Mastodon

Eingabehilfen öffnen

Verschiedene Perspektiven auf die Rheinmetall-Fabrik:
Zwei Meinungen: Wedding ohne Waffenproduktion?

24. Juni 2026
1
Plakate von Gegnern der Waffenfabrik werden inzwischen überklebt

Eine Autoteilefabrik im Wedding wird derzeit auf die Produktion von Militärtechnik umgebaut, die Arbeitsplätze bleiben auf diese Art erhalten. Viele Weddinger:innen haben dabei ein mulmiges Gefühl. Als größte Diskussionsplattform im Stadtteil bilden wir hier zwei verschiedene Standpunkte zu dem Thema ab. Die Frage zur „Waffenproduktion im Wedding“ ist komplex und lässt sich nicht leicht beantworten – auch weil zum Beispiel der Ukrainekrieg noch andauert. Aber lest selbst:

PERSPEKTIVE EINS

Ist die Waffenfabrik alternativlos?

Text: Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion

Erstmals seit 1945 sollen in Berlin wieder Waffen produziert werden. Der Autozulieferer Pierburg GmbH, seit 1986 Tochterunternehmen des Rüstungskonzerns Rheinmetall, soll ab dem Sommer 2026 in der Scheringstraße im Wedding Komponenten der Artilleriemunition für ein Rheinmetallwerk in Niedersachsen herstellen – „um die Arbeitsplätze zu sichern“.

Bereits im Juli 2025 wurde der Standort zu ‚Rheinmetall Waffe Munition GmbH‘ umbenannt. „Die Umstellung unseres Werks auf die Produktion von Rüstungsgütern ist ein in die Zukunft gerichtetes positives Zeichen. Die Transformation läuft bei uns anders als gedacht, ist aber alternativlos,“ sagt Bernd Benninghaus, Betriebsratsvorsitzender der Fabrik gegenüber IG-Metall.

Seit 30 Jahren rüstet Deutschland auf und versucht auch die Bevölkerung von der Entwicklung zu überzeugen. Nun scheint die Zeit gekommen zu sein: Der Stolz und die größte Branche der Nation, die Autoindustrie, hat den Anschluss bei Elektrofahrzeugen verpasst und wurde von chinesischen Herstellern auf dem Weltmarkt überholt.

„Es hebt die Stimmung enorm, dass Rheinmetall massiv in die Infrastruktur investiert. […] Mit dem neuen Maschinenpark kommen auch Investition in den Standort und das ist für die Zukunft extrem wichtig. Das spüren die Kolleginnen und Kollegen,“ erzählt auch Stellvertretender Betriebsratsvorsitzender Martin Wolfgang Hoffmann in demselben Interview. Die beiden räumen aber ein, dass nicht alle Mitarbeitenden zufrieden mit der Entwicklung sind. 

Im April 2025, gleich nach der Bekanntgabe des Umbaus, haben sich etwa 30 verschiedene linke Organisationen, Parteien, Gewerkschafter*innen sowie Einzelpersonen zu einem neuen Bündnis zusammengetan, um gegen die neue Militarisierung anhand dieses Beispiels aus der unmittelbaren Nachbarschaft zu kämpfen. Bereits am 10. Mai hat das Bündnis die erste Demonstration mit ca. 1.500 Teilnehmenden organisiert, die unter anderem an dem Werk vorbeilief, um zeitnah ein klares Zeichen zu setzen. Eine weitere folgte am 12. Oktober durch den Stadtteil mit etwa 3.000 Demonstrierenden, um die Nachbarschaft auf das Thema aufmerksam zu machen.

Das Bündnis hält Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie nicht für zukunftsweisend, ganz im Gegenteil – setzt diese „Arbeitsplatzsicherheit“ doch einen ständigen Kriegs- und Konfliktzustand voraus. Wenn nun, wie angekündigt, in Berlin Wirtschaftsförderung in diese „perverse Konversion“ fließt, fehlt diese in anderen tatsächlich zukunftweisenden Bereichen, in denen neue Arbeitsplätze entstehen könnten, ebenso wie die im Wedding gesichert werden könnten.

Der Wedding ist historisch ein Stadtteil der eher ökonomisch benachteiligten Arbeiter*innenschaft, die, wie ganz Berlin, unter den explodierenden Mieten, erhöhten Lebensunterhaltungskosten und Unterfinanzierung der öffentlichen Infrastruktur leidet. Geld ist in dieser Gesellschaft aber da – reichlich. Mit dem Slogan „Geld für den Kiez statt Waffen für den Krieg“ stellt das Bündnis einen deutlichen Zusammenhang zwischen den massiven Kürzungen des schwarz-roten Koalition in den Bereichen Soziales, Gesundheit, Bildung, Kultur, Mobilität und Klimawandel einerseits und der „whatever it takes“-Rüstungsobsession andererseits her.

Auch die Arbeiter*innen des Pierburg-Werks hatten die innovative Idee gehabt, dort Wärmepumpen – gegen die Klimakrise – zu produzieren. Die Mitarbeiter*innen werden aber nicht gefragt, wem die Produktionsanlagen gehören oder was produziert wird. Die Konzernführung setzt lieber auf Kriegsindustrie. Ein Finanzbericht des Unternehmens zitiert den Vorstandsvorsitzenden Armin Papperger: „Rheinmetall ist erfolgreich auf seinem Weg, ein globaler Rüstungschampion zu werden. Mittlerweile sind wir auch für US-Unternehmen ein ernstzunehmender Partner. Unsere Auftragsbücher sind voll und werden sich in Zukunft weiter füllen.“

Die enormen Investitionen in die Rüstungsindustrie und die lukrativen Angebote für junge Menschen, sich „freiwillig“ für den Wehrdienst bereit zu klären, können auf dem ersten Blick alternativlos erscheinen. Die Geschichte hat aber gezeigt, dass mehr Aufrüstung und Soldat*innen nicht zu Frieden durch Abschreckung führen, sondern zu mehr Unsicherheit, Überwachung und Unterdrückung sowie letztendlich zu Krieg und Sterben.

Eine neue antimilitaristische Bewegung

Die Zivilgesellschaft muss sich stärker zusammentun für eine große und schlagkräftige Antikriegsbewegung: für Investitionen für die Menschen statt Profite für wenige imperialistische Kräfte. Dazu möchte das Bündnis sowohl die Nachbarschaft in Wedding als auch die Arbeiter*innen des Werks mitnehmen und mit ihnen zusammenarbeiten, um gemeinsam Alternativen gegen Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit zu finden. Neben Demonstrationen organisiert das Bündnis ein monatliches Antimilitaristisches Café im Kiez, um Räume für weitere Organisierung der Nachbar*innen zu schaffen. Die enorme Militarisierung samt Einführung der Wehrpflicht betrifft uns alle auf unterschiedliche Art, und es ist wichtig, allen zuzuhören und alle mitzunehmen. Auch in dem Bündnis lernen alle mit- und voneinander, auch generationenübergreifend: Es werden sowohl Transparente und Stelltafeln als auch Social Media-Posts produziert. Die Breite des Bündnisses spiegelt sich in den Aktionsformen wider: Von Infoständen, Demos, Flashmobs, Haustürgesprächen bis hin zu einem Stand auf dem „Solidarischen Wintermarkt“ in Kreuzberg ist alles dabei.

Die Aktionstage beginnen am Freitag, 10. Juli um 9:00 Uhr mit einer Pressekonferenz im großen Aktionszelt auf der zentralen Wiese mitten im Humboldthain. Um 10:00 Uhr folgt eine Veranstaltung zur Wehrpflicht „Wir sterben nicht für eure Kriege“. Danach lohnt es sich, den ganzen Tag über, beim Aktionszelt vorbeizuschauen, bis 22:00 Uhr wird ein abwechslungsreiches Programm geboten, ebenso wie die Möglichkeit, sich an Aktionen zu beteiligen. So zum Beispiel um 12:00 Uhr eine Kundgebung vor dem Jobcenter, Müllerstraße 16, unter dem Motto „Ihre Kriege nicht auf unserem Rücken“. Oder um 14:00 Uhr die Kundgebung „Wedding ohne Waffen“ vor dem Werkstor von Rheinmetall in der Scheringstraße 2. Herzstück der Aktionstage wird dann am Samstag die große Demo sein, die um 14:00 Uhr am S+U Gesundbrunnen startet und mit einem Konzert auf dem Leopoldplatz um ca. 17:30 Uhr enden soll.

Im Bündnis gelingt der Schulterschluss zwischen Teilen der traditionellen Friedensbewegung und jungen sowie migrantisierten Menschen. Denn wir alle müssen uns unter die Arme greifen und nicht nur ein Werk, sondern das ganze System bekämpfen, das verschiedene Monster hervorbringt.

Mehr zum Bündnis gegen Waffenproduktion

Der Text wurde von der Redaktion leicht gekürzt.


PERSPEKTIVE ZWEI

Krieg und Frieden gehen uns alle an

Text: Oliver Knabe

„Von hier, von mir, von uns, soll keine Gewalt ausgehen“, so warben zwanzig gemeinnützige Vereine, Bildungseinrichtungen und das Bezirksamt Mitte, darunter der sozialdiakonische Verein meiner Kirchengemeinde, vor nicht einmal drei Jahren mit großen Bannern für einen friedlichen Wedding. Und heute?

In diesen Wochen beginnt die Produktion von Munitionsteilen für Kriegswaffen in unserem Kiez. Neben Grundschule und Freibad, direkt am Humboldthain, werden Teile für die Granaten von Panzerhaubitzen hergestellt, Kaliber 155mm. Die zivile Produktion des ehemaligen Pierburg-Werkes, vom Rüstungskonzern Rheinmetall übernommen und umbenannt, wurde dafür bereits eingestellt.

Auch das Umfeld der Fabrik wandelt sich: frisch verlegter Stacheldraht, dauernde Polizeipräsenz und Videoüberwachung sind am Humboldthain eingezogen.

Was manchem/r wie eine zeitgemäße Antwort auf eine sich verändernde Bedrohungslage erscheint, ist zugleich eine Wiederholung deutscher Wirtschaftsgeschichte. Die Pierburg-Werke waren schon im ersten und zweiten Weltkrieg eine Stütze der Kriegswirtschaft. Ihr Namensgeber wurde ein einflussreicher Wirtschaftsführer im NS-Staat. Werden die Waffen diesmal für einen guten Zweck eingesetzt? Zweifel sind angebracht, scheut sich der Rüstungskonzern mit seinen Partnern doch nicht, in Kriegs- und Krisengebiete zu liefern, auch im Wissen, dass mit den Waffen Kriegsverbrechen begangen werden.

Aus diesem Grund hat sich das Bündnis gegen Waffenproduktion gegründet. Seine Mitglieder informieren mit Haustürgesprächen, organisieren Demonstrationen und wirken mit Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen die Fabrik am Gesundbrunnen.

Und was denken die übrigen Menschen im Wedding? Was sagen die Kirchen im Kiez? Wo sind die vielen Glaubensgemeinschaften des Wedding, wenn es um die Frage von Krieg und Frieden geht? Zu sagen hätten sie alle etwas.

Manchmal habe ich den Eindruck, Zivilgesellschaft zähmt sich selbst. Für das „friedliche Miteinander im Kiez“ fühlen wir uns zuständig. Die „große Politik“ machen andere. Wirklich? Bei der Waffenfabrik am Humboldthain treffen Kiez und Militarisierung hautnah aufeinander. „Experten“ in Talkshows zuzuhören, genügt nicht. Denn am Ende trifft der Krieg immer gewöhnliche Menschen.

Für das Gespräch im Wedding brauchen wir Orte der Auseinandersetzung. In unserer Kirchengemeinde haben wir deshalb zwei Gesprächsforen angeboten, um die Perspektiven aller zu hören. Für mich ist klar: Der Bannerspruch „Von hier, von mir, von uns, soll keine Gewalt ausgehen“ meint den Wedding als Ganzen. Eine Kriegswaffenfabrik hat da keinen Platz. Zugleich habe ich im Austausch gelernt: Nicht alle teilen meine ablehnende Haltung. Das beschäftigt mich – und zugleich schätze ich, dass wir uns der Auseinandersetzung stellen und Menschen ihre Meinung mit mir geteilt haben.

Solche Orte, an denen unterschiedliche Positionen zu Themen, die uns alle formuliert und auch Uneinigkeit miteinander ausgehalten wird, sind leicht zu schaffen! Die Initiative „Friedensgespräche“ bietet dafür z.B. eine einfache Anleitung. „Wir leben und wir lieben Vielfalt“, heißt es auf dem Weddinger Banner. Deshalb möchte ich auch Deine Meinung kennenlernen und respektieren. Was denkst Du zu Krieg und Frieden?


Ihr seht das anders? Dann schreibt uns gern in die Kommentare oder schickt uns euren Gastbeitrag an [email protected]

Gastautor

Gastautor

Als offene Plattform veröffentlichen wir gerne auch Texte, die Gastautorinnen und -autoren für uns verfasst haben.

1 Comment Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für den super Artikel! Wir vom Stadtteilkomitee sind auch Teil des Bündnisses und verteilen die Wimpel gegen Waffenproduktion, die ihr fotografiert habt. Wer einen Wimpel bei sich aus dem Fenster hängen will, kann gerne in die Rote Ella (Buttmannstr. 1a) kommen und sich einen abholen. Wir freuen uns!

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Nicht nur zufällig gut

MastodonWeddingweiser auf Mastodon
@[email protected]

Wedding, der Newsletter. 1 x pro Woche



nachoben

Auch interessant?