Wo Can war, war’s lebendig. Wenn er hinterm Tresen stand in seinem kleinen Backshop neben der U-Bahn-Station, lief Musik. Hip Hop oder sowas in der Richtung. Mit seinen Gästen unterhielt er sich laut und fröhlich, nicht nur, um die Musik zu übertönen, sondern weil er so war. Baumlang, spindeldürr, immer aufgedreht und gut gelaunt. Ein großer Clown. Er ging mit mit der Musik.
Seine Freunde, und alle die kamen, waren seine Freunde, wurden mit einem Spruch oder mit einem High Five begrüßt. „Bist du Bäcker oder Rapper?“ fragte mal einer in der Schlange vor dem vollen Tresen. „Rapper? Niemals!“, antwortete Can sofort. „Ich bin Bäcker!“ Die Brötchen und den Kuchen verkauften meist die Frauen, die neben ihm standen. Leicht genervt verdrehten sie ihre Augen, wenn Can mal wieder seine Show abzog. Aber er war die Seele vom Geschäft. An den Wänden hingen Bilder, die die Kinder aus der Nachbarschaft ihm in der kleinen Spielecke hinter dem Schaufenster gemalt hatten. Andere schenkten ihm eine Fotomontage, die ihm im Fußballtrikot zeigte. „FC Can“ stand darüber. „Der fröhlichste Bäcker im Wedding“, nannte ich den Laden für mich. Aber das ist vorbei.

Vor ein paar Wochen setzte sich Can dann mal zu mir, als ich vor dem Laden einen Kaffee trank. Und sofort fing er an, mich zu unterhalten. Ich brauchte gar nicht zu fragen. Er war einfach so. Dass die Bäckerei von seiner Mutter aufgebaut worden sei. Dass die Frauen hinter der immer prall gefüllten Theke seine Schwester und seine Frau seien. Dass die Arbeit morgens um 4 Uhr anfange, und dass ihm das immer schwerer falle, obwohl er noch gar nicht so alt sei. Dass er in seinem Leben viel Unsinn gemacht habe, dass die Familie ihn aufgefangen habe und dass die Bäckerei jetzt endlich so gut laufe, dass er mal ein wenig kürzer treten könne. Mal nicht jeden Tag im Laden stehen. Mal Urlaub machen.
Danach habe ich Can lange nicht gesehen. Ich bin auch nicht jeden Tag an der U-Bahn und habe nicht immer Zeit für einen Kaffee. Aber dass auf einmal andere Frauen hinter dem Tresen standen, das fiel mir schon auf. Und ein anderer Mann, älter, graue, kurze Haare, schweigsam. Wo Can sei, fragte ich dann doch einmal eine Verkäuferin, weil es mir komisch vorkam. „Can macht Urlaub“, hieß es dann knapp. Mir fiel auf, dass die Can-Bilder von der Wand verschwunden waren. Und als ich ein paar Wochen später noch einmal fragte, hieß es dann: „Can kommt nicht mehr.“ Can habe ein paar Wochen Urlaub in der Türkei gemacht und dann sei er mit der Idee zurück gekommen, sich dort niederzulassen, was Neues anzufangen. Und dann habe er den Laden an den neuen Besitzer übergeben.
Sie machte eine Kopfbewegung nach draußen, wo der neue Besitzer mit Gästen am Tisch saß und sich mal auf Deutsch, mal auf Türkisch unterhielt. So wie Can. Sie lachten auch, aber es war nicht mehr das Gleiche.


Ja, Can kenne ich auch. Auch wenn ich nicht oft da war, bleibt mir er doch als sehr freundlicher Mensch in Erinnerung. Ich hatte schon Angst, dass ihm was passiert ist. Er macht etwas Neues in seinem Leben. Nicht mehr in Deutschland, nicht mehr in Berlin. In seiner Heimat. Deutschland war sie dann wohl nicht für ihn. Gutes Gelingen Can.