Weddingwoche #42: Kommerzielle Wundertüte?

Bunte Textilien von der "Montagehalle"
Bunte Textilien von der „Montagehalle“

Es gibt Menschen, denen jede Art von Veränderung gegen den Strich geht. Wird der Leopoldplatz verschönert, gibt es gleich eine Gentrifizierungsdebatte. Wird ein Kulturfest über Kiezgrenzen hinweg organisiert, geht’s sofort um den Verlust der eigenen Identität. Und wenn am 26. Oktober die Weddinger Wundertüte aufgemacht wird, erheben sich tatsächlich Stimmen, die dieser Initiative von 23 jungen Unternehmen aus dem Wedding Kommerzialisierung vorwerfen.

Da darf ich in diesem Falle mal mit einem lauten „Na und?“ antworten. Hier sind kreative Menschen am Werk, die mit sehr viel Herzblut und dem Verzicht auf Mußestunden am Pankestrand nicht nur ihren Traum von Selbstständigkeit zu verwirklichen suchen. Nein, diese wunderbaren Selbstverwirklicher tragen auch dazu bei, dass dieser Wedding als bunt und anders, aber keineswegs als hipster, pomadig und irgendwie ausgelaugt wie Mitte oder Prenzlauer Berg wahrgenommen wird.

Und ganz nebenbei: Im besten Falle schaffen Akteure wie das Eiscafé Kibo oder Modelabel wie montagehalle-berlin sogar noch Arbeitsplätze. Wenn es manche Zeitgenossen schlimm finden, dass die Weddinger Wundertüte mit Geld aus diversen Fördertöpfen unterstützt wird, dann kann ich nur sagen: Ein Hoch auf diese Art der Kommerzialisierung. Da bin ich 
gerne dabei!

Autor: Ulf Teichert

Der Weddingweiser ist Medienpartner der „Weddinger Wundertüte“.

Unsere Kolumne “Weddingweisers Woche” erscheint jeden Samstag in der Bezirksausgabe Wedding des Berliner Abendblatts.

13 Kommentare
  1. Und seit ihr einmal auf der homepage von der Wundertüte gewesen:

    http://weddingerwundertuete.wordpress.com/

    http://weddingerwundertuete.files.wordpress.com/2013/10/wedding-wundertuetentag-programm1.jpg

    So etwas hat man bereits vor 10 Jahren auf der homepage gesehen

    Die Karten sind noch nicht einmal interaktiv!!!

    Da ist jeder Schrebergarten besser im Webdesign

    Aber wenn man die Agentur für die Gestaltung Kummer-Design heißt!!

    Wann kommt der Wedding endlich einmal aus der Wundertüten Zeit heraus oder werden beim nächsten Mal innovative Wedding-Lollys angeboten.

  2. Der Wedding kreativ und innovativ, da kann man doch nur in die Wundertüte spucken.

    Schon wieder ein Kopie:

    http://www.qiez.de/neukoelln/haus-und-wohnung/die-wundertuete-rixdorf-nimmt-am-wettbewerb-mittendrin-berlin-teil/5220424

    Ist do armselig und dann auch noch subventioniert.

    Und habt ihr einmal die sogenannte 23 innovative Unternehmen angeschaut.

    Auch wenn das Eis bei Kibo sehr gut ist aber was ist daran innovativ??

  3. Das haben wir in Kreuzberg auch nicht erwartet.
    Wir werden sehen. Die Mietpreise jedenfalls steigen schon. Sogar im Brunnenviertel.
    Ich hoffe, dass der Kelch am Wedding vorüber geht, und die Aufwertung wirklich denen nutzt, de dort leben. Den Gewerbetreibenden wünsche ich ebenso alles Gute.
    Und über den Optimisten-Orden am Bande freue ich mich trotzdem. Bin halt eine Frohnatur.

  4. Die Gentrifizierungs-Paranoiker sind im Wedding nur zu bewundern. Wer angesichts der Zupflasterung des Straßenbilds mit wahlweise Döner-Buden oder Automaten-Casinos hier noch daran glaubt, dass irgendwelche Verschönerungsmaßnahmen ein zweites Dubai auf deutschem Boden entstehen lassen, sollte sich mit dem goldenen Optimisten-Orden am Bande auszeichnen lassen.

  5. @nako83- … und diese Angst ist nicht unbegründet.

    „Wird der Leopoldplatz verschönert, gibt es gleich eine Gentrifizierungsdebatte.“
    Zu Recht gibt es diese Debatte, denn genau das passiert ja auch.
    Es erscheint mir hilfreich die verschiedenen Aspekte der Veränderung im Auge zu behalten.
    Nicht jede Kritik ist Nörgelei, und nicht alles was neu ist, ist schlecht.

    1. Ich sehe das auch so!
      Man hat das Gefühl, dass immer wieder vergessen wird, dass eine dringende Aufwertung der Lebensqualität im Bezirk immer gleich mit dem Gentrifizierungs-Hammer beantwortet wird.
      Das sind doch aber zwei Paar Schuhe! Denn das Ziel muss es doch sein, den Menschen die hier leben, es auch in Zukunft möglich zu machen in ihrer gewählten und vertrauten Umgebung zu wohnen. Das sind aber Fragen, wie man günstigen Wohnraum sichern kann, und damit am besten Fragen an die Politik und den öffentlichen Wohnungsbau.

      Falsch, meiner Meinung nach, ist es jedoch, immer wieder das Verdrecken und das Prekäre, die Verlotterung und Verwahrlosung, bzw. die Stagnation des Bezirks als Antwort auf die obige Problematik zu preisen. Zwar kann ein Mangel an Attraktivität zwar kurz- vielleicht auch mittelfristig einen rasanten Mietpreisanstieg hemmen, langfristig wird aber die immer noch starke Anziehungskraft Gesamt-Berlins und die zentrale Lage des Wedding auch hier zu einem Preisanstieg führen, wenn sich nicht direkt an der Struktur und Regelung des Wohnungsmarktes etwas ändert. Dann ist es hier am Ende halt hässlich aber trotzdem Teuer.
      Lebensqualität, und dazu gehört auch die Qualität und das Angebot im öffentlichen Raum, darf nicht nur jenen vorbehalten sein, die im Stande sind diese mittelbar über höhere Mieten zu bezahlen. Vielmehr ist der öffentliche Raum auch als solcher, also eben allgemeinverfügbar, zu verstehen, und muss damit auch in hoher Qualität jenen zur Verfügung stehen, die nicht viel Geld haben.
      Das generelle Ablehnen der Unternehmungen zur Aufwertung des Wedding steht dem entgegen.

      Zudem wird dieses Hochhalten des Ist-Zustandes als vermeintliche Wahrhaftigkeit, Originalität und Ehrlichkeit ohnehin der vielfältigen Geschichte des Bezirks nicht gerecht. Der Wedding hat schon viele Gesichter gehabt. Ob diese besser oder schlechter als heute waren und wie bzw. ob der Bezirk sich in Zukunft verändern soll, ist der Einschätzung eines jeden Einzelnen für sich vorzuhalten. Dabei gilt meiner Ansicht nach aber zu Bedenken, ob man sich dieser konservativen Heimattümelei wie sie leider häufig die (Gentrifizierungs-)Debatten bestimmt, zur Beantwortung dieser Frage bedient!

      Hat man Angst vor Veränderungen (was per se ja nicht schlecht ist, sofern man diese Veränderungen als nachteilig gegenüber dem Status quo bzw. möglichen Varianten begründen kann – damit gilt dann nämlich auch nicht der „Angst-vor-Veränderungen“-Hammer), so sollte man die Ursachen und Lösungen auf höherer Ebene suchen, statt jene anzuschwärzen, als Sündenbock zu missbrauchen oder auch sonst anzufeinden oder zu malträtieren, die sich ihrer Freiheit der selbständigen Lebensgestaltung bedienen.

      1. Danke, Massimo, genau das ist auch der Ansatz dieses Blogs. Eine Verbesserung des Wohnumfelds ist auch eine Investition in unsere Infrastruktur. Davon profitieren viele – ob die Gentrifizierung kommt oder nicht.

      2. Verbesserung des Wohnumfelds im Wedding?? Wenn ich mir den Kaufland Bunker in der Müllerstr. anschauen, dann ist dies doch eine Verschlechterung des Wohnumfeldes. Warum zeigt der Weddingweiser einmal hier Flagge!!

        1. Der Begriff „Investition in die Infrastruktur“ bezieht sich auf den Leopoldplatz und andere aus staatlichen Töpfen finanzierte Baumaßnahmen im öffentlichen Raum. Der privat finanzierte Neubau eines Supermarkts ist nun mal Geschmackssache, und wenn es mir als Kunde nicht gefällt, muss ich da ja nicht einkaufen gehen.

      3. „Der privat finanzierte Neubau eines Supermarkts ist nun mal Geschmackssache, und wenn es mir als Kunde nicht gefällt, muss ich da ja nicht einkaufen gehen. “

        Lieber Weddingweiser,

        Du weißt doch dass es Bauvorschriften gibt und dass bezieht auch die Fassade mit ein.

        Vielleicht sollten man als Weddinger auch einmal über die Landesgrenzen schauen:
        http://www.berliner-zeitung.de/berlin/pankower-garb-typlatz-die-dunkle-fassade-muss-weg,10809148,21382222.html

        oder auch nach Zehlendorf:

        http://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/zehlendorf/aktuelles-aus-zehlendorf/truman-plaza-in-zehlendorf-fassadenstreit-spitzt-sich-zu-bezirk-prueft-juristische-schritte-gegen-investor-stofanel
        /8817556.html

        Dass das Bauamt im Wedding nichts gegen die Fassaden gemacht hat läßt ist mir nicht verständlich.

        Aber vielleicht ist dies auch wieder eine Weddinger Wundertüte innovativ, kreativ und schwarz 🙂

        Und da dachte ich bislang immer dass eine der Stärken des Weddingweisers der Bereich Architektur ist . Siehe auch den Bericht:

        Wedding und die Moderne der Architektur
        http://weddingweiser.wordpress.com/tag/weltkulturerbe/

        1. Hallo Moritz,
          so weit ich weiß, ist die Senatsbaudirektorin hier persönlich tätig geworden, da hier ein erheblicher Einfluss auf das städtebauliche Umfeld vorliegt. Damit dürfte de Einfluss des Bezirksamts gleich null gewesen sein. Ich persönlich finde die neue Müllerhalle gelungener als das Geschäftshaus am Garbatyplatz (des gleichen Architekten), aber ich kann auch verstehen, dass der anthrazitfarbene Klinker doch auf großes Unverständnis stoßen kann.

      4. Lieber JF,

        herzlichen Dank für die Aufklärung,

        auch wenn der Einfluß des Bezirksamtes gleich null gewesen ist. Es gibt ja auch Bürgerinitiativen, die Senatsbeschlüsse verändern!
        Aber der Wedding braucht wióhl etwas länger um solche Auseinandersetzungen einmal an die Öffentlichkeit zu bringen.

        Bruno Taut und seine Architektenkollegen würden sich wohl im Grab umdrehen.

        Und schwarz finde ich bei den Anarchisten!!1

        Aber vielleicht hat der Architekt auch an das afrikanische Viertel gedacht!!

        Oder black is beautiful

        Dennoch vielleicht gelingt es in 5 Jahren Lidl zu einer Fassadenänderung zu bewegen:
        http://www.tao.at/files/2012/09/mag_lifestyle_vertikale-gaerten_05.jpg

        Warum man allerdings die Höhe des Gebäudes nicht an die Nachbarhäuser angeglichen hat?

        Plant Lidl in Kooperation mit Himmelbeet eine weitere Urban farm??

        Oder eine Bio Hühnerfarm?

        Belassen wir es dabei:

        Der Wedding braucht eben länger als andere Bezirke!!!

        P.S. Hier noch etwas zu schwarz:
        http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarz

  6. Ich glaube, der gemeine Weddinger, der sich über solche Aktionen aufregt, hat einfach nur Angst, dass die Süddeutsche mal wieder einen Artikel mit dem Titel „Oh wie schön ist… der Wedding“ schreibt und der Wedding tatsächlich mal so hipster, pomadig oder ausgelaugt wird wie unsere Nachbarn.

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