Mieter bei der Deutschen Wohnen nervös

In der Friedrich Ebert Siedlung bröckelt der Putz. Foto Mietergruppe.
In der Fried­rich Ebert Sied­lung brö­ckelt der Putz. Foto Mietergruppe.

“Wir saßen zwölf Tage im Kal­ten”, kla­gen Mie­ter der Fried­rich-Ebert-Sied­lung. Ihre Hei­zung war aus­ge­fal­len. Auch wenn die Hei­zung nun wie­der funk­tio­niert, die Mie­ter­grup­pe ist auf­ge­bracht: “Die Fried­rich-Ebert-Sied­lung ver­fällt”, sagen sie. Dage­gen sagt die Ver­mie­te­rin, die Deut­sche Woh­nen, zum kon­kre­ten Fall: “Hei­zungs­aus­fäl­le kom­men bei allen Woh­nungs­un­ter­neh­men vor.” Ein Fall von laut­star­ken Mie­tern oder eines still und lei­se ein­spa­ren­den Vermieters?

Wedding war einst ein Aushängeschild der Moderne

Das Gebiet nörd­lich der See­stra­ße war im Jahr 1918 noch weit­ge­hend unbe­baut, da die Bau­tä­tig­keit durch den Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs zum Erlie­gen gekom­men war. Es war also noch viel Platz im nord­west­li­chen Wed­ding, als eini­ge gro­ße Bau­vor­ha­ben im Woh­nungs- und Ver­kehrs­bau der Wei­ma­rer Repu­blik began­nen. So kommt es, dass sich vie­le bedeu­ten­de Zeug­nis­se des “Neu­en Bau­ens” gera­de rund um die Afri­ka­ni­sche Stra­ße und am Schil­ler­park fin­den lassen.

Togostraße-Loggien
Kopf­bau in der Friedrich-Ebert-Siedlung

War im Kai­ser­reich der Woh­nungs­bau noch durch Ange­bot und Nach­fra­ge auf dem frei­en Markt geprägt, setz­te in der Wei­ma­rer Repu­blik ein Umden­ken ein. Gera­de im sozi­al­de­mo­kra­tisch regier­ten Wed­ding stand man Mit­te der 1920er Jah­re weg­wei­sen­den Woh­nungs­bau­vor­ha­ben von genos­sen­schaft­li­chen und gemein­nüt­zi­gen Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten sehr offen gegen­über. Zuvor hat­te es nur weni­ge genos­sen­schaft­li­che Reform­woh­nungs­bau­ten im Wed­ding gege­ben, so zum Bei­spiel am Nordufer/Fehmarner Str. und mit dem Karl-Schra­der-Haus an der Malplaquetstr./Utrechter Stra­ße. Dabei ging es auch dar­um, von den als über­kom­men gel­ten­den Bau­wei­sen wie der Block­rand­be­bau­ung mit engen, licht­lo­sen Hin­ter­hö­fen und der für Ber­lin so typi­schen Mischung von Woh­nen und Gewer­be wegzukommen.

Bedeu­ten­de Archi­tek­ten wie Bru­no Taut, Max Taut, Lud­wig Mies van der Rohe, Jean Krä­mer, Paul Emme­rich und Paul Mebes, die sich alle­samt dem “Neu­en Bau­en” ver­schrie­ben hat­ten, rea­li­sier­ten Pro­jek­te im Wed­ding, die – trotz ähn­li­cher Aus­gangs­über­le­gun­gen – sehr unter­schied­lich aus­ge­fal­len sind. Auf­fäl­lig ist der kon­se­quen­te Ein­satz von Flach­dä­chern bei den meis­ten Pro­jek­ten – Ende der 1920er Jah­re muss das auf die Zeit­ge­nos­sen sehr modern gewirkt haben.

Die Sied­lun­gen im Einzelnen:

Offe­ne Block­rand­be­bau­ung in der Sied­lung Schillerpark

Typische Hofseite eines Wohngebäudes der Schillerpark-SiedlungDie von 1924–1930 errich­te­te Sied­lung Schil­ler­park besteht aus drei durch Quer­stra­ßen getrenn­ten Sied­lungs­tei­len mit 300 Wohnungen.

“Bru­no Taut stell­te drei­ge­schos­si­ge Blö­cke in einer offe­nen Block­rand­be­bau­ung um ruhi­ge Gar­ten­hö­fe. Die Trep­pen­häu­ser lie­gen jeweils an der Nord- bzw. an der Ost­sei­te, so dass ein Teil der Ein­gän­ge von der Stra­ße, der ande­re vom Gar­ten­hof aus zugäng­lich ist. Hier­für sind jeweils an den äuße­ren Enden der Zei­len Durch­gän­ge geschaf­fen. Die halb­of­fe­ne Bau­wei­se unter­stützt nicht nur die von Taut ange­streb­te Ver­bin­dung der Wohn- und Frei­räu­men, die Taut “Außen­wohn­raum” nennt, auch der angren­zen­den Schil­ler­park wird mit ein­be­zo­gen. Ein bis dahin in Ber­lin unge­wohn­tes Motiv war das fla­che Dach, das hier aus Kos­ten­grün­den nach hol­län­di­schem Vor­bild erst­mals im Ber­li­ner Sied­lungs­bau der 1920er Jah­re ver­wen­det wur­de.” (aus­zugs­wei­se, Quelle:Denkmaldatenbank)

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de die Sied­lung ergänzt. Gemein­sam mit fünf ande­ren Sied­lun­gen der Ber­li­ner Moder­ne erhielt die Wohn­an­la­ge im Jahr 2008 den Sta­tus als UNESCO-Welt­kul­tur­er­be.

Kon­se­quen­te Zei­len­bau­wei­se in der Friedrich-Ebert-Siedlung

Damarastr-Friedrich-Ebert-SiedlungDie 1929–31 errich­te­te Sied­lung wur­de als ers­te Ber­li­ner Wohn­an­la­ge kon­se­quent in Zei­len­bau­wei­se in Südwest/Nordostrichtung errich­tet. Jede der 1400 Woh­nun­gen hat einen Blick auf eine Grün­flä­che. Der öst­li­che Abschnitt von der Mül­ler­stra­ße bis zur Togo­stra­ße wur­de von den Archi­tek­ten Mebes und Emme­rich geplant, wäh­rend Bru­no Taut die Gebäu­de im Gebiet von der Togostr. bis zur Wind­hu­ker Str. ent­warf. Gemein­sam ist allen Wohn­häu­sern, dass sie vier Geschos­se und – damals auf­se­hen­er­re­gend – Flach­dä­cher besit­zen. Zudem besit­zen die Zei­len­bau­ten kei­nen Fas­sa­den­schmuck, son­dern wer­den allein durch leicht erhöh­te Kopf­bau­ten, Bal­ko­ne, Win­ter­gär­ten und Trep­pen­häu­ser gegliedert.

Die Gebäu­de rund um den Nach­tig­al­platz wur­den erst 1939/40 von den Archi­tek­ten Wer­ner Har­ting und Wolf­gang Wer­ner errich­tet und besit­zen weder Flach­dä­cher noch Balkone.

Kubi­sche Wohn­bau­ten Mies van der Rohe 1926/27

Wohnkuben Ludwig Mies van der Rohe Afrikanische Str.Den neben einer Eigen­heim­sied­lung lie­gen­den Gelän­de­strei­fen an der Afri­ka­ni­schen Stra­ße über­nahm die Heim­stät­ten­ge­sell­schaft Pri­mus, die den Archi­tek­ten Lud­wig Mies van der Rohe mit dem Bau von Wohn­ge­bäu­den mit 88 Woh­nun­gen beauf­trag­te. Die­ser errich­te­te gleich­zei­tig in der Stutt­gar­ter Wei­ßen­hof­sied­lung einen heu­te sehr berühm­ten Wohnblock.

“Die 1926–27 errich­te­te Wohn­an­la­ge an der Afri­ka­ni­schen Stra­ße gehört zu den früh aus­ge­führ­ten Woh­nungs­bau­vor­ha­ben der Wei­ma­rer Repu­blik. Lud­wig Mies van der Rohe ent­warf kubi­sche, block­haf­te Häu­ser mit Flach­dach, die nahe­zu aske­tisch wir­ken. Etwas zurück­ge­setzt ord­ne­te er drei gleich­ar­ti­ge Wohn­blocks an, die über gerun­de­te Bal­ko­ne schar­nier­ar­tig mit abge­win­kel­ten Sei­ten­bau­ten ver­bun­den sind.  Wäh­rend die Haupt­trak­te drei Geschos­se und einen außer­or­dent­lich hohen Dach­bo­den umfas­sen, sind die Sei­ten­flü­gel mit zwei Geschos­sen deut­lich nied­ri­ger. Ein vier­ter Bau (Ecke Tan­gastra­ße) setzt sich aus drei gestaf­fel­ten Blö­cken zusam­men. Alle Wand­flä­chen sind ver­putzt und ocker­far­ben gestri­chen, die schma­le Dach­kan­te wird aus drei Zie­gel­schich­ten gebil­det. Obwohl im sozia­len Woh­nungs­bau ange­strebt wur­de, Wohn­be­reich und Küche zu tren­nen, bil­de­te Lud­wig Mies van der Rohe geräu­mi­ge Wohn­kü­chen aus, die sich über vor­ge­la­ger­te Log­gi­en zum Hof öff­nen.”  (aus­zugs­wei­se, Quel­le: Denkmaldatenbank)

Expres­sio­nis­ti­sche “Stra­ßen­bahn­stadt” an der Müllerstraße

Der 1925–27 erbau­te Stra­ßen­bahn-Betriebs­hof, seit 1960 Bus­be­triebs­hof, an der Mül­ler­stra­ße stellt ein Haupt­werk expres­sio­nis­ti­scher Archi­tek­tur in Ber­lin dar.

“Die “Stra­ßen­bahn­stadt”, die einen gan­zen Bau­block an der Mül­ler­stra­ße, Bel­fas­ter Stra­ße, Lon­do­ner Stra­ße und an der spä­ter auf­ge­ho­be­nen Them­se­stra­ße ein­nimmt, doku­men­tiert den Aus­bau des groß­städ­ti­schen Nah­ver­kehrs nach dem Ers­ten Welt­krieg. Archi­tekt Jean Krä­mer errich­te­te für die Ber­li­ner Stra­ßen­bahn-Betriebs-GmbH ins­ge­samt fünf Betriebs­hö­fe. Im Unter­schied zur U‑Bahn-Haupt­werk­statt, die eben­falls von Wohn­häu­sern begrenzt wird, aber einen viel­schich­ti­gen Auf­bau besitzt, ent­wi­ckel­te Jean Krä­mer einen sym­me­tri­schen, städ­te­bau­lich wir­kungs­vol­len Grund­riss. Die Fahr­zeug­hal­le, die 320 Stra­ßen­bahn­wa­gen auf­neh­men konn­te, wur­de an der Rück­sei­te des Bau­blocks ange­ord­net. Die Wohn­häu­ser umschlie­ßen den Betriebs­hof und öff­nen sich zur Mül­ler­stra­ße durch eine tor­ar­tig gestaf­fel­te Bau­grup­pe. Die Wohn­an­la­ge für Beschäf­tig­te wirkt ein­heit­lich, obwohl viel­fäl­ti­ge Details zu sehen sind. Die Fas­sa­den sind rot­braun ver­putzt und mit orna­men­ta­ler Kera­mik besetzt. Die Ober­ge­schos­se wer­den durch ver­ti­ka­le Bän­der gegliedert.

Bus-Betriebshof Müllerstraße

Die scharf­kan­ti­gen, spitz vor­kra­gen­den Wand­vor­la­gen der klin­ker­ver­klei­de­ten Erd­ge­schoss­zo­ne, unter­strei­chen den expres­si­ven Cha­rak­ter. Die Wohn­trak­te an Lon­do­ner und Bel­fas­ter Stra­ße umfas­sen nur drei Stock­wer­ke, abge­se­hen vom Mit­tel­bau, der durch ein ein zusätz­li­ches Geschoss her­aus­ge­ho­ben wird. Die Hof­sei­ten wer­den durch drei­eckig vor­sprin­gen­de Trep­pen­häu­ser geglie­dert. Die Eck­ge­bäu­de an der Rück­sei­te des Bau­blocks, die an die Wagen­hal­le anschlie­ßen, stei­gern sich zu mas­si­gen, flach­ge­deck­ten Turm­häu­sern. Die turm­ar­ti­gen, 32 m hohen Kopf­bau­ten an der Ein­fahrt zum Betriebs­hof, die expres­siv gestal­tet sind, bil­den das archi­tek­to­ni­sche Mar­ken­zei­chen der “Stra­ßen­bahn­stadt”. Sie ent­hal­ten Woh­nun­gen, Betriebs- und Ver­wal­tungs­räu­me, außer­dem einen Hoch­be­häl­ter für die Was­ser­ver­sor­gung des Betriebs­hofs. Unten öff­nen sich Para­bel­bö­gen, die an die goti­sche Bau­kunst erin­nern, gemau­ert aus roten Klin­kern mit aus­strah­len­den Fugen. Die wuch­ti­gen Schluss­stei­ne lei­ten zur pris­ma­tisch gefal­te­ten Turm­wand über. Über dem sechs­ten Geschoss folgt der Was­ser­be­häl­ter, der sich durch eine vio­let­te Klin­ker­ver­klei­dung und eine gegen­läu­fi­ge Mau­er­fal­tung vom unte­ren Bereich absetzt.” (aus­zugs­wei­se, Quel­le: Denkmaldatenbank)