Phönicia: Falafel statt Döner

Um im Wedding einen guten Falafel zu bekommen, sollte man manchmal auch längere Wege in Kauf nehmen. Seit ein paar Jahren gibt es in der Seestraße Spezialitäten aus Nahost. Inzwischen ist der kleine Laden in libanesischer Hand und bezieht sich namenstechnisch auf die Phönizier, die bekanntlich im heutigen Libanon ihren Siedlungsschwerpunkt hatten. Anders als bei den meisten Falafelläden kann man vor dem Phönicia im Sommer auch schön sitzen.

Arbeitsagentur Müllerstraße: Einst das bekannteste Arbeitsamt Deutschlands

Fast jeder kennt dieses Bild: das große rote „A“ an einem Betonbau. Die „Tagesschau“ der ARD machte das Arbeitsamt in der Müllerstraße zum bekanntesten seiner Art in ganz Deutschland, indem sie über Jahrzehnte symbolisch dieselbe Ansicht des Gebäudes zeigte – immer, wenn es um Arbeitsmarktthemen ging.

Agentur für Arbeit Müllerstr.
frühere Agentur für Arbeit Müllerstr.

Ein Grund für die Verwendung eines Bildes jenes Bauwerks könnte sein, dass es ein typisches Beispiel der schlichten Nachkriegsarchitektur der Zeit des westdeutschen und Westberliner Wirtschaftswunders ist. Auch der Lebensweg von Bruno Grimmek, der das Gebäude entwarf, ist typisch für diese Zeit. Grimmek, der Ende der 1920er Jahre sein Architektenausbildung abschloss, entwarf später unter Albert Speer (Hitlers Architekt für den Ausbau der Reichshauptstadt) Verwaltungsgebäude für Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg gestaltete Grimmek – nun im Auftrag der West-Berliner Bauverwaltung tätig – die wenige Kilometer von der Müllerstraße entfernte Gedenkstätte Plötzensee, an jenem Ort, wo über 2500 Gegnern des Nazi-Regimes ermordet worden waren. Und wählte hierfür die Architektursprache des von den Nationalsozialisten errichteten Olympiastadions. In den 1950er Jahren wechselte Grimmek dann schnell zur Architektur der Nachkriegsmoderne. Zu seinen Werken gehören u.a. die U-Bahnhöfe Amrumer Str. und Rehberge sowie der U-Bhf. Leopoldplatz (U 9-Bahnsteig) im Wedding. Besonderes Merkmal sind die zum Bahnsteig hin gewölbten „Schmetterlingsdecken“.

Anders als bei den Verwaltungsgebäuden des Landes Berlin, bei deren Gestaltung Grimmek viel Freiheit genoss, gab es in den 1950er Jahren beim Arbeitsamt strenge Vorgaben durch die zuständige Bundesagentur für Arbeit. Festgeschrieben war beispielsweise die Errichtung der Gebäude auf einem Eckgrundstück, ebenso wie die damals übliche Trennung der Warteräume für Männer und Frauen. Kostenbeschränkungen führten außerdem dazu, dass nicht teurer Naturstein, sondern schlichter Putz sowie pastellfarbene Kacheln an der Fassade eingesetzt wurden. Dem aufmerksamen Beobachter sind im letzten Jahr sicher die Veränderungen im einstigen Arbeitsamt aufgefallen. So verschwanden die schönen Geranien, die im Sommer vom Balkon der Hausmeisterwohnung am rechten Gebäudeteil herunter rankten. Das „JobCenter“ hatte als neuer Eigentümer des Hauses bei der Gebäude-Übernahme erst einmal dem dort langjährig tätigen Hausmeister gekündigt.

Dass das Arbeitsamt in der „Tagesschau“ nun nicht mehr erscheint, ist jedoch nicht seinem Funktionswechsel zum „Jobcenter am Standort Wedding“, wie es jetzt offiziell genannt wird, geschuldet. Vielmehr hatte die zuständige Bildredakteurin der Tagesschau beim NDR in Hamburg einen Fotografen beauftragt, neue Bilder zur Arbeitsagentur und zum JobCenter zu machen. Begründung: In der heutigen Zeit der Serviceorientierung sollen keine Bauwerke mehr gezeigt werden. Auf den Bildern über solche Einrichtungen sollen vielmehr deren „zufriedene Kunden“ zu sehen sein.

Autor: Eberhard Elfert

zuerst erschienen in der „Ecke Müllerstraße“

Max-Josef-Metzger-Platz: Nur scheinbar unscheinbares Grün…

Ein Blick auf die Grünanlage zwischen Gerichts- und Müllerstraße zeigt vor allem eines – nämlich den praktischen Umgang der Weddinger mit ihren Plätzen und deren Geschichte.

Trümmersäule auf dem Max-Josef-Metzger-PlatzDer Max-Josef-Metzger-Platz, wie er heute heißt, entstand ursprünglich nach Plänen des Stadtbaurates James Hobrecht im Jahre 1862. Zuvor waren die Flächen seit 1822 von einem Herrn Freundenberg landwirtschaftlich genutzt worden. In der Folge der Besiedlung des Wedding musste er allerdings zunehmend Verwüstungen auf seinem Grundstück hinnehmen: Selbst Dornenhecken, Bretterzäune, Wassergräben und Erdwälle hielten die Schüler der nahe gelegenen Schule nicht davon ab, seine Ernte zu stehlen.

Im Jahr 1875 zog dann schließlich der Magistrat das Grundstück aus ästhetischen und sanitätspolizeilichen Gründen an sich, denn die tief gelegene Fläche hatte nur noch als Auffangbecken für Abwasser gedient. Der ein Jahr später von Gartenbaudirektor Gustav Meyer angelegte Schmuckplatz galt als »Probeversuch« – zunächst wurde befürchtet, dass »die Rohheit unnützer Personen die Pflanzungen nicht zu einer gedeihlichen Entwicklung« kommen lassen würde. Diese Besorgnis war, so berichten es die Akten des damaligen Gartenbauamtes, allerdings unbegründet, denn die Haltung des Publikums hatte sich als so »zivilisiert« erwiesen wie in vornehmeren Stadtteilen.

Die Namensgebung im Jahre 1887 zum Courbièreplatz erfolgte (wie so oft zur damaligen Zeit in Berlin) nach Personen oder Ereignissen des preußischen Militarismus. Der Namensgeber Wilhelm Reinhardt de l‘Homme de Courbière (1733–1811) hatte sich als preußischer General- Feldmarschall hugenottischer Herkunft an so ziemlich allen Kriegen seiner Zeit beteiligt und sich nicht nur militärisch, sondern auch mit Zivilcourage gegen die Truppen Napoleons zur Wehr gesetzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg (der ehemalige Schmuckplatz hatte in dieser Zeit als Müllkippe gedient) folgte schließlich eine für den Wedding der 1950er Jahre typische Umgestaltung: Die bisher nach barocken und landschaftlichen Vorbildern gestaltete Anlage mit ihren durch Gehölzstreifen gegliederten Nischen und geschwungenen Wegen wurde zum Abstandsgrün des Arbeitsamtes degradiert.

Zur Neugestaltung gehörte auch ein 12 Meter hohes Denkmal – die »Trümmersäule« von Gerhard Schultze-Seehof, die mit ihren Reliefs die damaligen politischen Vorstellungen z.B. vom Wiederaufbau Berlins, von Sklaverei, Zerstörung und Demokratie widerspiegeln sollte. Unter »Sklaverei« wurde damals übrigens nicht nur die Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch das politische System der DDR verstanden. Das zeigt auch das Einweihungsdatum des Denkmals im Juni 1954, womit man an den 17. Juni 1953 erinnern wollte: Beim damaligen Volksaufstand in der DDR waren Arbeiter aus dem (nördlich von Berlin gelegenen) Henningsdorf durch die Weddinger Müllerstraße in Richtung „Ostberlin“ gezogen.

Dass der Platz seit 1994 nun nicht mehr an die militärische Vergangenheit Preußens erinnert, hat allerdings weniger mit der friedliebenden Gesinnung der Weddinger zu tun: Eine Initiative, die nahegelegene Willdenowstraße nach dem Pfarrer und Kriegsgegner Max-Josef Metzger umzubenennen, war Anfang der 90er Jahre am Protest von Anwohnern gescheitert.

Die Erfahrungen des 1. Weltkrieges hatten den katholischen Priester Metzger, der seit 1939 in der Willdenowstraße lebte, zu einem überzeugten Pazifisten gemacht. Er gründete zahlreiche Friedensinitiativen auch innerhalb der Katholischen Kirche. Aufgrund seines Engagements für Ökumene und Demokratie in Deutschland wurde er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verfolgt und mehrfach verhaftet. 1943 verurteilte ihn der »Volksgerichtshof« zum Tod im Jahr 1944 wurde er hingerichtet. Das Todesurteil wurde erst vor 16 Jahren vom Berliner Landgericht wieder aufgehoben.

Doch selbst die sterblichen Überreste des einstigen Friedenskämpfers geriet zwischen die politischen Fronten: Gegen den Willen der Nazis sorgte ein katholischer Pfarrer für eine würdige Beerdigung Metzgers sowie die Überführung des Leichnams auf den St. Hedwigs-Friedhof an der Liesenstraße. Seine Totenruhe wurde allerdings schon nach wenigen Jahren wieder gestört, als an gleicher Stelle die Mauer und die dazugehörigen Sperranlagen errichtete wurden. Freunde Metzgers sorgten deshalb erneut für eine Umbettung, diesmal in das ruhige Meitingen bei Augsburg.

Auch wenn der Name Max-Josef Metzger den Weddingern heute wenig sagt – bei der Umbenennung gab es keinen Protest: Es mussten keine Briefköpfe und Visitenkarten geändert werden, denn an dem Platz wohnt niemand.

In ähnlicher Form in: ecke Müllerstraße Nr. 2 – 2013

Autor: Eberhard Elfert