Ein neuer Typ Schule an der Reinickendorfer Straße

Grafik: Bruno Fioretti Marquez Architekten

Sehr zügig will der Senat in den kommenden Jahren den Neubau von elf neuen Grundschulen vorantreiben – darunter auch an der Reinickendorfer Straße an der Ecke zur Seestraße. Schon im Jahr 2022 könnten dort erste Schülerinnen und Schüler eingeschult werden und die übervollen Grundschulen im Wedding damit entlasten – wenn alles glatt geht und wenn der Flächenkonflikt mit dem benachbarten „Schul-Umwelt-Zentrum Mitte“ geklärt ist. Die vierzügige Grundschule soll mit einem völlig neuen Raumkonzept als „Typenbau“ entstehen, das Ergebnis des Realisierungswettbewerbs wurde jetzt vorgestellt. Die Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen Katrin Lompscher (Linke) zeigte sich auf der Pressekonferenz am 30. Januar sehr zufrieden mit der Qualität der vorgelegten Entwürfe. Insgesamt 15 Büros waren aufgefordert worden, Vorschläge sowohl für einen drei- als auch für einen vierzügigen Grundschultyp zu entwickeln. Dreizügige Grundschulen sollen zunächst an fünf Standorten in Berlin errichtet werden, vierzügige an weiteren sechs. Zu letzteren gehören auch zwei im Bezirk Mitte: neben der Reinickendorfer Straße auch an der Adalbertstraße an der Grenze zu Kreuzberg. Möglicherweise erweitern sich die Aufträge um weitere Schulneubauten, für die gegenwärtig noch Standorte gesucht werden.Da sich die Typenbauten in „modularer Bauweise“ so weit wie möglich industriell vorgefertigter Teile bedienen, erhofft sich die Senatorin Impulse für die Bauwirtschaft in unserer Region – zumal man durchaus davon ausgehen kann, dass auch der kommunale und genossenschaftliche Wohnungsbau in Berlin und Brandenburg immer „modularer“ wird. Gleichzeitig erwartet der Senat auch preisliche Vorteile, vor allem aber eine deutlich schnellere Umsetzung als bei konventioneller Bauweise: schon die Ge-nehmigungsphase verkürzt sich. Denn für Schulbauten gelten kompliziertere Vorschriften als für den üblichen Wohnungs- und Gewerbebau, und da in den letzten Jahrzehnten kaum irgendwo neue Schulen gebaut wurden, sind die Bezirke auf solche Aufgaben schlicht nicht vorbereitet.

Neues Raumkonzept: die „Lernhäuser“

Brüder-Grimm-Grundschule. Foto: Dominique Hensel
Typische Altbauschule: Brüder-Grimm-Grundschule

Dennoch müssen die Schulen nicht völlig gleichförmig sein. Der Sieger des Wettbewerbs für vierzügige Schulen schlägt vor, das Material und die Farbe der Brüstungselemente an die jeweilige Umgebung anzupassen. Und das in zwei Varianten: einmal mit fünfgeschossigem Basisbaukörper für hochverdichtete Quartiere wie Mitte oder Wedding und einmal in einer viergeschossigen Variante, die aber um einen zweigeschossigen Anbau erweitert ist, für die äußeren Stadtgebiete. Ähnlich ist Berlin übrigens auch in der Gründerzeit vorgegangen: Die meisten Altbauschulen vom Ende des 19. und vom Beginn des 20. Jahrhunderts könnte man auch als Typenbauten bezeichnen, die im Büro des damaligen Stadtbaurates Ludwig Hoffmann sozusagen am Fließband entwickelt worden waren.Von ihnen und von den Plattenbauschulen der DDR unterscheiden sich die im Wettbewerb vorgelegten Entwürfe jedoch erheblich. Nicht nur weil variable Raumhöhen gefordert waren, damit in den großen Mehrzweckräumen im Erdgeschoss, in denen u.a. die Mensa untergebracht ist, keine Bunkeratmosphäre entsteht. Sondern vor allem, weil ihnen ein völlig neues Raumkonzept zugrunde liegt. Die Aufgabenstellung für die Architekturbüros bezog sich auf das neue Berliner Musterraumprogramm für Grundschulen, dass die Klassen- und Teilungsräume in sogenannten »Compartments« zusammenfasst: Die Schulen unterteilen sich in drei bzw. vier „Team- und Lernhäuser“, deren Lernräume sich um jeweils zwei „Foren“ herum gruppieren, die für verschiedenste Aktivitäten nutzbar sind. Damit erleichtern die neuen Schulbauten positive gruppendynamische Prozesse in den altersgemischten Lernhäusern. Wer „Harry Potter“ gelesen hat mag sich an das Zauberer-Internat Hogwarts erinnern: „Fünf Punkte für Gryffindor!“

Radikal klares und einfaches Konstruktionsprinzip

Aber auch die klassische Anordnung der Klassenräume entlang langer Fluren ist passé, und damit stellen sich natürlich ganz neue Anforderungen an die Architektur der Schulgebäude. Der für die Reinickendorfer Straße maßgebliche Siegerentwurf des Kreuzberger Büros „Bruno Fioretti Marquez Architekten“ überzeugte unter anderem, weil bei ihm alle Räume einschließlich der „Foren“ ausreichend mit Tageslicht versorgt sind. Gefallen hat der Jury auch die Verbindung von Schule und Doppel-Sporthalle die räumlich voneinander separiert sind, aber gestalterisch aufeinander Bezug nehmen und sich um einen gemeinsamen Vorplatz anordnen, der die Verbindung mit dem Quartier herstellt. „So vielschichtig die gestalterische und städtebauliche Wirkungsweise des Baukörpers an dem jeweiligen Ort ist, so radikal klar, einfach und völlig gleich ist das Kon-struktionsprinzip bei allen Schulen. Schlanke, immer gleich große (aber statisch optimierte) Stahl/Beton-Verbundstützen im Raster von 8,25 m aufgestellt, tragen Halbfertigteil-Flachdeckenelemente. Durch diese einfache und in allen Belangen den Erfordernissen des Brandschutzes genügende Konstruktion ist es möglich, einen konsequenten, formal hochwertigen und preiswerten Innenausbau modular möglich zu machen. Alle vorgeschlagenen Materialien wirken stimmig, bescheiden und angenehm“, so begründet die Jury ihr einstimmig gefälltes Urteil. Ob diese Entwürfe dann tatsächlich auch gebaut werden steht jedoch erst fest, wenn die Verhandlungen mit allen Preisträgern der beiden Wettbewerbe geführt worden sind.

Flächenkonflikt mit Schul-Umwelt-Zentrum

Ob der Neubau an der Reinickendorfer Straße tatsächlich schon im Jahr 2022 fertig wird, ist freilich nicht sicher. Noch stehen ja auf dem Grundstück die Gebäude des ehemaligen „Haus der Gesundheit“, das im vergangenen Sommer wegen Schimmelbefall und Baufälligkeit endgültig geschlossen wurde. Und noch ist nicht geklärt, wie die Zu-sammenarbeit mit dem direkt benachbarten „Schul-Umwelt-Zentrum Mitte“ (SUZ) aussehen soll. Denn eigentlich ist die Fläche des Hauses der Gesundheit zu klein für eine vierzügige Grundschule und ihre Außenanlagen, weshalb ein Streifen der Fläche des SUZ in den Unterlagen des Wettbewerbs der Schulfläche zugeschlagen wurde. Zudem wurde auf Schulgarten und Gymnastikwiese verzichtet, da diese auf dem Bereich des SUZ Platz finden könnten. Dagegen regt sich Protest von den Weddinger Grundschulen und Kitas, die die Gärten des Schul-Umwelt-Zentrums in Ermangelung eigener Schulgärten pädagogisch nutzen und die jetzt Einschränkungen befürchten. In der Planskizze von Bruno Fioretti Marquez ist zwar ein kleiner Teil des nördlichen Bereichs des SUZ baulich überformt – hier ragt der Sportplatz mit seiner 50-Meter-Laufbahn auf das Gelände. Aber für einen ordentlichen Schulhof reicht der übrige Platz eigentlich nicht. Man darf gespannt sein, wie sich dieser Konflikt noch entwickelt und welche Lösungen schließlich gefunden werden. Und man denkt im Wedding dabei auch an »himmelbeet« und dessen ursprüngliche Idee eines Gemeinschaftsgartens auf dem Dach des „Schiller Park Center“. Könnte nicht auf der Sporthalle…?

Autor: Christof Schaffelder

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Sanierungszeitschrift „Ecke Müllerstraße“

In diesem Beitrag haben wir einmal alle Grundschulen im Wedding aufgelistet.


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