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Hilfe, die Touristen kommen in den Wedding!

Touristen an der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Foto: Hensel
Touristen an der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Foto: Hensel

Tourismus im Wedding, Touristen im Brunnenviertel? Viele Bewohner würden den Kopf schütteln: im Kiezalltag sind ganz andere Themen wichtig. Doch die drei touristischen Attraktionen des sonst ruhigen Weddinger Wohnquartiers fehlen in keinem Berlin-Reiseführer: die Gedenkstätte Berliner Mauer, die Berliner Unterwelten, der Mauerpark-Flohmarkt. Fast zwei Million Menschen aus aller Welt sehen sich in jedem Jahr im Kiez und an seinen Grenzen um. Wir fassen zusammen, was es da so zu sehen gibt.

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Warum sich das Erinnern lohnt

25JahreMauerfallAls ich auf der Redaktionssitzung des Weddingweisers vorschlug, zum 25. Jahrestag der Öffnung der Berliner Mauer eine Artikelserie zu starten, erntete ich zunächst gelangweilte Blicke. Es scheint nun mal zum guten Ton zu gehören, sich der Erinnerung anlässlich von Jahrestagen zu entziehen. Zu Unrecht… Weiterlesen

Urnenfriedhof Seestraße: Zeugnisse Weddinger Geschichte

Friedhof SeestraßeEin Besuch auf dem Friedhof an der Kreuzung Müller- und Seestraße lässt einen Teil der Weddinger Geschichte lebendig werden. Denn hier ruht u.a. die Bezirksbürgermeisterin Erika Hess (1934-1986), auch die „Mutter vom Wedding“ genannt, weil sie immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Menschen hatte. Auch der bekannte Heimatdichter Jonny Liesegang (1897-1961) ist hier beigesetzt, in dessen Büchern die Hausmeisterin „Frau Nuschnpickeln“ eine bedeutende Rolle spielt.

1884 beschrieb der Schriftsteller und Journalist Julius Rodenberg diesen Teil der Müllerstraße so: „Von hier ab hören die Häuser fast ganz auf, und man hat zu beiden Seiten die Landschaft: zur Linken das Grün und den dunklen Waldstreifen der Jungfernheide, zur Rechten die Sandhügel der Reinickendorfer Gemarkung. Hier sind nur noch Kirchhöfe; der nächste der Begräbnisplatz der Charité.“ So wurde damals der Friedhof Seestraße genannt, denn hier wurden jene Verstorbenen beerdigt, die keine Angehörigen mehr hatten, und deren Überreste zu Unterrichtszwecken zur Anatomie geliefert worden waren. Die Leichen “notorisch ganz verkommener Personen, um die sich niemand kümmert,“  zitierte Rodenberg die entsprechende preußische Verordnung aus dem Jahr 1718 und fügte hinzu: „Doppelt Unglückliche! Fremd, arm, verkommen und ohne Familie!“

Feuerbestattung setzte sich durch

Es war aber auch die Zeit, in der Rudolf Virchow die öffentliche Gesundheit durch die „zunehmende Anhäufung von Verwesungsstätten“ um die großen Städte herum gefährdet sah. Doch Einäscherungen, die sich Rudolf Virchow vom Standpunkt der öffentlichen Gesundheitspflege wünschte, ließen zunächst noch auf sich warten. Erst 1912 wurde die Feuerbestattung in Preußen erlaubt und das Krematorium Wedding an der Gerichtstraße als größte Verbrennungsanlage Europas in Betrieb genommen. Der Friedhof Seestraße wurde zum Urnenfriedhof.

An dem schlichten Eingangsbau aus dem Jahr 1937 weist heute ein Schriftzug auf den „Städtischen Urnenfriedhof Seestraße“  hin. Hier ruhen in Ehrengräbern zahlreiche Weddinger die auf Grund ihres Widerstandes gegen das NS-Regime verfolgte und ermordet worden sind so u.a. Otto Schmirgal, Albert Kayser, Max Urich und Otto Lemm.

Gedenkstätte zum 17. Juni 1953

Wer die verschiedenen Gedenkstätten auf dem Friedhof besucht, nimmt aber meist einen anderen Eingang, nämlich den von der Seestraße auf Höhe der Malplaquetstraße. Hier führt der Weg leicht ansteigend zu einer großen Denkmalanlage für elf Todesopfer des 17. Juni 1953, die während des Ost-Berliner Aufstandes in West-Berliner Krankenhäusern behandelt wurden und dort starben. Auf dem Weg dorthin, gleich hinter dem Eingang, übersieht man schnell ein weiteres Sammelgrab:  nur die schlichte Inschrift „Hier ruhen 295 Opfer der Nationalsozialistischen Diktatur“ auf einem Findling sowie drei Bronzeplatte mit Namen verweisen auf eine andere Gedenkstätte. Um mehr zu erfahren, lohnt die Recherche beim Volksbund der Kriegsgräberfürsorge. Denn auf dessen Website erfährt man, dass unter der Rasenfläche Urnen mit der Asche von Opfern des Massenmordes an Behinderten – auch Euthanasie genannt – und KZ-Opfern begraben sind, die meist in den Jahren 1940 und 1941 in den „Anstalten“ und Konzentrationslagern Hartheim, Bernburg, Grafeneck, Sonnenstein, Hadamar-Mönchberg, Dachau und Buchenwald zu Tode kamen. Darüber hinaus sind hier Opfer aus den Zuchthäusern Plötzensee und Brandenburg beigesetzt – darunter 18 Regimegegner, die am 12. und 13. Juli 1943 in Plötzensee  hingerichtet wurden, und 39 unbekannte Frauen, die man nach der Zerstörung des berüchtigten Frauengefängnisses in der Bessemerstraße am 24. August 1943 tot auffand.

Das Denkmal für die „Opfer des 17. Juni“ wurde vor einiger Zeit durch eine zusätzliche große, gut sichtbare Tafel mit historischen Informationen ergänzt. Dass demgegenüber jeglicher Hinweis auf 295 Toten aus der Zeit des Nationalsozialismus, auf Ort und Hintergrund ihrer Ermordung fehlt, das ist eben auch ein Teil der Weddinger Geschichte.

in ähnlicher Form erschienen in der „Ecke Müllerstraße“, Ausgabe  3/2013

Autor: Eberhard Elfert

Radtour: Erinnern, wo es nichts mehr zu sehen gibt

Gut 30 Teilnehmer trotzen der Eiseskälte am 9. März, um an einer fachkundig geführten Radtour zu den vergessenen Orten zerstörter Vielfalt im Wedding teilzunehmen. Dabei führt der Kulturmanager und leidenschaftliche Stadtführer Eberhard Elfert, der die Tour organisierte, an Orte, an denen Vergangenheit buchstäblich vergraben worden ist. Auf dem Plan stehen auch „ritualisiert erstarrte“ Gedenkorte aus der Zeit des Kalten Krieges.

Radtour 9. März 2013„Es geht nicht um die historischen Daten und Fakten, sondern darum, die Orte zu sehen und die geschichtlichen Brüche“, sprudelt es aus Eberhard Elfert, der die Tour leitet, heraus. So schnell kann man nicht mitschreiben, wie Elfert drauflosredet. Ihm schwebt ein interaktiver Plan des kollektiven Gedächtnisses vor, den er mit den Bewohnern vor Ort erstellen möchte, eine Art Initiative, die sich mit Geschichte befasst. Dabei sollte auch das Thema Migration mit eingeschlossen werden.

Aber zunächst zurück zur Geschichte. Im Wedding treffen sehr unterschiedliche Kulturen aufeinander. Dabei, so erklärt Elfert, ginge das Denken über die Grenzen der Kieze und Communities verloren. Was wir heute noch sehen können, ist eine unzusammenhängende und widersprüchliche Ansammlung von Erinnerung, die dringend einer Überarbeitung bedarf. 

“Aus meiner Sicht wiegt schwer, dass sich die Verwaltung, Politik und Kirche aus dem öffentlichen Raum zurückgezogen hat“, erzählt Elfert den interessierten Teilnehmern. Erinnerungskultur bleibe dadurch rudimentär, entsprechend der Situation seit den 1980er Jahren. Was nicht reflektiert würde, sei die Politik mit der Erinnerung, die in der Zeit des Kalten Kriegs betrieben wurde. Der Wedding, in dem sich die Menschen in besonderer Form auf die Arbeiterbewegung beziehen, hätte aus einem Wunsch nach Repräsentation gegenüber „Ost-Berlin“ seine eigene Geschichte zum Teil systematisch entsorgt. Auch bei denen, die für die Bearbeitung der Geschichte bezahlt würden, stände es nicht ganz so gut. Geschichte verkrieche sich wie hinter Mauern, sie sei nicht bei den Menschen.

An der Prinzenallee 33 in Gesundbrunnen beginnt die Tour. „Die örtliche SPD hält im Saal vom Glaskasten regelmäßig ihre Abteilungssitzung ab“, erläutert Elfert. „Aber nicht einmal eine Gedenktafel erinnert an die Sozialdemokraten und Kommunisten, die in einem wilden KZ 1933 im Keller des gleichen Gebäudes gefoltert wurden.“ Assibi Wartenberg, selbst SPD-Mitglied und Betreiberin des afrikanischen Restaurants, steckt den Kopf aus der Tür. Sie freut sich über das große Interesse der Weddinger an der jüngeren Geschichte: „Vieles ist gut zu wissen“, findet sie, und sie meint damit, dass es auch wichtig ist, die Hintergründe zu kennen. Sie würde sich nun auch für eine Gedenktafel am Gebäude einsetzen.
Radtour Friedhof SeestraßeImmer wieder schlägt Eberhard Elfert den Bogen von der Machtergreifung 1933 über das Kriegsende und die Ereignisse des Kalten Krieges bis in die Gegenwart. Zum Beispiel bei der Gedenkstätte für die Opfer des 17. Juni 1953, die sich auf dem Friedhof Seestraße befindet. Wer die Skulptur besichtigen will, die sich aus ihren Fesseln und damit der Unfreiheit befreit, kommt – ohne es recht zu bemerken – an schlichten Massengräbern aus der NS-Zeit vorbei.
 Allenfalls das Todesdatum gibt einen Anhaltspunkt für den geschichtlichen Kontext, hingegen keine Erklärungstafel.  Nichts verweist darauf, dass es sich hier um Menschen handelt, die der Euthanasie zum Opfer fielen oder als politische Gefangene in der Haftanstalt Plötzensee ermordet wurden. An das Aufbegehren im Jahr 1953 in der DDR erinnern hingegen, überlebensgroß in Szene gesetzt, 15 zufällig in Weddinger Krankenhäusern verstorbene Opfer des Aufstands. Dies alles im Jahr, in dem die Stadt an die „Zerstörte Vielfalt“ erinnern möchte?

Unbeabsichtigte, gedankenlose, oft absurde Zusammenhänge in der Gedenkkultur sind etwas, was den Tourenleiter Elfert sichtlich ärgert. So erläutert er, das vor dem Alten Rathaus Wedding nach dem Zweiten Weltkrieg ein riesiges Wandbild mit Picassos „Guernica“- Gemälde vom Architekten Borrnemann vorgesehen war. Aus dem großen Entwurf wurde ein schlichter Stein, der grob verallgemeinernd an alle Opfer von Tyrannei und Gewaltherrschaft erinnert. Eine Station bildeten auch die einstigen Pharussäle, einen für die Geschichte der Arbeiterbewegung im Wedding, insbesondere für die Kommunistische Partei bedeutsamen Ort. Heute steht hier der schliche Nachkriegsbau der  AOK. Zur erinnern sei hier viel, z.B. an die Jugendlichen, die nach Swing-Musik tanzten, ihr einfacher, aber auch höchst gefährlicher Protest gegen das NS-Regime.

An wen die Sitzmöbel gemahnen, die den Schriftzug LEOPOLD auf dem Leopoldplatz bilden, nämlich an den preußischen Militär Leopold I. von Anhalt-Dessau, daran haben weder Planer, Bewohner und noch das Stadtplanungsamt bei der Neugestaltung des Platzes gedacht. Das Eingeben des Wortes „Leopold“ in den Rechner und ein wenig Nachdenken hätte da viel bewirken können, so Elfert. „Das ist typisch für die Erinnerungskultur, die einer dringenden Neuordnung bedarf“, findet er. Angesichts der Straßennamen um den Platz, die unhinterfragt an die Schlachtfelder des Spanischen Erbfolgekrieges erinnern, erscheint die Diskussion um die Straßennamen im Afrikanischen Viertel wenig überzeugend.

Eberhard Elfert war vielen Geschichts- und Erinnerungsprojekten direkt oder indirekt beteiligt. So moderierte er in weiten Strecken den Umgang mit den Denkmalen der DDR im Ostteil Berlins, bereitete die Wettbewerbe für das Denkmal des 17. Juni vor dem heutigen Finanzministerium vor und engagierte sich bei der Markierung des Mauerverlaufes. Dabei entstanden zahlreiche Veröffentlichung zum Thema.

Beiträge zu den Vergessenen Orten: Pharussäle, Telefunkenhaus, Leopoldplatz

Rehberge und Plötzensee: Rudern inmitten Weddings grüner Lunge

Auf Sand gebaut

(C) Linn Asmuß
(C) Linn Asmuß

Das heutige Parkgelände ist Teil des früher ausgedehnten Waldgebietes Jungfernheide. Die sprichwörtliche märkische Streusandbüchse prägte das Landschaftsbild auf dem Gebiet des heutigen Volksparks Rehberge und des Goetheparks in besonderer Weise. Denn in der späten Eiszeit abgelagerter Flugsand hatte sich dort zu ganzen Sanddünen formiert. Darauf wuchsen zum Teil Kiefern und Eichen, doch spätestens nachdem diese nach dem ersten Weltkrieg von der frierenden Bevölkerung abgeholzt wurden, lag die Sandfläche komplett frei. Der Sand beeinträchtigte die benachbarten Wohngebiete erheblich – er war allenfalls als Scheuersand zu gebrauchen. „Der Volksausdruck Berliner Schnee, womit das Treiben des Flugsandes gemeint ist, schreibt sich von den Rehbergen her“, schrieb der Stadtrat Ernst Friedel im Jahr 1899. Es musste also etwas mit dieser Fläche geschehen….

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