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Aggression – was anfängt, kann auch aufhören:
Heute schon anders reagiert?

26. Mai 2024
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Sams­tag Vor­mit­tag im über­füll­ten Gesund­brun­nen-Cen­ter. Men­schen strö­men durch die Gän­ge, alle auf ihrer ganz per­sön­li­chen Mis­si­on. Die einen wol­len schnell etwas besor­gen, die ande­ren möch­ten in Ruhe ein­kau­fen, und vie­le nut­zen die Eta­gen als Markt­platz, wo sie Freun­de und Bekann­te tref­fen. Ich habe es eilig, vor mir schlen­dern drei Per­so­nen neben­ein­an­der durch den Gang, es ist kein Her­um­kom­men. Ich schar­re buch­stäb­lich mit den Hufen. Da! Eine Nische! Gekonnt sche­re ich aus, umrun­de die Grup­pe und – zack! – rem­pe­le ich jeman­den an, den ich glatt über­se­hen hatte.

Mit einer ent­schul­di­gen­den Ges­te hebe ich die Arme. „Sor­ry“, sage ich, doch es ist so laut, dass er mich wahr­schein­lich nicht hört. Dafür höre ich ihn.

„Was soll das, du XXXXXXX!“, ruft er wütend hin­ter mir her.

„Idi­ot!“, schimp­fe ich und gehe schnell weiter.

Wer hat angefangen?

Wäh­rend ich Sla­lom durchs Cen­ter lau­fe, wirkt die kras­se Reak­ti­on die­ses Men­schen in mir nach. Ich hat­te doch deut­lich gezeigt, dass es mir leid tat. War­um muss­te er mich dann so betiteln?

Ich las­se mei­nen Blick über die Men­ge schwei­fen. Was ist über­haupt los mit den Leu­ten, fra­ge ich mich. Über­all so viel Aggres­si­vi­tät. Na gut, ich bin bei mei­nem Über­hol­ma­nö­ver selbst nicht gera­de vor­aus­schau­end gewe­sen. Das könn­te auch aggres­siv auf den Mann gewirkt haben. Die vier mög­li­chen Reak­tio­nen auf eine Bedro­hung fal­len mir ein: Es sind Angriff, Flucht, Unter­wer­fung oder, wenn es extrem schlimm kommt, Erstar­rung. Das gehe ich gedank­lich mal durch. Der Mann fühl­te sich durch den Zusam­men­stoß bedroht und hat mit einem ver­ba­len Angriff reagiert. Was mich wie­der­um zu einer aggres­si­ven Ant­wort und danach zur Flucht bewo­gen hat. Als Kin­der hät­ten wir gegen­sei­tig mit dem Fin­ger auf­ein­an­der gezeigt und geru­fen: „Der/Die hat angefangen!“

Wo liegt die Ursache?

Im Lau­fe des Lebens lernt man, dass es sich oft nicht her­aus­fin­den lässt, wer nun ange­fan­gen hat. Denn jede Hand­lung ent­springt einer vor­aus­ge­gan­ge­nen Ursa­che, wel­che wie­der­um die Wir­kung einer viel älte­ren Ursa­che ist. Dass der Mann nicht nur „Ey, pas­sen Sie doch auf!“ geru­fen, son­dern mir eine kras­se Belei­di­gung hin­ter­her geschleu­dert hat, weist auf ein gewis­ses Aggres­si­ons­po­ten­zi­al hin. Und das war sicher­lich schon vor mei­nem Schul­ter-Remp­ler da. Was selbst­ver­ständ­lich kein Frei­brief für sein Ver­hal­ten ist. Aber es hilft mir, sei­ne Äuße­run­gen nicht per­sön­lich zu neh­men. Letzt­lich kommt es nicht dar­auf an, wer ange­fan­gen hat – son­dern dar­auf, dass man unschö­nes Ver­hal­ten nicht zum Anlass nimmt, sich eben­falls unschön zu verhalten.

Wel­che Optio­nen gibt es?

Das ist natür­lich leich­ter gesagt als getan. Denn oft reagiert man, bevor man sich bewusst wird, was eigent­lich los ist. Die Kunst ist also, den klei­nen Moment zwi­schen Ereig­nis und der eige­nen Reak­ti­on wahr­zu­neh­men. Hier hat man Spiel­raum zu wäh­len, was man jetzt sagen oder tun möch­te. Dafür ist es immens wich­tig, dass man sich irgend­wann vor­her mal Gedan­ken dar­über gemacht hat, was man denn anstel­le von Aggres­si­vi­tät noch für Optio­nen hat. Und sich dann bewusst dafür ent­schei­det, beim nächs­ten mal anders zu reagie­ren. Nach einer sol­chen Ent­schei­dung bie­tet einem das Leben aus­rei­chend Gele­gen­hei­ten, neue Reak­ti­ons­wei­sen zu üben.

Wer kann aufhören?

Im Rem­pel-Fall hät­te ich nach dem unschö­nen Aus­ruf des Man­nes ein­fach wei­ter­ge­hen kön­nen, ohne ihm auch noch etwas Unfreund­li­ches hin­ter­her­zu­wer­fen. Denn mit „Idi­ot!“ hat­te ich zwar das letz­te Wort, aber auch die dazu gehö­ren­de nega­ti­ve Ener­gie. Der Mann ist längst weg, aber die schlech­ten Vibes hab ich am Hacken. Dafür sor­gen, dass ich sie nicht an ande­rer Stel­le in die Welt tra­ge, kann nur ich. Wie ich auf etwas reagie­re, das liegt allein in mei­ner Ver­ant­wor­tung. Denn: Am Ende ist es nicht wich­tig, wer ange­fan­gen hat. Viel wich­ti­ger ist, wie man selbst damit auf­hö­ren kann. 

Stephanie Esser

Stephanie Esser lebt im Brunnenviertel, ist zertifizierte Lachyoga-Leiterin (CLYL), schreibt als Journalistin über Persönlichkeits- und Achtsamkeitsthemen und gibt Kurse im Lachyoga sowie zur hawaiianischen Konfliktlösungsmethode Ho'oponopono. Mehr darüber plus Praxistipps und Blogbeiträge gibt es auf ihren Websites www.frieden-freude-lachen.de sowie www.danke-ich-liebe-dich.de.

10 Comments

  1. Im Brun­nen­vier­tel nebst Gesund­brun­nen­cen­ter habe ich schon ganz ande­res erlebt, bes­ser über­lebt. Dies en detail zu schil­dern, wür­de die Gren­ze der Neti­quet­te deut­lich über­schrei­ten, wes­we­gen ich mir die Mühe spare.

  2. “Wo liegt die Ursa­che?” – Dar­an, dass so vie­le Leu­te in so ein enges dunk­les Cen­ter rein­ge­quetscht werden.
    In den frü­he­ren Ein­kaufs­stra­ßen war mehr Platz, weni­ger Het­ze – und auch mehr Platz, sich irgend­wo ent­spannt (und ohne Kon­sum­zwang) hinzusetzen…

    P. S. Das­sel­be ist mir im KaDe­We auch schon mehr­mals pas­siert. Das Gesund­bun­nen­cen­ter ist um eini­ges vol­ler vor als ande­re Cen­ter (z. B. Schön­hau­ser oder Pots­da­mer Arka­den oder Borsig­hal­len). Und weils vol­ler ist, gibts im Gesund­brun­nen natür­lich auch mehr mensch­li­che Kon­tak­te die­ser oder jener Art …

    • Klar pas­siert es auch im KaDe­We, dass man jeman­den anrem­pelt, denn dort ist es ja auch manch­mal voll!
      Der Unter­schied liegt halt im wei­te­ren Umgang mit die­sem unbe­ab­sich­tig­ten mensch­li­chen Kontakt!
      Dort wird man eben nicht ange­blafft oder gar mit Fäkal­aus­drü­cken bedacht, son­dern … s.u….

  3. Hal­lo in die Runde

    also ich für mei­nen Teil mei­de größ­ten­teils Men­schen­an­samm­lun­gen, ande­rer seits ver­hal­te ich mich grund­sätz­lich defen­siv über­all dort wo rem­peln ange­sagt ist , zb vol­le BVG Bahn­öfe – züge
    Was aber immer fan­tas­tisch klappt ist : wer­de ich ange­rem­pelt kommt von mir ein .… nix pas­siert alles gut / soll­te ich mal rem­peln .… Ent­schul­di­gung und ein fes­ter Blick in die Augen und immer LÄCHELN !! ganz wich­tig da kommt dann nix mehr vom Ande­ren (kein Wxxx­xer oder Hxxxx­sohn oä) wenn doch .… wei­ter lächeln und not­falls eine beschwich­ti­gen­de Ges­te mit der Hand, unge­fähr so 

    https://bildagentur.panthermedia.net/m/lizenzfreie-bilder/9186614/frau-die-stop-geste-mit-der/

    oder so

    https://ethica-rationalis.org/geste-der-versoehnung-ein-ethisches-dilemma-was-denken-sie/

    in die­sem Sin­ne rem­pel­freie Woche

  4. Nach­voll­zieh­bar, wenn man sich so unge­schickt im Gesund­brun­nen­cen­ter bewegt!
    Mag aber durch­aus auch an der dor­ti­gen Kli­en­tel lie­gen! Eine der­ar­ti­ge Grob­heit ist mir im KaDe­We noch nie passiert!
    Man ent­schul­digt sich gegen­sei­tig und gut ist! Das ist ein­fach nur gelern­te und ange­wand­te Höflichkeit!

    • Mensch Jupp Schmitz

      has­te wie­der mal mei­nen Humor getrof­fen.… dor­ti­ge Kli­en­tel.… :))))) aber nicht deut­li­cher wer­den, das wäre nicht woke :))
      Im KDW kann mir das nicht pas­sie­ren, weil ich dort nur gan­ze 2x im Leben ein­kau­fen war.…

      Net­ten Sonn­tag noch

      • Sor­ry – aber es gibt tat­säch­lich Unter­schie­de in der Kli­en­tel des Gesund­brun­nen­cen­ters und dem KaDeWe!
        Nur 2x dage­we­se­ne? Tja – ein­fach mal wie­der hin und Atmo­sphä­re und net­te, höf­li­che Leu­te genie­ßen. Vor­sicht: Könn­te aber auch nen Kul­tur­schock auslösen.. 😂

        • ist mir bewußt mit dem Klientel-Unterschied
          mich schockt so leicht nix mehr , wenn man zw Mül­ler und Schön­hau­ser pendelt 😉

  5. In Städ­ten und gro­ßen Gemen­gen gibt es die­se Ungleich­zei­tig­kei­ten von Reak­tio­nen, selbst wenn alle Pas­san­ten in Höf­lich­kei­tes­re­geln geschult sind. Man rem­pelt ver­se­hent­lich jeman­den in des­sen schö­nen Moment beim Schlen­dern an, den er genie­ßen woll­te und stör­te hef­tig; dann geht jeman­den ggfls. die Stö­rung als Beschimp­fung über die Lippen.
    Es fragt sich, wel­che Regeln wie weit rei­chend im Gewühl noch gel­ten können.
    Mit dem sach­ten, bedach­ten Geschub­se in den Städ­ten und bei den Events müs­sen wir leben, den­ke ich!

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