Ort der Erinnerung

Die Stadtteilvertretung mensch.müller setzt sich für eine Benennung des bisher namenlosen Rathausplatzes in der Müllerstraße nach Elise und Otto Hampel ein. Damit soll – nur wenige Querstraßen entfernt vom ehemaligen Wohnhaus des Ehepaares in der Amsterdamer Straße – ein Ort der Erinnerung geschaffen werden. Noch gibt es Widerstand seitens der Berliner Arbeitsagentur Mitte, deren neuer Sitz im Rathaushochhaus ist und die auf ihre Adresse Müllerstraße nicht verzichten möchte.

Jetzt laden Stadtteilvertretung mensch.müller und die Schiller-Bibliothek zu einer Informationsveranstaltung über Elise und Otto Hampel in der Schiller-Bibliothek am Rathaus Wedding (Müllerstraße 149) ein. Am 10. November, 19 Uhr, wird der Historiker Hans-Rainer Sandvoß, ehemals stellvertretender Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, über das Leben und Wirken des Ehepaars Elise und Otto Hampel berichten. Ihre Bedeutung für die Gegenwart ergründet der Sozialpädagoge und Künstler Christian Winterstein in 16 Fotografien zu ihren Postkarten und Flugblättern, die bis zum 16. Januar 2016 im oberen Galeriebereich der Schiller-Bibliothek zu sehen sein werden.

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Otto Hampel im Berliner Kabelwerk von Siemens-Schuckert. Von 1928 bis 1933 war er Mitglied des NS-Stahlhelms. Elise Hampel arbeitete nach dem Besuch der Volksschule als Haushaltshilfe. Ab 1936 wirkte sie aktiv als Zellenleiterin in der NS-Frauenschaft mit. Als ihr Bruder während des Westfeldzugs gegen Frankreich gefallen war, wurden die Eheleute zu Gegnern des Regimes. Zwischen 1940 und 1942 riefen Otto und Elise Hampel mit Postkarten und Flugschriften zum Sturz des Naziregimes und zur Beendigung des Krieges auf. Die Karten legten sie in Treppenhäusern ihres Wohnumfeldes ab: Müllerstraße, Turiner Straße, Brüsseler Straße, Seestraße und andere. Die Hampels waren überzeugt, ihre Mitmenschen bewegen zu können, sich für eine neue Gesellschaft einzusetzen. Eine Welt brach für sie zusammen, als sie bei der Vernehmung durch die Gestapo erfuhren, dass so gut wie alle Karten bei der Polizei abgegeben worden waren. Otto und Elise Hampel wurden 1943 zum Tode verurteilt und in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Beim Zusammenbruch ihrer Hoffnung auf eine bessere Welt möchte es der Sozialpädagoge Christian Winterstein nicht belassen. Im Mittelpunkt seiner Ausstellung stehen 16 Fotografien von ausgewählten Postkarten und Flugschriften, die im Bundesarchiv überliefert sind. Die Ausstellung erinnert an den Widerstand der Hampels. Sie hatten kein ideologisches Programm und keinen religiösen Hintergrund. Alleine und auf sich gestellt fanden sie den Mut, Nein zu sagen. Auf dem Höhepunkt des nationalsozialistischen Regimes hatten sie, trotz extremer Anpassungszwänge und barbarischer Herrschaft, das Empfinden für Gerechtigkeit nicht verloren. Die Ausstellung zeigt auch Querverweise zur literarischen Verarbeitung des Schicksals der Hampels im Roman von Hans Fallada, „Jeder stirbt für sich allein“. Besitzt das Handeln von Otto und Elise Hampel für uns heute noch eine Relevanz? Und wenn ja, welche? Die Besucher haben die Möglichkeit, auf diese Frage selbst ihre Antworten zu finden und auf Postkarten aufzuschreiben.

 

Autor: Manfred Wolf

Dieser Artikel wurde ebenfalls im Berliner Abendblatt, Ausgabe Wedding veröffentlicht.

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