Berliner Supermarktkassen sind kein Spaziergang. Im Wedding gleicht der Bezahlvorgang sogar einer Runde Tetris auf Stufe Zehn, denn hier sitzt die schnellste Kassiererin der Stadt. Unser Kolumnist stellt sich ihr. Er will den schwarzen Gürtel im Kassenkarate.

Die Erbarmungslosigkeit, mit der in Berliner Supermärkten abkassiert wird, ist allgemein bekannt. „Kasse ist Krieg“ lautet offenbar das inoffizielle Motto des Einzelhandels. Aber die härteste Kasse der ganzen Stadt befindet sich im Wedding, ausgerechnet in einem kleinen Edeka in der Sprengelstraße, auf dessen Frontfassade ein riesiges Graffiti seine Kunden begrüßt. Falls es einen schwarzen Gürtel im Kassenkarate gibt, dann ist dies hier die Schule, in der du ihn dir holen musst.
Die Arena
Unter den immer schlecht gelaunten Marktangestellten befindet sich eine Großmeisterin, die mit allen nur erdenklichen Wassern gewaschen ist. Selbst Sven Marquardt oder Jackie Chan in seinen besten Jahren würden an ihrer Kasse weinend in sich zusammensacken. Wahrscheinlich feilt sie seit Jahrzehnten an ihrer Craft. Freundlichkeiten, Kundenbindung und anderen Schnickschnack hat sie längst zurückgelassen. Wer ein Lächeln will, muss es sich verdienen.
Jeder noch so kleine Handgriff sitzt, sie ist die Kasse und vollends verschmolzen mit dem Warensortiment. Arme und Hände bewegen sich wie die Finger einer Jazzpianistin ohne den leisesten Ausdruck von Mühe in der Körpersprache. Schon wenn ich ganz hinten in der Schlange stehe, sehe ich vorne reihenweise Kunden verzweifeln. Denn sobald du an der Reihe bist, wachsen dieser Frau plötzlich zusätzliche Arme. Dein so sorgsam aufs Band gelegter Einkauf fliegt über den Scanner, als wäre die Realität auf dreifache Geschwindigkeit gestellt, und alles landet als chaotischer Haufen in der Ablage. Du wirfst hektisch dein Zeug in die Tüte, während schon Pestogläser, Äpfel oder Tampons des nächsten Kunden zwischen deine Sachen rollen, stehst kurz vorm Heulkrampf, aber ihr ist das komplett egal. Wahrscheinlich genießt sie es sogar ein bisschen.
In mir hat dieses harte, jahrelange Training seine Spuren hinterlassen. Das merke ich, wenn ich mal wieder in anderen Orten Deutschlands einkaufe. Ich werde unruhig, verstehe nicht, was mich stört, weil mein ganzes Nervensystem auf die Übermenschlichkeit dieses Graffiti-Edekas geeicht ist. In Zeitlupe tröpfeln Artikel zu mir durch, die ich hastig in die Tüten stopfe. Um mich herum verstörte Blicke, die fragen: Was hatta denn? Sie verstehen es nicht, die Glücklichen. Sie wissen nicht, was ich durchgemacht habe.
Die Abrechnung
Jetzt bin ich an der Reihe. Game on. Die Oktopusarme der Großmeisterin greifen nach meinen Lebensmitteln in spe, aber ich habe Rucksack, Stofftüten und Portemonnaie schon in die Startposition gelegt. Auch die Reihenfolge, in der ich meinen Kram aufs Band lege, ist nicht willkürlich. Schweres und Großes zuerst. Alles muss exakt so angeordnet sein, wie es in die Tragevorrichtungen kommt. Dazu habe ich alle 30 bis 50 Zentimeter einen Komplex aus Gemüse oder Obst platziert, den sie abwiegen muss, wodurch auf meiner Seite wertvolle Sekunden entstehen. Das viele Tetris in der Jugend zahlt sich hier aus, ich habe es immer gewusst.

Meine Moves können an guten Tagen bereits mit ihren mithalten, aber heute ist es soweit. Heute gewinne ich das Match. Wie Neo in der Matrix befülle ich zwei Stofftüten sowie den Rucksack parallel. Und dabei schaut sie schon kurz rüber, aus dem Augenwinkel, ohne die eigene Geschwindigkeit zu drosseln. Sie erkennt meine Systematik. Sie sieht meine Skills!
„Zwei’nvierzich-Dreißich“ höre ich sie schließlich in ihrer absolut mitleidslosen Stimme sagen, während meine Arme noch die letzten Artikel herumwirbeln. Ich sage „Mit Karte, bitte“ und lasse dabei zwei reife Avocados in die Tüte sinken. Die Ablage – leer. Dann zücke ich das Plastikgeld und halte es ans Lesegerät. Jetzt bloß keine Miene verziehen. Ganz ruhig atmen. Cool bleiben!
„Den Beleg?“, fragt sie mich und ich sage „Yep“, denn diese Trophäe kommt gleich mal so was von an meine Kühlschranktür!
Sie hält mir den Zettel hin und dann schaut sie, wieder aus dem Augenwinkel, kurz auf meine Tüten und zurück zu mir. Ihre Mundwinkel biegen sich für den Bruchteil einer Sekunde ein winziges Stückchen nach oben und – oh Gott – es fühlt sich an wie ein Ritterschlag.
Ich lächele zurück und nehme meine Urkunde entgegen. Im nächsten Moment greife ich nach dem gesamten Einkauf, hebe ihn mit beiden Händen und letzter Kraft von der Ablage herunter, kurz bevor ihn eine Konservendose berühren kann, die schon hinterherkullert, und verlasse stolz bis in die Haarspitzen das Geschäft.



Staun! Wer verleiht den Weddingliteraturnobelpreis an diesen Autor Maik Gerecke?!