Plötzensee: „Übernutzung gepaart mit Ignoranz“ – eure Meinungen

Wildbaden im Plötzensee, Zertrampeln der Uferböschungen, keine Rückzugsmöglichkeiten mehr für die Tiere, Beschallung durch Bluetooth-Boxen, Party-Time den ganzen Sommer – unser Artikel über den Plötzensee hat ungewöhnlich viele Weddinger bewegt und uns zahlreiche Zuschriften verschafft. Wir geben hier einige wieder, die weitere Aspekte des Themas beleuchten.

Beschallung durch Boxen

Neben der leider schon altbekannten Vermüllung und routinierten Verstößen gegen den Naturschutz hat auch eine kleine Dose den Umgangston am Plötzensee nachhaltig verändert. Wo der erholungsbedürftige Großstädter sich einstmals an Naturgeräuschen laben konnte, herrscht inzwischen akustische Diktatur. Grund: Gefühlt jeder Zweite hat nicht nur die Badehose und ein kühles Bier im Gepäck, sondern knallt auch noch eine Bluetooth-Box auf die Picknickdecke. Statt rauschenden Blättern und sanften Wellen lauscht man also nun den Tönen des Nebenmannes. Und seien wir ehrlich: Ein Violinkonzert wird selten von diesen Boxen abgespielt.

Die Beats des einen senken offenbar auch die akustische Hemmschwelle für alle anderen und so schwebt eine dezibelintensive Kakophonie aus House und Hiphop über dem Plötzensee. Statt Ruhe und Erholung in der Weddinger Stadtnatur wird Dauerbeschallung geboten. Dass Lärm nachweislich krank macht: egal. Es gilt das akustische Recht des Stärkeren. Das Problem ist, dass quasi jeder Smartphonebesitzer inzwischen auch Diskothekenbetreiber sein kann, fasst Herbert Lohner vom BUND Berlin e.V. die Problematik zusammen. Es gibt einen massiven Zielkonflikt zwischen dem lautstarken Freizeitverhalten der einen und dem Naturschutz bzw. dem Bedürfnis nach Stille der anderen. Dabei sieht Lohner vor allem die Stadt in der Pflicht, die unterschiedlichen Nutzungsansprüche an das Berliner Stadtgrün wieder in einen fairen Ausgleich zu bringen: „Nur mit mehr Personal vor Ort können die Regeln effektiv durchgesetzt werden. Alles andere funktioniert nicht.

Das Bezirksamt Mitte verweist seinerseits auf die im Land Berlin geltenden Lärmschutzvorschriften; jeder habe sich so zu verhalten, dass schädliche Umwelteinwirkungen, wozu auch Lärm gehört, vermieden werden. Dem Nutzungsdruck auf den Plötzensee mit all seinen negativen Begleiterscheinungen will das Bezirksamt vor allem in Gestalt einer Aufklärungskampagne zum rücksichtsvollen Umgang mit der Natur begegnen. Auch ein Parkdienst sowie Stadt-Natur-Ranger seien nun im Einsatz.

Bleibt zu hoffen, dass diese Maßnahmen bald greifen. Vielleicht werden dann irgendwann sogar die hehren Worte der Berliner Charta für das Stadtgrün wahr: „Wertschätzung des Stadtgrüns ist eine essentielle Voraussetzung für das Zusammenleben im öffentlichen Raum. Wertschätzung bedarf einer Kultur der Rücksicht und Verständigung.“ A. Boltze

Man wird sofort angefeindet

„Ich mag den Plötzensee echt gerne. Seit ca. 20 Jahren gehe ich gerne dort spazieren und trinke dann und wann einen Kaffee in der urigen Fischerpinte. Aber in diesem Jahr ist für mich (75 Jahre alt) weder das eine noch das andere möglich, was ich sehr schade finde. Überall ist es überfüllt und vermüllt und niemand scheint bisher etwas von den momentanen Abstandsregeln gehört zu haben. Und man wird sofort angefeindet oder beleidigt, wenn man darum bittet. Habe es echt versucht, aber das ist mir alles zu aggressiv. Besonders schlimm ist es an den wilden Badestellen. Und wenn ich das so richtig sehe, sind es gerade die Menschen, die sonst so sehr auf Klimaschutz drängen – was ja richtig ist –  die hier alles zumüllen und auf Naturschutz pfeifen, wenn es um ihr eigenes Verhalten geht. Da ist offenbar keine Bereitschaft, selbst mit seinem eigenen Verhalten dazu beizutragen. Wirklich sehr schade!“ Monika von Wegerer

Freie Badestelle schaffen

„Ich finde das Wildbaden auch nicht gut. Aber auch ich muss gestehen, ich bin auch das eine oder andere mal schon über die Mauer in den See gegangen. Man könnte, und dafür bin ich zu 100 %, aus dem Wildbaden ein offizielles Baden ohne bezahlen zu machen.  Warum nicht eine offizielle freie Badestelle schaffen, wo es legal ist, auch ohne Bezahlung baden zu gehen? Natürlich sollten die gesperrten Zonen dann respektiert werden. Ich bin mir allerdings sicher, dass es dann trotzdem noch die Mehrheit sein wird, die das Freibad nutzen wird. Mit ein wenig Gesprächsangebot werden dann die etwas gedankenverlorenen Naturgenießer es auch verstehen, die Natur zu schützen. Ja, auch das wird es geben, einige die nicht zuhören wollen, aber wenn man es schaffen könnte, die Verantwortlichkeit eines jeden selbst zu geben, vielleicht achtet dann jeder selbst verantwortlich, respektvoll und wertschätzend auf seine Umgebung und Mitmenschen.“ Deva Prem

Parks bräuchten Betreuung

„Das Wildbaden an sich ist kein Problem, es könnten problemlos an einigen Stellen geordnete Wasserzugangsbereiche geschaffen werden und die restlichen Uferbefeich von Wasser- und Landseite geschützt. Bei respektvollem Umgang mit dem See/Ufer wie Ewigkeiten vor dem Hype an der FKK- Badestelle verantwortungsvoll praktiziert. Der Bezirk könnte hier ein nutzer*innen- und naturfreundliches Konzept nachhaltig umsetzen. Aber das erfordert mehr als einen Zaun und Verbote und das braucht nach Einrichtung auch kontinuierlich personelle Betreuung. Wie viele Parks im Wedding sie dringend bräuchten!

Das andere Problem tritt unabhängig vom Baden in immer mehr Grünflächen Berlins auf und heißt Übernutzung gepaart mit Ignoranz. Auch hier bedarf es besserer Konzepte der Kommunikation, der Grünflächenpflege und Vor Ort-Betreuung und sicher auch Maßnahmen, die Bürger*innen Respekt und Achtung vor Gemeinschaftsflächen vermitteln. Das betrifft den Wedding als Stadtteil gesamt leider in vielen Bereichen. Es ist, was das Straßen- und Parkbild angeht, besonders z.B. in der Vermüllung und willkürlichen Müllentsorgung zu sehen.“ M. Müller

Für Renaturierung wären Jahre nötig

„Ich kenne den See schon lange und habe dort sogar noch Wasserschildkröten beobachtet. Vor gefühlt sehr langer Zeit. Inzwischen ist für die Tier- und Pflanzenwelt ja kaum mehr Platz übrig. Ich habe den Eindruck, dass der Bezirk den See aufgegeben hat. Das kleine Zäunchen hält niemanden ab und der Uferbereich ist so nachhaltig ruiniert, dass wahrscheinlich viele Jahre nötig sind, für eine Renaturierung. Und das chronisch unterbesetzte Ordnungsamt kümmert sich eher um Parkraumbewirtschaftung im Bezirk. Ich schrieb bereits dem rbb, um irgendwie zu bewirken, dass dieser eigentlich sehr schöne See mediale Aufmerksamkeit bekommt. Aber seitens der rbb-Redaktion kam nüscht zurück. Wahrscheinlich ist das Thema nicht so sexy, wie die x-te Reportage über eine 30er Zone, in der niemand 30 fährt… Auch wichtig, natürlich, bei mir am Schillerpark ist das nämlich auch der Fall… Aber was soll man machen ? Eine Bürgerinitiative gründen? Falls es mal Aktionen geben sollte, welcher Art auch immer, ich würde mich beteiligen.“  Daniel Ruven Maes

Naturschutz weiterverfolgen

„Bekannte, Freunde und ich sehen es auch so, dass der Status Quo so nicht bleiben darf. Natürlich könnte man darüber nachdenken, das Ufer in irgendeiner Form zu öffnen. Jedoch finde ich es besser, das bisherige Konzept des Naturschutzes weiter zu verfolgen. Eine Aufgabe dieser Linie wäre im Übrigen ein Hintergehen der Wirtschaft vor Ort: Pächter des Strandbades oder der Bootsverleih müssten mit Einbußen rechnen oder gar ganz aufgeben. Die jetzige Situation schädigt Natur und setzt Menschenleben auf Spiel. Ich habe mich daher mit meinem Mandat dafür eingesetzt, das Ufer besser zu sichern. Hier der von mir eingebrachte Antrag.Alexander Freitag, Bezirksverordneter PIRATEN


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