Wedding-Jahresrückblick Mai 2014: Berlin nicht mehr hip – der Wedding trägt Trauer

Alle zwei Tage öffnet sich hier im Weddingweiser ein satirisch-literarisches Monatstürchen in das vergangene Jahr mit der Weddinger Lesebühne Brauseboys. Alle Texte werden nach Erscheinen auf der Seite „Weddingrückblick“ gesammelt.

MAI 2014 

Berlin nicht mehr hip – der Wedding trägt Trauer (von Heiko Werning)

Schluss, aus, vorbei. Berlin ist nicht mehr hip, hat seinen Status als coolste Stadt der Welt verloren. Das haben die New York Times und der Rolling Stones so festgestellt, und seither macht der deprimierende Befund die Runde und wird auch in der Berliner Presse vehement diskutiert. Das Berghain ist nicht mehr der angesagteste Club der Welt, die Türsteher sind nicht streng genug, zu viele Touristen kommen herein, überhaupt: zu viele Touristen. Die Nachricht trifft die Berliner ins Mark. Wie konnte es so weit kommen? Wir haben uns umgesehen in dem Bezirk, der wie kaum ein anderer für Hipness, junge Urbanität und internationales Agendasetting steht: im Wedding.

Zunächst deutet für den ungeübten Beobachter nichts darauf hin, dass dies hier nicht mehr der absolute place to be sein sollte: Feinster Retro-Stil an allen Ecken. Schicke In-Bars mit Namen wie Zum Süffel, Biertempel oder See-Tank locken das amüsierwillige junge Publikum mit liebevoll hergerichtetem Eckkneipen-Look, der täuschend echt wirkt, als sei er aus den Sechzigerjahren. An gewaltigen, hölzern vertäfelten Tresen sitzen trendy Typen in Holzfäller- und Flanellhemden. Hier werden Runden mit hippen Szene-Drinks wie Futschi oder Jägermeister geschmissen, während Bier aus coolen lokalen Mikrobrauereien in Strömen fließt (Schultheiss, Berliner Kindl, Rixdorfer Faßbrause).
Erst bei genauerem Hinsehen schleichen sich leichte Zweifel ein. Wirken die Trendscouts hier nicht doch ein wenig sehr gereift, um nicht zu sagen: gealtert? Hat die überall auf den Straßen wüst vor sich hin zeternde Crowd überhaupt Headsets dabei – oder sind das einfach nur ganz normal Verrückte? Und bei manchem Vollbartträger ist man sich bei näherer Betrachtung trotz perfektem old fashioned Styling nicht ganz sicher, ob das wirklich ein Hipster ist oder nicht doch nur ein ganz profaner Islamist. Selbst die Stoffbeutel, die jeder hier mit sich herumträgt, knistern etwas aufdringlich, glänzen seltsam und weisen den szeneuntypischen Aufdruck „Lidl“ auf. Sind die Klamotten in den Boutiquen gar kein Retro-Style, sondern Retro, und sind es am Ende auch gar keine Boutiquen, sondern An- und Verkäufe oder Ein-Euro-Shops?
Und die legendäre Club-Szene? Natürlich, die Flaniermeilen blühen im Glanz der angesagten Läden von Bet2Win bis Super Slots Wedding. Aber trügt der schöne, blinkende Schein? „Na ja, früher war hier schon irgendwie mehr los“, sagt Kuttel vom Leopoldplatz, „da hatte der Imbiss zur Mittelpromenade nachts noch bis drei auf. Jetzt ist da immer schon um zehn Schluss.“ Auch sein Kumpel Kulle ist nachdenklich: „Der Drogenkonsumraum am Leopoldplatz, da lassen die wirklich jeden rein. Dabei ist die Tür so wichtig! Doch irgendwann ging’s da einfach nur noch ums Geschäft. Aber man muss schon schauen, dass das Publikum auch wirklich zum Ort passt!“ „Irgendwie ist auch das Besondere verloren gegangen“, sekundiert Kuttel, „ich meine, hier sieht’s doch inzwischen überall aus wie in Neukölln!“ „New York“, verbessert Kulle, „wie in New York. Aber stimmt schon: McDonald’s, McFit, Dunkin‘ Donuts, Queen Nail Studio, Coffee to go. Ist doch praktisch wie Brooklyn.“ „Und dann noch die Hostels!“, ruft Kuttel, „Ich meine, das ist natürlich zuerst voll cool für die Touristen, so mit Zimmern und Duschen und so. Aber irgendwann merken die einfach: Hey, da trifft man ja nur Touristen, da im Hostel. Das ist dann natürlich nicht mehr interessant. Dann hauen die halt alle wieder ab.“
Aber etwas Gutes hat die Entwicklung, findet Kulle: „Der vegetarische Imbiss in der Müllerstraße hat jetzt Boulette im Angebot, mit richtig scharfen Zwiebeln.“ Es wird schon alles wieder werden.


Vom 11.12. bis 10.1. des neuen Jahres präsentieren die Herren Paul Bokowski, Robert Rescue, Volker Surmann, Frank Sorge und Heiko Werning außerdem an über 20 Terminen ihre traditionelle Jahresbilanz „Auf Nimmerwiedersehen 2014“ im Comedyclub Kookaburra (Schönhauser Allee 184). Schauen Sie auch dort hinein und helfen den Weddinger Vorlesern dabei, den Prenzlauer Berg zu „degentrifizieren“.

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: