Müller42 #8: Der Plan

Der Wedding. Endliche Weiten. Dies sind die Abenteuer der Bewohner des Wohnhauses in der Müllerstraße 42, die schon oft zuvor da gewesene Gentrifizierung bekämpfen und dahin gehen, wo schon viele Weddinger zuvor gewesen sind.  

Eine Fortsetzungsgeschichte von Ruben Faust und Nethais Sandt 

Was bisher geschahMelina (Musikstudentin) muss mit großem Schrecken feststellen, dass ihr Fahrrad geklaut wurde. Nach einer erfolglosen Suche durch den Wedding entschließt sie sich, einen Trost- Döner in „Mohammads Döner Store“ essen zu gehen. Dabei hört Mohammad, Inhaber des Dönerladens und allseits bekannter „Mann des Vertrauens“, ihren Sorgen geduldig zu.  Der Hausmeister Herr Brown kümmert sich derweil um die Wasserlache, die er versehentlich im Hausflur erschaffen hat. Frau Faterl (ehemalige Bayerin) schlägt sich mit den Problemen einer Mathelehrerin herum . Der Student Phil wacht dann eines Tages schon wieder nackt im Bett mit seiner Mitbewohnerin Melina auf. Zu allem Übel fällt ihm dann auch noch ein, dass er in einem Moment der Fürsorge, ihr Fahrrad weggestellt hat. Die Hausrenovierung rückt immer näher, sodass die Prenzlauerberg-Eltern in Aktion treten und die Hausbewohner zum Widerstand aufrufen. Währenddessen geht etwas Merkwürdiges im Weddinger Wohnhaus vor: Dorothea findet regelmäßig  Blumen auf ihrer Türmatte. Dit Jeheimnis muss natürlich jelüftet werden.  Lisbeth Faterl freut sich derweil über die anstehenden Osterferien und lebt das Berliner Nachtleben voll aus. (Folge 1: Das Fahrrad) (Folge 2: Die Wasserlache) ( Folge 3: Die Lehrerin) (Folge 4: Das Gefühl)(Folge 5: Die Aktivisten) (Folge 6: Der Blumenstrauß) (Folge 7: Die PartyDabei rechnet sie nicht mit den Gemeinheiten ihrer Schüler…

„Ey, wie gruselig ist das denn?“, sagt Leon und zündet sich eine Zigarette an. Hakim schaut ihm dabei zu und kann ein gewisses Unbehagen nicht unterdrücken.  Er hat noch nie geraucht. Und er hat auch nicht vor, es jemals zu tun. Der Gestank dreht ihm jedes Mal den Magen um, von den Schäden in der Lunge mal abgesehen. Und er hängt stark an seinen weißen Zähnen.  Weiße Zähne sind der Schlüssel, um bei Mädchen gut anzukommen. Das, und glatte Haut und vielleicht auch irgendein Talent. Er wirft einen kurzen Blick zu seinem Keyboard in der Ecke seines Zimmers. Sind Keyboards genauso hoch angesehen wie Gitarren?
„Was meinste?“, erwidert Achmed, Hakims großer Bruder. Er sieht das mit den Zigaretten ganz anders.  Kifft schon seit zwei Jahren, wobei Hakim den Verdacht hat, dass er dies nur aufgrund des Gruppenzwangs tut. Und vielleicht, weil er ein bisschen Angst vor Leon hat. Der blonde Junge ist zwar einen Kopf kleiner als sie beide zusammen, hat aber eine umso größere Klappe und ein umso geringeres Gewissen. Schon oft ist er der Grund gewesen, dass Lehrer die Schule verlassen haben. Und so wie Hakim Leon kennt, hat er schon sein neues Ziel vor Augen.
„Na, dass diese olle Lehrerin direkt gegenüber wohnt!“ Leon macht große Augen und sieht die beiden Brüder entgeistert an. Hakim entdeckt einen neuen Pickel auf Leons Stirn. Es ist sehr schwer, ihn nicht zu bemerken.
„Ja, und?“ Achmed nimmt ebenfalls einen Zug von einer Zigarette. Es scheint ihn wirklich nicht zu kümmern, dass der Gestank sich für Tage in deren Zimmer festsetzen wird. Hat er keine Angst vor Mama und Papa?
„Was, na und? Stell dir vor, du begrüßt sie am Morgen mal nicht. Boom, ne sechs. Wallah, das ist so schräg.“  Leon schüttelt den Kopf und denkt nach.  Dann beugt er sich vor, ein diabolisches Grinsen auf den Lippen. „Man kann das aber auch gut ausnutzen. Das ist die Gelegenheit, auf die ich immer gewartet habe.“ Er macht eine kurze dramatische Pause. Dann flüstert er: „Wir spionieren sie aus!“
Hä?
Hakim und Achmed schauen den blonden Jungen verwirrt an. „Wieso sollten wir sie ausspionieren?“, fragt Hakim. Leon rollt mit den Augen. „Diggah, bist du so doof oder tust du nur so? Um sie später zu erpressen. So kommst du endlich an deine Eins!“
„So will ich aber gar keine“-, fängt Hakim an, jedoch stößt Achmed ihm den Ellbogen in die Seite und wirft ihm einen bösen Blick zu.  Als Ausländer ist es gut, sich schnell anzupassen, lautet sein Motto.  Wenn du in der Schule nicht bis zum Ende fertig gemacht werden möchtest, hältst du den Mund und machst mit. Das ist kein Zeichen eines Mitläufers, sonders pures Überleben.
Aber dafür die Lehrerin ausspionieren? Hakim hat sie eigentlich ganz nett gefunden. Sie hat Potential, seine Lieblingslehrerin zu werden, aber das hat sich damit wohl erledigt. Ihm wird schlecht, als Leon und Achmed anfangen, einen Plan zu schmieden. Er möchte nur noch so schnell wie möglich aus diesem Zimmer raus. Er will gerade aufstehen, als Achmed den Arm ausstreckt und ihn zurück auf den Boden des Zimmers zieht. Seine Blicke halten Hakim den ganzen restlichen Abend dort. Wie festgepinnt ohne die geringste Chance zu entkommen.

Der Plan sieht folgendermaßen aus: Jeden Abend würde eine Person vor dem Türspion Wache halten und Frau Faterls Aktivitäten beobachten. Die Eltern von Hakim und Achmed arbeiten beide in Nachtschichten und würden davon nichts mitbekommen.
Leon ist geradezu begeistert von seinem ach so grandiosen Plan. Achmed geht einfach kommentarlos mit. Hakim hat absolut gar keine Lust, Stunde um Stunde eine geschlossene Tür anzustarren. Aber wen  kümmert schon seine Meinung?  Da Leon dreimal pro Woche Fußballtraining hat und  Hakim und Achmed ab und zu Nachhilfe in Deutsch und Englisch bekommen, rekrutieren sie für ihren Plan die anderen ihrer Gang: Zwei Mädchen namens May und Larissa. May ist Chinesin und hat meterlanges, schwarzes Haar, das sie zu komplizierten Flechtfrisuren trägt.  Hakim hat sich schon oft gefragt, wie viel Geduld und Zeit man dazu haben muss, Strähne um Strähne zu flechten und auf dem Kopf festzupinnen.  Larissa ist ziemlich groß, hellhäutig, hat eisblaue Augen und Sommersprossen, selbst im Winter. Achmed und Leon benehmen sich in ihrer Anwesenheit immer super komisch, der eine angeberischer als der andere. Sie erinnern Hakim immer an Gorillas, die sich laut kreischend auf die Brust hämmern. Larissa ist davon zwar wenig beeindruckt, aber das scheint weder Leon noch Achmed zu kümmern. Der einzige, den es kümmert, ist Hakim, denn den stört das laute Gebrüll und Rumgeäffe zutiefst.

 

Illustratorin: Nethais Sandt

 

Genauso auch, dass er das finale Ende seiner Lieblingsserie verpasst, weil er mit der Spionage dran ist und eine verdammte Tür anstarren muss. Die sich seit Stunden nicht geöffnet hat.
May sitzt neben ihm und nimmt einen Schluck Kaffee. Sie hat ihren Eltern gesagt, dass sie bei Larissa schlafen würde, ist aber stattdessen zu ihnen gekommen. Ausnahmsweise trägt sie ihr Haar diesmal offen und ihre Lippen sind knallrot vom Lippenstift.
„Warum machst’n das eigentlich?“, fragt er sie genervt. Sie nippt ein weiteres Mal an der Tasse und hebt fragend die Augenbrauen. „Also, dieses ganze Spionage- Ding?“, erklärt er.
„Schon mal was von diesem Asiaten-Klischee gehört?“, antwortet May. „Dass Asiaten immer gut in Mathe sind? Ich bin die Ausnahme und meine Eltern finden das voll scheiße. Ich kann ’ne Eins gut gebrauchen.“
Hakim weiß nicht, was er darauf antworten soll und schweigt deshalb.  Es breitet sich wieder Stille zwischen den beiden aus. May wird ungeduldig und steht auf, um selbst durch den Spion zu blicken. Dabei kommt sie Hakim gefährlich nah, so nah, dass er ihr Parfüm riechen kann. Er macht einen großen Schritt zurück und ignoriert den Schweiß an seinen Händen. Mädchen sind komisch. Unberechenbar. Irgendwie schön. Aber sehr oft einfach nur anstrengend. Er möchte auf keinen Fall zu einem Gorilla mutieren und wird alles tun, um das –
„Hakim!“, unterbricht May seinen Gedankengang zischend. „Die Tür geht auf!“
Sofort ist Hakim an ihrer Seite, sämtliche Gorilla- Gedanken sind verschwunden. „Was macht sie?“
„Sie hat ein super komisches Ostereier-Kleid an, oh man oh man, ist das hässlich!“
Er rollt mit den Augen. Natürlich, von allen Dingen der Welt, guckt May nur auf das Kleid! Als gäbe es nichts wichtigeres. „Hat sie irgendwas an sich, womit man sie erpressen kann..?“, fragt er.
May antwortet eine ganze Weile nicht. Er spürt schon Hoffnung in sich aufsteigen, dass sie wirklich nach Indizien sucht, doch dann sagt sie: „Sind das etwa Häschenohren auf ihrem Kopf?! Das ist so peinlich, ey!“
„Verpiss dich“, knurrt Hakim sie genervt an. Er schiebt sie weg und starrt durch das Loch, nur, um Zeuge davon zu werden, wie seine Mathelehrerin die Treppen herunterläuft.  Erst wenige Sekunden später fällt ihm ein, dass sie den Moment verpasst haben, ein Foto zu schießen. Oh man, wie doof kann man sein!
„Hättest du nicht die ganze Zeit ihr Kleid scheiße gefunden, hätten wir ein Foto machen können!“, mault er May an. „Was ist dein Problem?!“, faucht diese zurück und verschränkt die Arme. Sie starren sich beide böse in die Augen, dann wirft May ihr Haar zurück. „Bro, ich fand dich schon ganz cool, aber was du hier abziehst, ist so ein No- go. Ich gehe zu Achmed. Der ist viel cooler drauf.“
„Tu, was du nicht lassen kannst.“, antwortet Harim und ist erleichtert, dass May die Biege macht. Denn während sie vor sich hingezickt hat, ist ihm eine Idee gekommen: Frau Faterl wird definitiv wiederkommen. Und das ist die Gelegenheit, ein Foto zu machen.

Es ist nach zwei, als Geräusche aus dem Flur Hakim aus seinem Halbschlaf reißen. Er wischt sich peinlich berührt den Sabber aus den Mundwinkeln und hofft, dass weder May noch sein Bruder ihn dabei gesehen haben. Dann holt er müde sein Handy aus der Hosentasche und öffnet die Haustür einen kleinen Spalt weit.  Seine Augen brennen.
Aus dem Treppenhaus hallt ein lautes Kichern, sowie ein wiederholtes: „Psst!“. Kurz darauf erscheint ein komisches Gebilde am Rande der Treppen. Es dauert eine Weile, bis Hakim Frau Faterl ausmacht, die sturzbetrunken wie eine Klette um eine fremde Frau hängt. Diese scheint ihre Schwierigkeiten zu haben, sich und Frau Faterl die Treppen heil hochzubringen, zumal sie auch eine Menge Alkohol intus zu haben scheint.  Es ist das perfekte Motiv für ein Foto, aber Hakim zögert.  Er mag Frau Faterl. Ziemlich gern. Zum ersten Mal versteht er etwas in Mathe und das will schon was heißen. Und er mag Leon nicht. Und er mag es nicht, dass Achmed bei all dem schweigt, auch wenn er weiß, dass es falsch  ist. Die ganze Situation ist ihm auf einmal so unangenehm, dass er die Tür schließen und sich verkriechen will, doch dann entdeckt die fremde Frau ihn und flüstert: „Hey! Könntest du mir bitte helfen?“ Hakim erstarrrt. Die Frau wirft ihm einen so flehenden Blick zu, dass er schließlich nichts anderes tun kann, als schuldbewusst hinter der Tür hervorzukommen. Er legt sich den anderen Arm von seiner Mathelehrerin über die Schulter und gemeinsam stemmen sie Frau Faterl die letzten Stufen zu ihrer Wohnung hoch.  Dabei ignoriert er gekonnt den penetranten Alkoholgeruch und die lallenden Kommentare ihrerseits, von denen er kein einziges Wort versteht. Hakim  ist sich nicht ganz sicher, aber er tippt auf Bayerisch.  Vor der Tür angekommen, sucht die fremde Frau in den Tasche von Frau Faterl einen Schlüssel, findet ihn und schließt die Wohnung auf. „Danke!“, flüstert sie ihm zu und nimmt ihm Frau Faterl ab. „Du bist mein kleiner Held.“ Dann verschwindet sie ihn die Wohnung und lässt die Tür hinter sich zufallen.
Hakim steht noch eine ganze Weile im Flur, zu verwirrt von dem, was er gerade erlebt hat. Dann zuckt er mit den Schultern. Frauen, Mädchen, alle gleichermaßen komisch. Er hat für den Abend definitiv genug. Alles, was er jetzt noch möchte, ist in sein Bett zu steigen und zu schlafen. Müde dreht er sich um, und verschwindet ebenfalls in seine Wohnung.

Fortsetzung folgt!


Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne:

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.