Brunnenviertel: ein Stadtplaner blickt zurück

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Brunnenviertel
Das Brun­nen­vier­tel von oben in den Blick neh­men. Foto: And­rei Schnell

Für alle Men­schen in Ber­lin eine gute und und gleich­zei­tig bezahl­ba­re Woh­nung anzu­bie­ten, das war schon immer eine gro­ße Auf­ga­be. Heu­te ver­sucht man sich an ihr mit der wach­sen­den Stadt; vor einem hal­ben Jahr­hun­dert hieß eine Lösung die flä­chen­sa­nier­te Stadt. Ein Bei­spiel dafür im Wed­ding ist das Brun­nen­vier­tel. Hein­rich Suhr ist einer der Stadt­pla­ner, die in den 1960er Jah­ren  das Sanie­rungs­ge­biet Wed­ding Brun­nen­stra­ße (SWB) – zusam­men mit Kol­le­gen – umge­stal­te­ten. Am 16. Sep­tem­ber spricht der Zeit­zeu­ge dar­über, wel­che Zie­le sie errei­chen wollten.

Das Geschichts­pro­jekt „Anno erzählt“ hat den 86-jäh­ri­gen Stadt­pla­ner Hein­rich Suhr ein­ge­la­den, an dem Ort über sei­ne dama­li­gen Kon­zep­te zu spre­chen, wo heu­te Men­schen in sei­nen zu Stein gewor­de­nen Ent­wür­fen leben. Am Sonn­tag, den 16. Sep­tem­ber, wird er beim Geschicht­s­ca­fé im Olof-Pal­me-Zen­trum spre­chen. Zuvor wird Stadt­for­scher Chris­ti­an Kloss ab 11 Uhr durch das Brun­nen­vier­tel füh­ren und dabei den Blick auf archi­tek­to­ni­sche und stadt­pla­ne­ri­sche Expe­ri­men­te, Bau­ten und Frei­räu­me len­ken, die wäh­rend der Jahr­zehn­te dau­ern­den Sanie­rung des Vier­tels entstanden.

Stadtsanierung durch Bau einer neuen Stadt

Luftbild
Das Brun­nen­vier­tel süd­lich vom Bahn­hof Gesund­brun­nen – kurz vor Beginn der Sanie­rung. Foto: Geo­da­ten Ber­lin Luft­bild 1959

Auf der einen Sei­te wur­den in den 1960er Jah­ren in West­ber­lin neue Groß­sied­lun­gen auf der Wie­se gebaut: Bau­start für das Mär­ki­sche Vier­tel war 1963 und für die Gro­pi­us­stadt 1962. Ein ande­rer Gedan­ke war, gute Woh­nun­gen dort zu bau­en, wo es schon Stadt­vier­tel gab. Am 18. März 1963 ver­kün­de­te der dama­li­ge Regie­ren­de Bür­ger­meis­ter Wil­ly Brandt das „Ers­te Stadt­er­neue­rungs­pro­gramm“. Dar­in ent­hal­ten war das Sanie­rungs­ge­biet Wed­ding Brun­nen­stra­ße. Stadt­pla­ner von elf Tech­ni­schen Hoch­schu­len über­leg­ten drei Jah­re, wie das Vier­tel gestal­tet wer­den soll­te. Bis heu­te ist es, gemes­sen an der Zahl der geschaf­fe­nen Woh­nun­gen, Deutsch­lands größ­tes Sanie­rungs­ge­biet. Es soll­te eine Ant­wort gefun­den wer­den auf die Fra­ge, wie die Enge der alten Stadt über­wun­den wer­den konn­te. Die Ant­wort war die Flächensanierung.

Rich­tig los ging es rund um die Brun­nen­stra­ße ab 1966. Alt­bau­ten wur­den Block für Block gesprengt und abge­ris­sen. So wur­de Platz geschaf­fen. Gleich­zei­tig wur­de aber vor­han­de­ne Struk­tu­ren in die Pla­nung mit ein­be­zo­gen, um die moder­ne Stadt zu bau­en. Aus den geplan­ten 10 bis 15 Jah­ren Bau­zeit wur­den aller­dings etwa 25 Jah­re. So wur­de der Vineta­platz, zen­tra­ler Ort im Brun­nen­vier­tel, erst 1990 voll­stän­dig fertig.

Kahlschlag, sagen die Kritiker

Putbusser Ecke Ramler Straße
Im Nor­den des Brun­nen­vier­tels behut­sa­me Stadt­er­neue­rung. Foto: And­rei Schnell

Kri­ti­ker monie­ren, das Brun­nen­vier­tel, so wie es heu­te steht, ist Ergeb­nis einer Sanie­rung per Kahl­schlag. Der Zufall will es, dass auch Hardt-Walt­herr Hämer im Brun­nen­vier­tel aktiv war. In der Put­bus­ser Stra­ße sanier­te der Archi­tekt mit­tels Moder­ni­sie­rung und nicht mit Abriss. Hämer wur­de spä­ter als Vater der behut­sa­men Stadt­er­neue­rung bekannt.

Sein Prin­zip der Behut­sa­men Stadt­er­neue­rung wur­de dann ab Mit­te der 1970er Jah­re Grund­la­ge in Deutsch­land für die Sanie­rung von Quar­tie­ren. So auch im Brun­nen­vier­tel, wo zum Bei­spiel ent­lang der Ram­ler­stra­ße die Alt­bau­ten erhal­ten und moder­ni­siert wurden.

Neue Sicht auf die Leistungen der Sanierung?

Swinemünder Straße
Pro­me­na­de statt Miets­ka­ser­ne und Ver­kehr. Foto: And­rei Schnell

Bis heu­te ist die Ansicht weit ver­brei­tet, die Flä­chen­sa­nie­rung sei eine ver­fehl­te Stadt­pla­nung. Und wer durchs Brun­nen­vier­tel spa­ziert und an man­cher Stel­el  anony­me Groß­sied­lun­gen mah­nen­de graue Wohn­häu­ser sieht, wird dem mög­li­cher­wei­se schnell zustim­men. Viel­leicht vor­schnell? Setzt heu­te ein erneu­tes Umden­ken ein? So wur­de 2013 in der Stral­sun­der Stra­ße ein Hasel­nuss­baum gepflanzt und eine Gedenk­ta­fel ange­bracht. Bei dem Fest­akt wur­de posi­tiv an das Jubi­lä­um 50 Jah­re Sanie­rung im Wed­ding erinnert.

Es regen sich Stim­men, die fra­gen: Wird man dem Ergeb­nis, das heißt dem heu­ti­gen Brun­nen­vier­tel, mit pau­scha­ler Archi­tek­tur­kri­tik gerecht? War der Plan wirk­lich falsch, eine grü­ne Stadt mit groß­zü­gi­ger Ver­kehrs­be­ru­hi­gung, mit vie­len Schu­len, Platz für Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten und nahe­ge­le­ge­nen Arbeits­plät­zen zu schaffen?

Geschichtscafé “Anno erzählt”

Millionenbrücke
Treff­punkt: Swi­ne­mün­der Stra­ße 64, vor der Mil­lio­nen­brü­cke. – Foto: And­rei Schnell

Hein­rich Suhr gehört sicher zu denen, die etwas gegen eine ver­ein­fa­chen­de Bewer­tung sagen wer­den. Was genau sei­ne Argu­men­te sind, wird beim Geschicht­s­ca­fé von „Anno erzählt“ zu erfah­ren sein.

Treff­punkt für den Stadt­rund­gang mit Chris­ti­an Kloss ist um 11 Uhr vor dem Stadt­teil­bü­ro des Quar­tiers­ma­nage­ments in der Swi­ne­mün­der Stra­ße 64 – vor der Swi­ne­mün­der Brü­cke. Das Gespräch mit Hein­rich Suhr folgt im Olof-Pal­me-Zen­trum in der Dem­mi­ner Stra­ße 28. Wei­te­re Infos zum Geschicht­s­ca­fé “Das Brun­nen­vier­tel als Expe­ri­men­tier­feld für die Stadt­pla­nung” fin­den sich unter www.annoerzaehlt.com.

Autorenfoto Andrei SchnellAnd­rei Schnell inter­es­siert sich dafür, was die Pla­ner sich dach­ten, als sie sei­nen Kiez entwarfen.

 

 

Mit ostdeutschem Hintergrund bin ich im Weddingspektrum einer von vielen anderen Sonderlingen. Ich vergleiche Politik gern mit Sport, dann ist sie spannend und nicht bierernst. Wenn ich ein Buch lese, frage ich mich immer, wo ich es besprechen kann. Ich reporte ja für Weddingweiser, Weddinger Allgemeine Zeitung und Kiezmagazine. Ich mag Geschichten und Geschichte.

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  1. […] Treff­punkt für den Stadt­rund­gang mit Chris­ti­an Kloss ist am 16.9.2018 um 11 Uhr vor dem Stadt­teil­bü­ro des Quar­tiers­ma­nage­ments in der Swi­ne­mün­der Stra­ße 64 – vor der Swi­ne­mün­der Brü­cke. Das Gespräch mit Hein­rich Suhr folgt um 12 Uhr im Olof-Pal­me-Zen­trum in der Dem­mi­ner Stra­ße 28. Wei­te­re Infos zum Geschicht­s­ca­fé gibt es unter http://www.annoerzaehlt.com und auf weddingweiser.de […]

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