Mittags schwärmen die Menschen, die auf dem Gelände der ExRotaprint-Fabrik arbeiten, von ihren Büros und Werkstätten aus. Ihr Ziel: die Kantine. Hier zeigt ein engagiertes Team unter neuer Führung, wie sich anspruchsvolle Mittagsversorgung mit fairen Preisen vereinbaren lässt.


Allein der Raum ist Transparenz pur: Verglaste Trennwände, selbst zur Küche hin, sorgen dafür, dass die Arbeit des Küchenteams jederzeit eingesehen werden kann. Murat-Yusuf hat die Kantine ab 1. Februar als Geschäftsführer übernommen. Der 33-Jährige, der im Soldiner Kiez im Wedding aufgewachsen ist, hat erst Koch gelernt und dann zehn Jahre lang bei Spitzenköchen in der Schweiz gearbeitet. Im Abendstudium hat er dann noch Betriebsökonomie studiert. Zurück im Wedding eröffnete er vor ein paar Jahren einen ambitionierten Burgerimbiss, das Smashy’n Crunchy an der Torfstraße. „Ich wollte immer schon eine größere Küche haben, um mich auszuprobieren und weiterzuentwickeln“, sagt Murat-Yusuf. Ein Kunde wies ihn dann auf die ExRotaprint-Kantine hin, die neu ausgeschrieben war. Wie sich herausstellte, kam der Tipp vom Küchenchef Hans Bergmann persönlich. Nach einer Probewoche entschied sich Murat-Yusuf, den etablierten Kantinenbetrieb zu übernehmen.


Die Kund:innen waren schnell begeistert vom neuen Konzept: Jeden Tag gibt es sowohl ein wechselndes Fleisch- als auch ein vegan/vegetarisches Gericht. Dazu gibt es feste Standards wie eine große Maultasche und Pasta. Das 7-köpfige Team (manchmal wird der Küchenhund, den die Gäste vor der Kantine streicheln können, als Teammitglied Nr. 8 mitgezählt) überrascht auch die Stammkund:innen immer wieder. „Aufgrund meiner guten Kontakte in Berlin beschaffe ich auch hochwertige Lebensmittel – wie zum Beispiel Lammfleisch“, sagt Murat-Yusuf. Trotzdem ist wichtig, dass alles mit 9 Euro erschwinglich bleibt. Und wer 50 Cent draufzahlt, bekommt auch eine Tagessuppe oder einen Salatteller zum Gericht dazu.


Wir haben die große Maultasche mit Kartoffelsalat probiert, die zum täglichen Angebot gehört – ein sättigendes, herzhaftes Geschmackserlebnis. Aber auch das Tagesgericht mit Blumenkohl-Bällchen hat köstlich geschmeckt und ging weit über das hinaus, was man gemeinhin mit Kantinenessen verbindet.


Küchenchef Hans hat selbst 2023 im Rotaprint-Gebäude angefangen. Er ist experimentierfreudig, fermentiert gern und kombiniert chinesische mit deutscher Küche. Murat-Yusuf hingegen ist eher klassisch unterwegs. Was aber immer gilt: Das Essen ist garantiert halal. Das passt auch gut zum Weddinger Umfeld, in dem es keine anderen Kantinen mehr gibt.


Es lohnt sich also, diesen Mittagstisch in der Mitte des Stadtteils einmal auszuprobieren. Die hellen, lichtdurchfluteten Räumlichkeiten, das gute Essen und die für Weddinger Verhältnisse ungewöhnliche Gästeschaft sorgen für eine einzigartige Atmosphäre. So wie die weißen Rotaprint-Gebäude in den rauen Kiez hineinstrahlen, ist auch die Kantine ein Leuchtturm für den Wedding.
Fotos: Samuel Orsenne
ExRotaprint Kantine, Gottschedstr. 4, offen für alle
Mo-Fr 8 – 16 Uhr. Frühstück ab 8, Mittagstisch 12 – 16 Uhr

