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Weddinger Szenen:
Showdown am Kassenband

6. Juli 2026
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Berliner Supermarktkassen sind kein Spaziergang. Im Wedding gleicht der Bezahlvorgang sogar einer Runde Tetris auf Stufe Zehn, denn hier sitzt die schnellste Kassiererin der Stadt. Unser Kolumnist stellt sich ihr. Er will den schwarzen Gürtel im Kassenkarate.

Die Erbarmungslosigkeit, mit der in Berliner Supermärkten abkassiert wird, ist allgemein bekannt. „Kasse ist Krieg“ lautet offenbar das inoffizielle Motto des Einzelhandels. Aber die härteste Kasse der ganzen Stadt befindet sich im Wedding, ausgerechnet in einem kleinen Edeka in der Sprengelstraße, auf dessen Frontfassade ein riesiges Graffiti seine Kunden begrüßt. Falls es einen schwarzen Gürtel im Kassenkarate gibt, dann ist dies hier die Schule, in der du ihn dir holen musst.

Die Arena

Unter den immer schlecht gelaunten Marktangestellten befindet sich eine Großmeisterin, die mit allen nur erdenklichen Wassern gewaschen ist. Selbst Sven Marquardt oder Jackie Chan in seinen besten Jahren würden an ihrer Kasse weinend in sich zusammensacken. Wahrscheinlich feilt sie seit Jahrzehnten an ihrer Craft. Freundlichkeiten, Kundenbindung und anderen Schnickschnack hat sie längst zurückgelassen. Wer ein Lächeln will, muss es sich verdienen.

Jeder noch so kleine Handgriff sitzt, sie ist die Kasse und vollends verschmolzen mit dem Warensortiment. Arme und Hände bewegen sich wie die Finger einer Jazzpianistin ohne den leisesten Ausdruck von Mühe in der Körpersprache. Schon wenn ich ganz hinten in der Schlange stehe, sehe ich vorne reihenweise Kunden verzweifeln. Denn sobald du an der Reihe bist, wachsen dieser Frau plötzlich zusätzliche Arme. Dein so sorgsam aufs Band gelegter Einkauf fliegt über den Scanner, als wäre die Realität auf dreifache Geschwindigkeit gestellt, und alles landet als chaotischer Haufen in der Ablage. Du wirfst hektisch dein Zeug in die Tüte, während schon Pestogläser, Äpfel oder Tampons des nächsten Kunden zwischen deine Sachen rollen, stehst kurz vorm Heulkrampf, aber ihr ist das komplett egal. Wahrscheinlich genießt sie es sogar ein bisschen.

In mir hat dieses harte, jahrelange Training seine Spuren hinterlassen. Das merke ich, wenn ich mal wieder in anderen Orten Deutschlands einkaufe. Ich werde unruhig, verstehe nicht, was mich stört, weil mein ganzes Nervensystem auf die Übermenschlichkeit dieses Graffiti-Edekas geeicht ist. In Zeitlupe tröpfeln Artikel zu mir durch, die ich hastig in die Tüten stopfe. Um mich herum verstörte Blicke, die fragen: Was hatta denn? Sie verstehen es nicht, die Glücklichen. Sie wissen nicht, was ich durchgemacht habe.

Die Abrechnung

Jetzt bin ich an der Reihe. Game on. Die Oktopusarme der Großmeisterin greifen nach meinen Lebensmitteln in spe, aber ich habe Rucksack, Stofftüten und Portemonnaie schon in die Startposition gelegt. Auch die Reihenfolge, in der ich meinen Kram aufs Band lege, ist nicht willkürlich. Schweres und Großes zuerst. Alles muss exakt so angeordnet sein, wie es in die Tragevorrichtungen kommt. Dazu habe ich alle 30 bis 50 Zentimeter einen Komplex aus Gemüse oder Obst platziert, den sie abwiegen muss, wodurch auf meiner Seite wertvolle Sekunden entstehen. Das viele Tetris in der Jugend zahlt sich hier aus, ich habe es immer gewusst.

Meine Moves können an guten Tagen bereits mit ihren mithalten, aber heute ist es soweit. Heute gewinne ich das Match. Wie Neo in der Matrix befülle ich zwei Stofftüten sowie den Rucksack parallel. Und dabei schaut sie schon kurz rüber, aus dem Augenwinkel, ohne die eigene Geschwindigkeit zu drosseln. Sie erkennt meine Systematik. Sie sieht meine Skills!

„Zwei’nvierzich-Dreißich“ höre ich sie schließlich in ihrer absolut mitleidslosen Stimme sagen, während meine Arme noch die letzten Artikel herumwirbeln. Ich sage „Mit Karte, bitte“ und lasse dabei zwei reife Avocados in die Tüte sinken. Die Ablage – leer. Dann zücke ich das Plastikgeld und halte es ans Lesegerät. Jetzt bloß keine Miene verziehen. Ganz ruhig atmen. Cool bleiben!

„Den Beleg?“, fragt sie mich und ich sage „Yep“, denn diese Trophäe kommt gleich mal so was von an meine Kühlschranktür!

Sie hält mir den Zettel hin und dann schaut sie, wieder aus dem Augenwinkel, kurz auf meine Tüten und zurück zu mir. Ihre Mundwinkel biegen sich für den Bruchteil einer Sekunde ein winziges Stückchen nach oben und – oh Gott – es fühlt sich an wie ein Ritterschlag.

Ich lächele zurück und nehme meine Urkunde entgegen. Im nächsten Moment greife ich nach dem gesamten Einkauf, hebe ihn mit beiden Händen und letzter Kraft von der Ablage herunter, kurz bevor ihn eine Konservendose berühren kann, die schon hinterherkullert, und verlasse stolz bis in die Haarspitzen das Geschäft.

Maik Gerecke

Maik Gerecke

Lebt, chillt, schreibt und musiziert im Weddinger Sprengelkiez frei nach dem Motto: »Sorge Dich nicht, es eskaliert eh.«

11 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Als Update:
    Der Laden hat immer noch keine funktionierende Kühlung. Obwohl man diese jetzt nicht nachfüllen muss, bleiben die meisten anderen Regale trotzdem leer.
    Der Laden ist eine Zombiapokalypse. Covidzeiten, waren ein Witz dagegen.

  2. An der Supermarkt- oder Discounterkasse geht es immer schnell. Angst vor Zeitverlust ist genauso wenig real wie Reichweiten- oder Ladeangst beim E-Auto. Aber wenn schon jemand den Betrieb aufhält, dann sind es die Kundinnen und Kunden, die ohne Einkaufswagen unterwegs sind und ihren Einkauf gleich an der Kasse in Taschen und Rucksack verstauen anstelle an den Packanlagen. Sie sparen damit Zeit für sich selbst. Das ist echt schlau.

  3. Ich finde es unfassbar gemein, wie der Weddingweiser hier über eine vielen offenbar bekannte Supermarktmitarbeiterin herzieht und sich lustig macht. Diese Art von Häme hätte ich nicht erwartet. Daumen runter!

    • Die Mitarbeiter können da nur wenig für. Die Fillialleitung ist einfach grundlegend böse und rücksichtslos.
      In diesem Laden wird alles auf Verschleiß gefahren. Es gibt keine Investitionen, niemand achtet auf das Wohl der Mitarbeiter. Kaum ein Mitarbeiter ist länger als 6 Monate dort, weil die Arbeitsbedingungen die Hölle sind. Dadurch hat man immer nur unerfahrene Leute, was das Problem verschlimmert. Das Stammpersonal traut man sich nicht anzusprechen, weil die Gefahr besteht, dass die gewalttätig werden könnten.
      Eigentlich gehört dieser Laden geschlossen.

  4. An den Kassen geht es wirklich schlimm zu. Froh kann man sein, wenn man überhaupt genug Platz für die täglich mitegschlepte Ausrüstung und die Warenpäckchen hat. Noch schlimmer ist, wenn der nächste Kunde schon dichter an dem kleinen Bankterminal steht als man selber, weil die Ware auch gepackt sein will, um mehr oder weniger zwischendurch die Bankcard zu zücken, und dann auch noch das Smartphone mit der Kameraseite unter die Fingerkuppen ausrichtet. Ohne Worte …

  5. Welche Verkäuferin soll das sein? Ich gehe/ging da fast täglich einkaufen. Eigentlich sind da nur noch Männer an der Kasse. Einer langsamer als der Andere.
    Meinst du die Frau die immer rumbrüllt: „Es sind zwei Kassen geöffnet!!“ obwohl die Kundschaft genau weiß, wie man sich auf die Kassen am Besten aufteilt?!
    Da man aber ja inzwischen den Warenverkauf nahezu komplett eingestellt hat, braucht man da auch nicht hin gehen. Keine Kühltheke mehr, die Regal meistens leer, TK-Ware mit Tau der letzten drei Tagen überzogen, das Obst und Gemüse und würde selbst im Knast weggeworfen werden.
    Es ist schon immer die Regel mit der U-Bahn nach Steglitz und zurück zu fahren ist schneller als sich in diese Hölle zu begeben.

  6. Überleben im wilden Wedding.- jenau so is dit, weeste…! Ick finde ooch, Maik hat für seine jute Jeschichte eenen Kiez-Nobelpreis vadiehnt!! Dit beste is für mir sein ironischer Humor. Weita so, Keule … 👍

  7. Wie wäre es mit einer kurzen Belehrung der Kassiererin? Schließend mit der Feststellung, „Ich muß hier nicht kaufen“.

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