist aber vor allem Ausdruck einer positiven Entwicklung, die sich in der Müllerstraße vollzieht. Sie ist ein Zeichen für den sich fortsetzenden Aufbau handlungsfähiger Institutionen, wie sie in der Stadtteilvertretung und dem Runden Tisch Leopoldplatz schon einen Ausdruck gefunden hat. Die neue Standortgemeinschaft kann jetzt auch die wirtschaftlichen Interessen der Müllerstraßen-Anlieger gegenüber der Verwaltung gebündelt wahrnehmen. Damit wird sie mit einer Bürgerinitiative nicht zu verwechseln sein. Dieser Aufgabe wird in anderen Gremien ja bereits erfolgreich nachgegangen. Von der Standortgemeinschaft sollte einen Aspekt – der u.a. die Grundlage der Initiative Aktive Zentren darstellt –in den Vordergrund treten lassen, nämlich die dringend notwendige Stärkung der Müllerstraße als einer Geschäftsstraße und eines Wirtschaftsstandorts.

Der Weddingweiser wünscht der StandortGemeinschaft viel Erfolg.

Gründungsveranstaltung

31.Januar, 18:30 Uhr, Galerie Wedding, Müllerstr. 146/147, 13353 Berlin