Lesermeinung: Eine Begebenheit am Plötzensee

Eine Weddingweiser-Leserin ärgert sich über ein sich hartnäckig haltendes Gerücht und hat ihre Gedanken dazu einmal aufgeschrieben.
Vor einigen Tagen war ich mit meiner Schwester, unseren Hunden und einer Bekannten mit ihrem Hund im Volkspark Rehberge unterwegs. Wir liefen am Plötzensee mit seinem Strandbad entlang und plauderten über alles Mögliche. Der Plötzensee ist größtenteils eingezäunt. Nur ein Bereich wurde mit Sand aufgeschüttet – dieses Freibad ist kostenpflichtig, der Zugang zum Strand ist vom Rest des Sees abgetrennt. Für diesen Bereich ist ein Bademeister zuständig. Ich kam darauf zu sprechen, dass mich der um den See aufgestellte Zaun enorm ärgert, da der See für alle da sein sollte, jedoch durch den Zaun nur schwer zugänglich ist. Meine Bekannte – eine ruhige, angenehme Person – erwiderte sichtlich wütend und bewegt, dass sie trotz Schwierigkeiten durch den Zaun nie das kostenpflichtige Freibad nutzen wolle. Auf meine erstaunte Frage nach dem Grund (der Eintritt kostet ermäßigt nur 2,50 Euro) hierfür erzählte sie, dass im Sommer 2014 ein dunkelhäutiger Mann dort ertrunken sei. Der für das Strandbad zuständige Bademeister habe ihm mit Absicht – auf Grund seiner dunklen Hautfarbe – nicht geholfen. Sie äußerte mehrmals entrüstet ihr Unverständnis und ihre Empörung darüber, dass der rassistische Bademeister trotz unterlassener Hilfeleistung bzw. fahrlässiger Tötung noch immer nicht entlassen worden sei. Mir erschien es sehr merkwürdig, dass der Mann bei so eindeutiger Beweislage nicht angezeigt und verurteilt worden war. Wenn dem so wäre, wäre das ein Skandal, den ich kaum für möglich hielt und halte. Meine Bekannte erzählte nur, sie habe die Geschichte aus verschiedenen Quellen gehört und sie selbst nicht nachgeprüft, die Quellen seien für sie eindeutig genug. Daraufhin schwieg ich und beschloss, der Sache zu Hause vor dem PC weiter nachzugehen.
Ein Jahr zuvor hatte mir mein Nachbar, ein Mann aus Kamerun, von dem tragischen Tod seines besten Freundes erzählt, dieser sei im See ertrunken. Ich vermutete stark, dass es sich um ein und denselben Mann handelte wie jenen aus der Erzählung meiner Bekannten, und setzte mich zuhause angekommen gleich vor den PC, wo ich mehrere Meldungen zu besagtem Ereignis aus dem Sommer 2014 fand. Die Zeitungen berichteten übereinstimmend, ein Mann aus Kamerun sei gegenüber des Freibades ertrunken. Rettungskräfte seien zugegen gewesen, hätten den Mann aber nicht mehr retten können. Der Mann habe nicht schwimmen können, manche Zeitungen sprachen davon, er sei alkoholisiert gewesen. Der Punkt, in dem absolut jeder Bericht übereinstimmte, war die Tatsache, dass der Mann nicht im Freibad ertrunken ist, und dass der Bademeister erst nach dem Tod des Mannes von dem tragischen Unfall erfahren habe. Der Unfall hatte auf der anderen Seite des Sees stattgefunden. Die Meldungen berichteten auch, es habe damals Proteste und Drohungen gegen den „Nazi-Bademeister“ gegeben, die nur dadurch beendet werden konnten, dass die Polizei mit Anzeigen wegen Verleumdung drohte. Ich las außerdem, dass der Bademeister sich in seiner Vergangenheit in rechten Kreisen bewegt hatte, sich aber aus diesen gelöst hatte.
Das Strandbad Plötzensee
Das Strandbad Plötzensee

Nun mag besagter Bademeister sich früher in rechten Kreisen bewegt haben und eventuell auch kein besonders sympathischer Typ sein – ich weiß es nicht, ich kenne ihn nicht. Dennoch war die Anschuldigung gegen ihn, die sich offensichtlich hartnäckig bis heute hält, schlichtweg falsch. Diese Anschuldigung beinhaltet immerhin den Tod eines Menschen. Und ich frage mich, wer nun aufgrund der Hautfarbe urteilt und verurteilt? Es erschreckt mich, dass wir in einem Land leben, in dem Unterstellungen, Verleumdungen und Drohungen angewandt werden, die jeglicher Grundlage entbehren und schlichtweg Erfindung sind.

Der Mensch sehnt sich nach eindeutigen Feindbildern, und wenn kein passender Feind zur Hand ist, dann wird einer erschaffen. Wo gehobelt wird, fallen nun mal Späne, da darf auch mal die Wahrheit angepasst werden, oder etwa nicht?
Autorin: Viktoria Groepper

 

 

5 comments

  1. weddinger

    Der Zaun hat seine Berechtigung und dient dem Schutz der Flora und Fauna, insbesondere auch den bodenbrütenden Wasservögeln. Das er einfach ignoriert wird und alles niedergetrampelt wird ist ziemlich assozial. Warum hier nicht hart durchgegriffen wird von Seiten des BA verstehe ich nicht. Der See war schon mal fast umgekippt und mußte aufwendig belüftet werden. Am Ende bleibt nur noch eine stinkende Kloacke wenn das so weitergeht im Sommer. Er hat eben keinen Zufluss und kann die zusätzlichen Massen gar nicht aufnehmen.
    Und das mit dem ertrinkenden Mann. Nun wer sturz betrunken nach durchzechter Nacht ins Wasser springt und dann wohl noch nicht mal schwimmen kann………..hierraus einen Nazi Vorfall zu konstruieren find ich ziemlich schamlos. das hat noch zusätzlich leid über die Angehörigen gebracht.

  2. Peter Peries

    Was wirhlich geschah weiß hier offenbar niemand zu 100%. Aber dasi jamand als Nazi bezeichnet wird und der Autorin eine „Reinwaschungsabsicht“ unterstellt wird, beweist das hier Menschen mit Vorurteilen hausieren und die Wahrheit offenbar nebensächlich ist. Nach dem Motto „Ich war nicht dabei, aber ich bilde mir eine mir passende Meinung, selbst dann wenn ich keine wirklich sicheren Erkenntnisse habe“.

  3. friedrich

    ich finde es schade, dass hier wiederum ein relativierungsversuch unternommen wird.
    das thema war ruhig, der nazi auch. jetzt nochmal eine uneindeutige situation aufzuwäremen
    um eine „reinwaschung“ des nazis zu betreiben, halte ich für gefährlich. die situation ist bei
    weitem nicht so eindeutig, wie die autorin glauben machen will.
    „Dennoch war die Anschuldigung gegen ihn, die sich offensichtlich hartnäckig bis heute hält, schlichtweg falsch.“
    diese aussage in ihrer absolutheit ist schlichtweg falsch.

  4. Jupp

    Finde ich gut, dass hier (nach recht langer Zeit) nochmals der Versuch unternommen wird, die damals ungerechtfertigte Wut der Bevölkerung klarzustellen.
    Weniger gut finde ich allerdings die Haltung, den Zaun betreffend („…mich der um den See aufgestellte Zaun enorm ärgert, da der See für alle da sein sollte, jedoch durch den Zaun nur schwer zugänglich ist.“)
    Dieser See ist eine Perle mitten im dicht besiedelten Berlin und im Schutze der Ufervegetation halten sich viele Tierarten auf. Mit diesem Zaun wird zumindest der Versuch unternommen, einen Teil des Ufers vor den Menschen zu schützen (i.Ü. ist auch das Einfahren in die Uferbereiche mit den Bötchen untersagt!). Vielleicht klären Sie Ihre Bekannte nicht nur hinsichtlich ihrer falschen Meinung zum Tode des Afrikaners auf, sondern auch über den Sinn des Zaunes.
    Allerdings: Wenn ich mit die Situation während der nächsten warmen Tage vergegenwärtige, wäre das Wegbleiben ihrer Bekannten auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein…
    🙁

  5. kathy

    Das stimmt so nicht ganz. Der Bademeister selbst hat der B.Z. gegenüber angegeben, dass er vor (!) dem Tod informiert wurde und nicht zur Hilfe gekommen ist, weil der Vorfall auf der anderen Seite des Sees stattfand. Er hat erst später erfahren, dass der Mann bereits reanimiert wird.
    Nicht immer ist nicht-strafbares Handeln auch moralisch richtig.
    Schade, dass das hier so dargestellt wird, als ob ein paar Leute überreagieren. Tatsächlich ist die Sache eben gar nicht so einfach und eindeutig.

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: