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Bettina Pinzl von “Demokratie in der Mitte” im Interview:
“Die Demokratie zu verteidigen, ist ein Marathon”

10. Februar 2024

Bet­ti­na Pinzl arbei­tet in der Fabrik Oslo­er Stra­ße beim Pro­jekt Demo­kra­tie in der Mit­te. Die gro­ßen Demons­tra­tio­nen gegen Rechts­extre­mis­mus, bei denen sich in Ber­lin im Janu­ar und Febru­ar mehr­mals Hun­dert­tau­sen­de ver­sam­mel­ten, sind der Anlass für ein Inter­view mit der Projektleiterin.

Bettina Pinzl in der Fabrik Osloer Straße, wo ihr Arbeitsplatz ist. Foto: Hensel
Bet­ti­na Pinzl in der Fabrik Oslo­er Stra­ße, wo ihr Arbeits­platz ist. Foto: Hensel

Die Inter­na­tio­na­len Wochen gegen Ras­sis­mus, das hört sich in die­sem Jahr nach etwas beson­ders Not­wen­di­gem an. Was ist das für eine Ver­an­stal­tungs­rei­he?
Bet­ti­na Pinzl: Die Inter­na­tio­na­len Wochen gegen Ras­sis­mus wer­den hier bei uns orga­ni­siert vom Bünd­nis „Zusam­men gegen Ras­sis­mus – Wed­ding & Moa­bit“. Das Bünd­nis plant die Ver­an­stal­tungs­rei­he seit 2017. In die­sem Jahr gibt es vom 11. bis 24. März Lesun­gen, Aktio­nen, Work­shops und vie­les mehr. Jetzt, Anfang Febru­ar, sind wir dabei, das Pro­gramm zusam­men­zu­stel­len. Ende Febru­ar, Anfang März wer­den wir das digi­ta­le Pro­gramm­heft auf der Web­sei­te www.demokratie-in-der-mitte.de online stel­len und auch über Insta­gram verbreiten.

Gibt es Ver­an­stal­tun­gen, die jetzt schon fest­ste­hen?
Bet­ti­na Pinzl: Bei­spiels­wei­se wird es am 21. März um 19.30 Uhr in der Fabrik Oslo­er Stra­ße eine Lesung mit Gespräch geben. Ozan Zaka­ri­ya Kes­k­inki­lic wird aus sei­nem Buch „Mus­li­ma­niac“ lesen. Dar­in geht es um anti­mus­li­mi­schen Ras­sis­mus in unse­rer Gesell­schaft. Vor der Lesung gibt es ab 18.30 Uhr ein Ift­ar (Abend­essen). Eine Anmel­dung ist unter [email protected] mög­lich. Am 23. März bie­tet das August-Bebel-Insti­tut in der Mül­lerstra­ße einen Stadt­rund­gang zu den Depor­ta­tio­nen jüdi­scher Mit­men­schen aus dem Wed­ding in der NS-Zeit an.

Im Büro von Bettina Pinzl und ihren Kolleg:innen geht es das ganze Jahr über um Demokratiethemen. Foto: Hensel
Im Büro von Bet­ti­na Pinzl und ihren Kolleg:innen geht es das gan­ze Jahr über um Demo­kra­tie­the­men. Foto: Hensel

Was ist die Auf­ga­be von Demo­kra­tie in der Mit­te. Kann sich an das Team wen­den, wer jetzt etwas für die Demo­kra­tie zu will?
Bet­ti­na Pinzl: Wir sind kei­ne Bör­se für poli­ti­sches Enga­ge­ment. Wobei eine Demo­kra­tie-Bör­se ein schö­ne Idee ist. Zu einem sol­chen Mitt­ler zwi­schen Mög­lich­kei­ten des Enga­ge­ments und Bürger:innen zu wer­den, ist eine Fra­ge von Res­sour­cen und Kapa­zi­tä­ten. Aktu­ell sind wir eine Anlauf- und Fach­stel­le für Bera­tung und Ver­net­zung. Wer sich kon­kret enga­gie­ren möch­te und schon eine Idee im Kopf hat, dem kön­nen wir mit unse­rem Ini­ti­ta­tiv­fonds mit bis zu 500 Euro unterstützen.

Orga­ni­siert Demo­kra­tie in der Mit­te Demos?
Bet­ti­na Pinzl: Nein, unser Auf­trag ist es viel­mehr, Men­schen zu beglei­ten und zu unter­stüt­zen. Unser Kon­zept ist, Men­schen zu befä­hi­gen, selbst aktiv zu sein. Dabei wir­ken wir auf der loka­len Ebe­ne.

Was kann man im All­tag für die Demo­kra­tie tun?
Bet­ti­na Pinzl: Zuerst muss man wis­sen: Die Demo­kra­tie zu ver­tei­di­gen, ist ein Mara­thon, kein Sprint, wir brau­chen da jetzt einen lan­gen Atem. Und dafür ist die Fra­ge wich­tig: Wer bin ich dar­in? Ein Bei­spiel: Vie­le sind erschro­cken, treibt die Fra­ge um: Was kann ich tun? Da ist es gut, für sich erst ein­mal die Fra­gen zu beant­wor­ten: Was will ich? Ein Zei­chen set­zen? Geht es mir um das Gefühl, wir sind mehr? Will ich mich lang­fris­tig enga­gie­ren? Wei­ter geht es dann mit Fra­gen wie: Was ist mei­ne Moti­va­ti­on? Will ich Men­schen von der Demo­kra­tie über­zeu­gen? Oder bin ich wirk­lich inter­es­siert zu hören, war­um Men­schen das Sys­tem kri­tisch sehen? Oder will ich Gleich­ge­sinn­te fin­den? Und natür­lich geht es um Selbst­er­kennt­nis: Aus wel­cher Per­spek­ti­ve schaue ich drauf? Wel­che ande­ren Per­spek­ti­ven gibt es?

Soll­ten wir alle viel mehr über Demo­kra­tie nach­den­ken?
Bet­ti­na Pinzl: Ich den­ke, wir leben in einer Zeit, in der wir wahn­sin­nig vie­le Infor­ma­tio­nen anhäu­fen. Aber wir haben oft nicht mehr die Zeit, wirk­lich dar­über nach­zu­den­ken, wel­chen Platz neh­me ich da ein? Das erfor­dert Zeit für Selbst­re­fle­xi­on. Und dar­an anschlie­ßend braucht es Zeit, sich mit ande­ren aus­zu­tau­schen. Auch dafür fehlt oft die Zeit. Und dadurch, glau­be ich, wird alles so kom­plex, ein­fach weil alles nur noch ganz viel Infor­ma­ti­on ist. Bei­spiel Anti­se­mi­tis­mus. Füh­le ich als Nach­fah­re der Täter des NS eine beson­de­re Ver­ant­wor­tung? Was bedeu­tet der Holo­caust für mich und war­um? Wie kom­men wir aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven in einen Dia­log und wer­den hand­lungs­fä­hig gegen jede Form von Hass und Aus­gren­zung? Oder anti­sch­war­zer Ras­sis­mus? Pro­fi­tie­re ich von kolonialen/rassistischen Struk­tu­ren? Wie bewusst mache ich mir mei­ne Privilegien?

Bettina Pinzl beim Interview. Foto: Schnell
Bet­ti­na Pinzl beim Inter­view. Foto: Schnell

Demo­kra­tie in der Mit­te beschäf­tigt sich seit vie­len Jah­ren mit Demo­kra­tie­the­men. Könn­te das Team die Bun­des­re­gie­rung bera­ten, was wäre der ers­te Vor­schlag an die Poli­tik?
Bet­ti­na Pinzl: Ich wür­de emp­feh­len, der Demo­kra­tie­bil­dung in der Schu­le eine viel höhe­re Prio­ri­tät ein­zu­räu­men. Ich wür­de die Auf­merk­sam­keit dar­auf rich­ten, dass Demo­kra­tie das Gesell­schafts­mo­dell ist, das wir uns aus­ge­sucht haben und das wir leben und ver­tei­di­gen müssen.

Vor einem Jahr haben wir ein Inter­view geführt. Damals war der Tenor des Gesprächs, dass die Rechts­extre­men im Wed­ding nicht mehr, aber lau­ter gewor­den sind. Wie ist das heu­te?
Bet­ti­na Pinzl: Rech­te Debat­ten haben sich ver­an­kert, die AfD ist zu einer Grö­ße gewor­den. Das ist schon eine neue Dimen­si­on, auch über Deutsch­land hin­aus. Das Anwach­sen des Rechts­extre­mist­mus, das ist ja euro­pa­weit so. Mit dem Angriff der Hamas auf Isra­el am 7. Okto­ber 2023 und dem fol­gen­den Krieg gibt es auch bei uns einen wahn­sin­nig stark stei­gen­den Anti­se­mi­tis­mus UND gleich­zei­tig wach­sen­den anti­mus­li­mi­schen Ras­sis­mus. Vie­le Men­schen füh­len sich hier nicht mehr sicher und über­le­gen das Land zu ver­las­sen. Eine Demo­kra­tie muss für alle Bürger:innen Sicher­heit und Chan­cen­gleich­heit ermöglichen.

Kom­men wir noch mal zurück in den Wed­ding. Wer jetzt etwas mehr tun möch­te als zu einer Demons­tra­ti­on zu gehen, was kann er oder sie tun?
Bet­ti­na Pinzl: Sie/er kann bei uns vor­bei­kom­men und Auf­kle­ber abho­len, unse­re Inhal­te auf Social Media tei­len oder unse­ren News­let­ter abon­nie­ren, in dem wir auf Fort­bil­dun­gen und Work­shops hin­wei­sen. Da geht es zum Bei­spiel um Arguen­ta­ti­ons­schu­lun­gen: Wie rede ich mit der Nach­ba­rin? Man kann bei den Ver­an­stal­tun­gen im Rah­men der Inter­na­tio­na­len Wochen gegen Ras­sis­mus mit den auf dem Gebiet akti­ven Ver­ei­nen und Initia­ti­ven im Stadt­teil ins Gespräch kom­men und so ein Enga­ge­ment fin­den. Und natür­lich kann man – mor­gen ist ja auch in Tei­len unse­res Bezirks die Wie­der­ho­lungs­wahl – demo­kra­tisch wäh­len gehen.

Mehr über die Arbeit von Demo­kra­tie in der Mit­te gibt es online unter www.demokratie-in-der-mitte.de. Mehr zum Netz­werk „Zusam­men gegen Ras­sis­mus – Wed­ding & Moa­bit“ ist auf der Sei­te www.zusammen-gegen-rassismus.de zu fin­den. Gut zu wis­sen: Am 3. März star­tet der Wed­ding­wei­ser zusam­men mit Demo­kra­tie in der Mit­te eine neue Demo­kra­tie-Kolum­ne. Monat­lich geht es dar­in um Demokratiethemen.

Andrei Schnell

Meine Feinde besitzen ein Stück der Wahrheit, das mir fehlt.

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