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Weddinger Traditionsgeschäft im Sprengelkiez:
Bioladen mit Café: Kitt für den Kiez

Der Laden öffnet, und fast immer liegt derselbe Geruch in der Luft: warm, süß, nach Zucker und Zimt. In der Tegeler Straße im Sprengelkiez werden Franzbrötchen aufgebacken, geliefert von einer Bio-Bäckerei aus Flensburg. Manche kommen pur, andere mit Apfel oder Schokolade. Daneben liegen vegane Croissants, natur oder mit Schoko, die schnell vergriffen sind. Zwei der Kuchen, die hinter der Theke stehen, sind glutenfrei; viele davon hat Martina Marggraf selbst gebacken.

Seit 15 Jahren betreibt Marggraf, 41, den Bioladen mit Café an der Tegeler Straße. Brot kommt regelmäßig von der Bio-Bäckerei Bucco aus dem Wedding, ergänzt durch Dinkel- und Roggenbrote der weizenfreien Bäckerei Soluna aus Kreuzberg. Die Backwarenpalette ist breit, der Laden ist sieben Tage die Woche geöffnet; sonntags dürfen hier Backwaren, aber auch Milch, Eier und Käse verkauft werden. Dann trennt ein Vorhang den Verkaufsraum ab, und der Ort wird zum reinen Bäckerei-Café.

Wer Platz nimmt, hört die Milchschaumdüse zischen. Der Kaffee stammt von Röstrausch, biozertifiziert und preislich bewusst niedrig angesetzt. Marggraf sagt: „Qualität soll zugänglich bleiben.“ Daher kostet der Cappuccino 2,90 Euro. Im Raum sitzen Familien, oft junge Eltern, meist Mütter, mit ihren Kindern. Am Fenster gibt es eine kleine Spiel- und Leseecke; Kinder blättern in bunten Büchern, andere laufen zwischen den Tischen hindurch. Der Geräuschpegel gehört dazu.

Marggraf ist gelernte Erzieherin und stammt aus Strausberg. Viele Kinder im Kiez kennt sie seit der Schwangerschaft ihrer Mütter, erzählt sie, heute kommen die kleinen Gäste selbstständig vorbei und holen Brötchen. „Ich begleite die Familien im Laufe der Jahre“, sagt sie. Diese Kontinuität prägt den Ort. Stammkund:innen kennen sich, neue Gesichter finden schnell Anschluss und Halt im Stadtteil.

Vernetzung spielt eine Rolle. Früher verkaufte Marggraf Märkisches Landbrot auf dem Markt am Leopoldplatz. Aus dieser Zeit stammen viele Kontakte zu Gewerbetreibenden und Aktiven im Wedding. Sie beschreibt eine Praxis des Ergänzens statt Konkurrierens: Wenn andere schließen, werden Produkte übernommen, die im Kiez nachgefragt bleiben. Während der Lockdowns war der Laden zeitweise einer der wenigen offenen Orte im Umfeld, an dem noh Begegnung möglich war. Seitdem ist das Café täglich geöffnet und wird von den Kiezbewohnern angenommen.

Im hinteren Bereich stehen ökologische Kinderkleidung, Holzspielzeug, Papeterie. Einen zweiten Kinderkleidungsladen in der Torfstraße hat Marggraf vor einigen Jahren wieder geschlossen. Im Bioladen bleibt das Sortiment überschaubar, saisonal und vor allem regional. Nüsse kommen aus Brandenburg, nicht aus dem Ausland wie im großen Bio-Supermarkt. Obst und Gemüse werden nach Verfügbarkeit bezogen. Donnerstags finden Kisten einer solidarischen Landwirtschaft namens UM-Bio aus der Uckermark ihre Abnehmer; abgenommen wird, was gerade wächst, weitergegeben an Kund:innen, die den Bezug zum Bauern schätzen. Das Olivenöl wiederum stammt von einer kleinen griechischen Produzentenfamilie. „Mir ist wichtig, dass ich weiß, wer dahinter steckt“, sagt Martina Marggraf.

Der Raum selbst unterstreicht diese Haltung. Vor sieben Jahren hat Marggrafs Mann, selbstständiger Tischler, den Laden umgebaut. Holz dominiert, die Maße sind kindgerecht, der helle Raum ist offen und auf Austausch angelegt. Alles wirkt funktional und minimalistisch, ohne Schnickschnack.

So sehr der Laden im Kiez verankert ist, reicht Marggrafs Blick über die Stadt hinaus. Als Kind war sie oft bei ihren Großeltern im brandenburgischen Waldsieversdorf: Der Großvater führte eine Kneipe, die Großmutter den Dorfkonsum. Diese Erfahrungen beschreibt sie als prägend für ihre Art, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Nach längerer Suche haben sie und ihr Mann ein Grundstück in Ruhlsdorf im Barnim gefunden. Dort soll ein gemeinschaftlicher entstehen, der offen ist für Menschen aus dem Wedding: Obstbäume pflanzen, gemeinsam im Garten sein, Feste feiern. „Eine Erweiterung des Bioladens ins Grüne“, wie Marggraf sagt (hier unser Bericht).

Was an der Tegeler Straße über 15 Jahre gewachsen ist, soll damit einen zweiten Raum bekommen. Nicht als Ersatz, sondern als Fortsetzung.

Fotos: Frank Sommer

Bioladen mit Café, Tegeler Str. 30

Mo-Fr 10-18, Sa 9-17, So 9-16 Uhr (sonntags nur Bäckerei-/Cafébetrieb)

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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