Fröhliche Weihnachten!

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Nichts wird Menschen von anderen Menschen so häufig ge­wünscht wie ein frohes Weihnachtsfest. Na ja, vielleicht noch ein schöner Tag oder eine gute Nacht, aber man bekommt nur äußerst selten Rundmails von Leuten, mit denenman kaum mehr zu tun hat, in denen diese einem einen guten Tag wünschen oder eine gute Nacht. Wäre auf die Dauer auch ziemlich anstrengend, hätte man jeden Tag circa zehn neue Nachrichten mit Wünschen für einen guten Tag im Postfach. Happy Monday! Viel Spaß am Dienstag! Alles Gute zum Mittwoch! Und so weiter. Das würde garantiert nerven. Man wäre froh, endlich wieder Mitteilung vom freundlichen Bankberater aus Uganda zu erhalten – wenigstens mal was anderes.

 »Frohe Weihnachten« dagegen geht immer und überall.Probiert es mal aus! Die Menschen freuen sich in der Regel darüber. Warum auch nicht? Wer hätte nicht gerne frohe Weihnachten statt dieser üblichen Scheiße im elterlichen Wohnzimmer mit Familienstreitigkeit, missratenem Gänsebraten und den falschen Geschenken? »Oh, Pardon, Schatz, das da ist gar nicht für dich.Seit wann trägst du Reizwäsche? Und dieser Hauch von nichts würde dir ohnehin nicht passen.«

Nee, dann doch lieber Ballerspiele und Krawatten. Oder nee, besser noch nichts weiter als gute Wünsche allhier und überall auf Erden. Fangt vor eurer eigenen Wohnungstür an. Klingelt einfach mal bei euren Nachbarn,auch gerade und im Besonderen beim Aggronazi im Hinterhaus und wünscht ihm frohe Weihnachten. Er wird vielleicht etwas verdattert reagieren, aber sicher sanft. Vor allem wenn es morgens um halb fünf ist. Aus Selbstschutz könnt ihres auch an der Hausklingel austesten, so weit reicht seine Faust garantiert nicht. Dies hat zudem den Vorteil, dass ihr eurer gesamten Nachbarschaft auf einmal ein frohes Fest wünschen könnt. Und gleichzeitig kommt es zur Interaktion der an ihren Gegensprechanlagen Stehenden. Verschlafen wie sie sind, werden sie zunächst verwirrt sein. Doch wenn’s gut läuft, reden sie endlich mal miteinander, wünschen sich vielleicht sogar gegenseitig fröhliche Weihnachten. Ihr werdet davon nie erfahren, weil ihr schon weitergezogen seid. Oder ausgezogen und längst im Bett. War ja auch ’ne lange Nacht.

Bloß nicht gleich schlappmachen! Spätestens am nächsten Morgen geht’s ab zum alteingesessenen Schrippenschieber. Hoffentlich steht dort die notorisch schlecht gelaunte Verkäuferin bereit, die zu allem einen beleidigenden Kommentar hat, weshalb ihr nie jemand einen schönen Tag wünscht. Und jetzt wird sie von der geballten Verbalkeule der Nächstenliebe mitten im Gesicht erwischt. »Frohe Weihnachten!« Na, die wird kieken! Zumal wenn ihr direkt vorher nach diversem Fremdgebäck ge­fragt habt, nach Wecken und Semmeln und Bömmeln und Kipfeln. Doch bevor sie aus ihrem rot anlaufenden Gesicht keifen kann, det die Dingers bei uns immer noch Schrippen heißen, sagt ihr: »Ach, eh ich’s vergesse: Fröhliche Weihnachten, gute Frau!«

 Weiter geht’s die Einkaufsstraße entlang. Jedem, derdoof guckt – und das tut in Berlin ja mindestens jeder Zweite –, werden ein paar Klingglöckchen ins Ohr gedrückt. Nie das Lächeln vergessen dabei. »Fröhliche Weihnachten!« Rempelt euch wer an, werft ihm geschwind den freundlichen Wunsch nach. Und pfeifen die Bauarbeiter mal wieder vom Gerüst: »Fröhliche Weihnachten!«

Auf dann zum Dönermann. Die armen Muslime haben ja gar nicht so was Schönes wie wir. Dabei ist Gottes Sohn doch irgendwie auch für sie gestorben, als er am Drehspieß hing. »Einmal mit alles bitte, und fröhliche Weihnachten, die Herren!«

Auch die U-Bahn eignet sich hervorragend für diese frohe Botschaft. Am besten im Pendelverkehr. Entweder pauschal, es müssen nicht immer Obdachlose oder Kontrolleure sein, die die Stimme heben, sobald sich die Türen schließen. »Fröhliche Weihnachten!« Oder individuell. Sprecht die neben euch Sitzenden an. Oder fixiert einen schüchternen Jungen, ein schüch­ternes Mädchen, je nachdem, so lange, bis sie zaghaft zurücklächeln. Setzt euch dann zu ihnen, um ihnen eure Wünsche zart ins Ohr zu flüstern. Oder steckt ihnen einen Zettel zu mit den gleichen Worten. »Fröhliche Weihnachten.« Die werden vielleicht staunen!

Ruft bei Hotlines an, selbst wenn sie richtig teuer sind. Lasst euch zigmal durchstellen, und hofft, dass das Gespräch zu Zwecken der Qualitätsoptimierung aufgezeichnet wird, nur um die zwei Worte zu sagen: »Fröhliche Weihnachten!«

Nehmt mal wieder an Preisausschreiben teil. Ihr kennt ja das einzige mögliche Lösungswort. Ruft beim Radioquiz an. Oder, falls eine Lernkontrolle ansteht, am Ende gar eine wichtige Klausur: Die Antwort auf alle Fragen bleibt die gleiche: »Fröhliche Weihnachten!« Oder im Wartezimmer der Agentur für Arbeit, im Meldeamt, beim Arzt für ansteckende Geschlechtskrankheiten, in der Notaufnahme. »Fröhliche Weihnachten!« ImTheater! Ophelia ist gerade ins Wasser gegangen, und Faust hat seine Seele für körpereigenes Viagra verscherbelt. Fröhliche Weihnachten! Und wo wir bereits beim Teufel sind: Wo wäre man mit diesem Wunsch besser aufgehoben als in der Kirche? Springt am besten inmitten des Fürbittegebets auf, direkt vorm Vaterunser. Was gibt es Wichtigeres, um das zu bitten wäre, als fröhliche Weihnachten?

Fortgeschrittene wagen dies vielleicht auch beim Freitagsgebet in der Moschee, am besten während der Hetztirade eines geifernden Gastpredigers aus Pakistan. »Fröhliche Weihnachten allerseits!« Na, so ein Wunsch stimmt ja jeden sanft. Siehe oben.

Hält euch die Polizei an, sturzbetrunken am Steuer, also ihr, nicht die Polizisten: »Fröhliche Weihnachten!« Bewirkt gewiss Wunder. Kommt eure Frau nach Hause – oder euer Mann –, derweil gerade eine Zufallsbekanntschaft euer Geschlechtsteil bespeichelt – halleluja! –, sind keine zwei Wörter angebrachter als die hier mehrfach artikulierten. Das ist aber auch eine Überraschung! Meistens eine größere als unterm Weihnachtsbaum.

Nur der Spontanbesuch eines Auftragskillers mag größere Emo­tionen auslösen. Drum sag »Fröhliche Weihnachten!«, bevor du abdrückst. Was Besseres kann einem zum Lebensende kaum ge­wünscht werden.Danach kann ja nicht mehr groß was kommen.

Falls jetzt wer denkt: So ’n Blödsinn. Selbst Auftragskiller ha­ben Weihnachten frei. Das ist klar. Ist ja auch gewerkschaftlich festgeschrieben: »Weihnachten bleibt die Knarre kalt, Jesulein scheißt auf Gewalt.« Ich sag ja gar nicht, dass ihr euch mit diesem Wunsch auf die paar heiligen Tage im Jahr beschränken sollt. »Fröhliche Weihnachten!« geht schließlich immer und überall. Gerade und eigentlich am besten, wenn keiner mit so einem frommen Wunsch rechnet. Zum Beispiel im Hochsommer. Fünfunddreißig Grad im Schatten, zwanzig im Glas. Da werden sich alle freuen. Der Aggronazi und eure anderen Nachbarn, die Bäckersfrau, die Dönermänner, die Rempler und Fressezieher, die Schüchternen und Verladenen, die Prediger und die Killer. Ja, und ihr wollt es doch auch. Ihr braucht es garantiert so dringend wie Lametta. Fröhliche Weihnachten allerseits!


Autor: Thilo Bock

Diesen Text entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung Thilo Bocks Kurzgeschichtenband Der Berliner ist dem Pfannkuchen sein Tod, der am 14. Januar 2019 im Satyr Verlag erscheint.

Weihnachtsbaumkugeln vor dem Gesundbrunnen Center

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