Arbeitsagentur Müllerstraße: Einst das bekannteste Arbeitsamt Deutschlands

Fast jeder kennt die­ses Bild: das gro­ße rote „A” an einem Beton­bau. Die „Tages­schau“ der ARD mach­te das Arbeits­amt in der Mül­ler­stra­ße zum bekann­tes­ten sei­ner Art in ganz Deutsch­land, indem sie über Jahr­zehn­te sym­bo­lisch die­sel­be Ansicht des Gebäu­des zeig­te – immer, wenn es um Arbeits­markt­the­men ging.

Agentur für Arbeit Müllerstr.
frü­he­re Agen­tur für Arbeit Müllerstr.

Ein Grund für die Ver­wen­dung eines Bil­des jenes Bau­werks könn­te sein, dass es ein typi­sches Bei­spiel der schlich­ten Nach­kriegs­ar­chi­tek­tur der Zeit des west­deut­schen und West­ber­li­ner Wirt­schafts­wun­ders ist. Auch der Lebens­weg von Bru­no Grim­mek, der das Gebäu­de ent­warf, ist typisch für die­se Zeit. Grim­mek, der Ende der 1920er Jah­re sein Archi­tek­ten­aus­bil­dung abschloss, ent­warf spä­ter unter Albert Speer (Hit­lers Archi­tekt für den Aus­bau der Reichs­haupt­stadt) Ver­wal­tungs­ge­bäu­de für Ber­lin. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg gestal­te­te Grim­mek – nun im Auf­trag der West-Ber­li­ner Bau­ver­wal­tung tätig – die weni­ge Kilo­me­ter von der Mül­ler­stra­ße ent­fern­te Gedenk­stät­te Plöt­zen­see, an jenem Ort, wo über 2500 Geg­nern des Nazi-Regimes ermor­det wor­den waren. Und wähl­te hier­für die Archi­tek­tur­spra­che des von den Natio­nal­so­zia­lis­ten errich­te­ten Olym­pia­sta­di­ons. In den 1950er Jah­ren wech­sel­te Grim­mek dann schnell zur Archi­tek­tur der Nach­kriegs­mo­der­ne. Zu sei­nen Wer­ken gehö­ren u.a. die U‑Bahnhöfe Amru­mer Str. und Reh­ber­ge sowie der U‑Bhf. Leo­pold­platz (U 9‑Bahnsteig) im Wed­ding. Beson­de­res Merk­mal sind die zum Bahn­steig hin gewölb­ten „Schmet­ter­lings­de­cken“.

Anders als bei den Ver­wal­tungs­ge­bäu­den des Lan­des Ber­lin, bei deren Gestal­tung Grim­mek viel Frei­heit genoss, gab es in den 1950er Jah­ren beim Arbeits­amt stren­ge Vor­ga­ben durch die zustän­di­ge Bun­des­agen­tur für Arbeit. Fest­ge­schrie­ben war bei­spiels­wei­se die Errich­tung der Gebäu­de auf einem Eck­grund­stück, eben­so wie die damals übli­che Tren­nung der War­te­räu­me für Män­ner und Frau­en. Kos­ten­be­schrän­kun­gen führ­ten außer­dem dazu, dass nicht teu­rer Natur­stein, son­dern schlich­ter Putz sowie pas­tell­far­be­ne Kacheln an der Fas­sa­de ein­ge­setzt wur­den. Dem auf­merk­sa­men Beob­ach­ter sind im letz­ten Jahr sicher die Ver­än­de­run­gen im eins­ti­gen Arbeits­amt auf­ge­fal­len. So ver­schwan­den die schö­nen Gera­ni­en, die im Som­mer vom Bal­kon der Haus­meis­ter­woh­nung am rech­ten Gebäu­de­teil her­un­ter rank­ten. Das „Job­Cen­ter“ hat­te als neu­er Eigen­tü­mer des Hau­ses bei der Gebäu­de-Über­nah­me erst ein­mal dem dort lang­jäh­rig täti­gen Haus­meis­ter gekündigt.

Dass das Arbeits­amt in der „Tages­schau“ nun nicht mehr erscheint, ist jedoch nicht sei­nem Funk­ti­ons­wech­sel zum „Job­cen­ter am Stand­ort Wed­ding“, wie es jetzt offi­zi­ell genannt wird, geschul­det. Viel­mehr hat­te die zustän­di­ge Bild­re­dak­teu­rin der Tages­schau beim NDR in Ham­burg einen Foto­gra­fen beauf­tragt, neue Bil­der zur Arbeits­agen­tur und zum Job­Cen­ter zu machen. Begrün­dung: In der heu­ti­gen Zeit der Ser­vice­ori­en­tie­rung sol­len kei­ne Bau­wer­ke mehr gezeigt wer­den. Auf den Bil­dern über sol­che Ein­rich­tun­gen sol­len viel­mehr deren „zufrie­de­ne Kun­den“ zu sehen sein.

Autor: Eber­hard Elfert

zuerst erschie­nen in der “Ecke Müllerstraße”


1 Kommentar
  1. […] gan­zen Orts­teil ist auch das Job­cen­ter direkt gegen­über – unter­ge­bracht in einem typi­schen Arbeits­amts­ge­bäu­de aus den 1950er […]

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