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Mit Druck und Temperatur: Die Espresso Ambulance

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Stafan Koch vor seinem Laden.
Ste­fan Koch vor der Espressoambulanz

Mus­kel­kraft statt Kap­sel­kaf­fee. Wenn man den sie­ben Qua­drat­me­ter klei­nen Laden in der Tür­ken­stra­ße im Wed­ding betritt, erin­nert im ers­ten Moment vie­les an eine Werk­statt: Das Werk­zeug, die vie­len Metall­tei­le und natür­lich das blit­zen­de Chrom. Tat­säch­lich ist es aber die neue Hei­mat von Ste­fan Koch. Und anstatt an alt­ge­dien­ten Autos her­um­zu­schrau­ben oder klei­ne Kap­seln in klei­ne Kaf­fee­ma­schi­nen zu schie­ben, restau­riert und repa­riert er vor­nehm­lich alte Espres­so­ma­schi­nen – genau­er gesagt: his­to­ri­sche Hand­he­bel­ma­schi­nen. Die Espres­so Ambu­lan­ce – ein ein­zig­ar­ti­ges Hand­werk im Wedding.

Über Neukölln in den Wedding

Der gebür­ti­ge Rhein­län­der Koch kam vor mehr als neun Jah­ren in die Haupt­stadt. Nach einer acht­jäh­ri­gen Zwi­schen­sta­ti­on in Neu­kölln, hat es ihn im Jahr 2015 schluss­end­lich zu uns in den Wed­ding ver­schla­gen. „Uns wur­de es zu laut und es gibt zu vie­le Hips­ter. Es ist ein­fach unan­ge­nehm zu woh­nen“, sagt Koch. Den Schritt in den etwas ruhi­ge­ren Teil des Wed­dings, dem Eng­li­schen Vier­tel, hat er nie bereut. Der Wed­ding und gera­de die Tür­ken­stra­ße hat für Koch etwas von dem Ber­lin, wie es frü­her ein­mal war. „Es gibt noch vie­le hier, die hier gebo­ren wur­den. Es ist eine ehr­li­che Ecke, die eher etwas Klein­städ­ti­sches hat, obwohl es mit­ten in Ber­lin ist.“ Des­halb arbei­tet Ste­fan Koch nicht nur hier – der hin­te­re Teil sei­ner Werk­statt ist zudem auch sei­ne Wohnung.

Espresso aus originalen Handhebelmaschinen

In der Werk­statt: Die Brüh­grup­pe ist zusam­men­ge­baut und wird an der Maschi­ne angebracht.

Schon 1989 fiel die ers­te Hand­he­bel­ma­schi­ne in Kochs Besitz. Im Lauf der Zeit ging das his­to­ri­sche Gerät jedoch kaputt. Und da sein Besit­zer zu dem Zeit­punkt nicht das Geld hat­te, um sie in einer hie­si­gen Werk­statt repa­rie­ren zu las­sen, tut er dies ein­fach umge­hend selbst. So begann Ste­fan Koch fast schon zufäl­lig mit sei­nem unge­wöhn­li­chen Hob­by, dem er in den ers­ten Jah­ren vor­nehm­lich in sei­ner pri­va­ten Gara­ge nach­ging. Irgend­wann kamen dann auch die ers­ten Auf­trä­ge. Seit 2000 befasst er sich inten­si­ver mit den his­to­ri­schen Gerä­ten und knüpft seit­dem auch mehr und mehr inter­na­tio­na­le Kon­tak­te, zum Bei­spiel zu Händ­lern wie auch zu ande­ren Lieb­ha­bern der alten Kaffeekunst.

Heu­te restau­riert er Model­le von Mar­ken wie Gag­gia über Pavo­ni bis hin zu Elek­tra und Faema sowie ande­ren Tra­di­ti­ons­fir­men. „Ich habe zum Bei­spiel eine Kun­din, die vor über 30 Jah­ren auf ihrer Hoch­zeits­rei­se eine Pavo­ni gekauft hat. Die bekom­me ich regel­mä­ßig zur War­tung und sie funk­tio­niert immer noch ein­wand­frei. Haupt­säch­lich bekom­me ich aber von Händ­lern und Lieb­ha­bern aus ganz Euro­pa Maschi­nen zuge­schickt zur Komplettrestauration.“

Zusätz­lich kauft Koch noch alte Maschi­nen an, wobei der Zustand erst ein­mal zweit­ran­gig ist, denn er ver­steht sich als Restau­ra­teur und nicht als Händ­ler. Die Arbeit an den Maschi­nen ist Handarbeit.

Espresso Ambulance: Ein Café in der Türkenstraße

Für die Zukunft plant Koch bereits eine Erwei­te­rung sei­ner Werk­statt. So sol­len unter ande­rem Sitz­bän­ke bald den Geh­weg vor der Espres­so Ambu­lan­ce zum Ver­wei­len ein­la­den. Der Werk­statt­raum soll dann eben­falls auch als Café nutz­bar wer­den. Alles in direk­ter Sicht­wei­te zur Werk­statt natür­lich, wo man des­sen Eigen­tü­mer bequem bei der Arbeit beob­ach­ten kann. Doch auch schon jetzt ver­kauft Ste­fan Koch in sei­nem Laden Espres­so und Cap­puc­ci­no „to go“ – aus einer 1993 Elek­tra im Bel­le Epo­che Design.

Mit diesem kleinen Fahrzeug verkauft er Espresso auf Märkten in Berlin. Die Gaggia Espresso- Handhebelmaschine hat eine orginal Brühgruppe von 1958.
Auf Ber­li­ner Märk­ten unter­wegs  – die Gag­gia Espres­so-Hand­he­bel­ma­schi­ne mit orgi­nal Brüh­grup­pe von 1958

„Der per­fek­te Espres­so ist die Kom­bi­na­ti­on aus Druck und Tem­pe­ra­tur. Jede Maschi­ne macht einen ande­ren Espres­so- dazu kommt das wich­tigs­te: die Boh­ne.“ Aus die­sem Grund ist das Roh­ma­te­ri­al für Ste­fans Espres­so hand­ver­le­sen. Er bezieht sei­ne Kaf­fee­boh­nen von einer klei­nen, ita­lie­ni­schen Rös­te­rei aus der Nähe von Rimi­ni. Hier wird der Kaf­fee 20 Minu­ten in einer Trom­mel gerös­tet. Indus­tri­el­ler Kaf­fee wird hin­ge­gen meist in 2–3 Minu­ten schnell geröstet.

Wer nicht in direk­ter Nach­bar­schaft zur Espres­so Ambu­lan­ce wohnt, der soll­te Aus­schau nach einem klei­nen Pia­g­gio hal­ten, denn: neben der Restau­ra­ti­ons­werk­statt ver­kauft Koch sei­nen Kaf­fee gemein­sam mit sei­ner Geschäfts­part­ne­rin auf diver­sen Wochen­märk­ten. Selbst­ver­ständ­lich mit his­to­ri­schen Handhebelmaschinen.

Übri­gens: Alle Hand­he­bel­ma­schi­nen mischen das hei­ße Was­ser zuerst mit dem Pul­ver, die so genann­te Präfus­si­on, bevor es durch den Hebel als Espres­so her­aus­ge­presst wird. Wer den Unter­schied schme­cken möch­te, dem sei die Espres­so Ambu­lan­ce in der Tür­ken­stra­ße ans Herz gelegt.

Espres­so Ambu­lan­ce, Tür­ken­stra­ße 19, 13349 Ber­lin, (0157) 84553625, www.espresso-ambulance.de

Text: Ronald Rog­ge, Tobi­as Weber, Bild: Ronald Rogge

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