Ein geschichtsträchtiger Ort: Müllerstraße 143

Am 9. März gibt es eine geführte Radtour zu vergessenen Orten zerstörter Vielfalt im Wedding. Dieser Ort gehört auch mit dazu.

An der Müllerstraße errichtete der Brauereibesitzer Wilhelm Bönnhoff, im Jahre 1886 einen Biergarten. Der Wedding war damals noch für seine kleinen hübschen Häuschen, Gartenwirtschaften und Fuhrmannskneipen sowie seinen schnatternden Gänse bekannt. Auf dem Gelände, das bis dahin der Ablagerung menschlicher Exkremente diente, entstand unter dem Namen „Feldschlösschen“ ein Schanklokal in Form einer klassizistischen Villa. Bei den vornehmen Damen, die hier auch ohne männliche Begleitung erschienen, war der große Garten besonders beliebt: Er erstreckte sich von der Müllerstraße aus über mehr als 600 Meter bis zum heutigen Charité Campus Virchow- Klinikum.

AOK Müllerstr.

In den Pharussälen wurde Geschichte geschrieben

Als im Jahre 1905 die stürmische Entwicklung Berlins auch den Wedding erreichte – die Bewohnerzahl hatte sich zwischen 1900 und 1905 fast verdoppelt –, verkaufte Bönnhoff das Grundstück und die Gebäude. Dort wurde dann ein Teil des Brüsseler Kiezes sowie der Genter, Antwerpener und Lütticher Straße angelegt. Mit dem Bau der Pharussäle im Hof der Müllerstraße 143 knüpfte der neue Besitzer an die Tradition der Ausflugslokale an. In den „Prachtsälen des Nordens“, die 2500 Mensch fassten, traf sich zum Beispiel die SPD unter dem im Wedding politisch tätigen Karl Liebknecht, während gleichzeitig die angrenzende Kapernaum-Gemeinde fröhlich zum Geburtstag von Kaiser Wilhelm Soldatenlieder anstimmte. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich der Wedding zu einer Hochburg der Kommunisten. Die KPD hielt in den Sälen an der Müllerstraße zahlreiche Veranstaltungen ab, so auch ihren 12. Parteitag im Jahre 1929, auf dem sich u.a. Ernst Thälmann, Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck wieder ins Zentralkomitee wählen ließen. Zwei Jahre zuvor hatte die nationalsozialistische Ortsgruppe Berlin-Brandenburg die Säle für eine politische Veranstaltung angemietet. Aus der anschließenden Saalschlacht mit den Kommunisten ging sie mit der der zu dieser Zeit üblichen Zahl an Leicht- und Schwerverletzten als Gewinner hervor. Für diese medienwirksam inszenierte Provokation hatte der damalige Gauleiter und spätere Reichspropagandaminister Joseph Goebbels die Pharussäle als symbolträchtige Kulisse ausgesucht.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten – dem jüdischen Pächter war gekündigt worden – ging es in den Sälen betulich zu. Das Programm reichte von Kleintierausstellungen bis zu Operettenabenden. Dass die Säle ab 1940 als Großkantine zur Verpflegung von täglich bis zu 500 hilfsbedürftigen Menschen diente und der Keller zu einem behelfsmäßigen Luftschutzraum ausgebaut worden war, soll Jugendliche nicht daran gehindert haben, hier nach dem in Deutschland verbotenen amerikanischen Swing zu tanzen.

In den Nachkriegsjahren wandelte sich die Müllerstraße zur modernen Einkaufsmeile. Hertie ließ 1955 das Eckgrundstück zur Brüsseler Straße vom Trümmerschutt befreien und gleichzeitig die Reste der Pharussäle abreisen. Der Hausarchitekt des Kaufhauskonzerns, Hans Soll, dessen Bauten heute bundesweit unter Denkmalschutz stehen, errichtete hier das Kaufhaus Bilka, das im Jahre 1998 wiederum einem Neubau weichen musste, dem Cittipoint.

Ein unscheinbares, aber besonderes Gebäude: die AOK

AOK Müllerstr.Am Standort der einstigen Pharussäle fand 1960, im Jahr vor dem Mauerbau, eine Institution einen neuen Platz, das selbst schon historisch geworden war: das „Ambulatorium“ der AOK. Ein Magistratsbeschluss aus dem Jahre 1948, also aus der Zeit vor der Teilung der Stadt, hatte die flächendeckende Versorgung Berlins mit ambulanten Facharztzentren vorgesehen. Aus Angst vor einer zu schlechten Entlohnung sowie dem Argument, es handle sich um eine „russische Erfindung“, setzte jedoch später die Westberliner Ärzteschaft die Schließung aller 90 Ambulatorien und Polikliniken im Westteil der Stadt durch. Das 1949 zunächst in den Hallen der Osram-Werke an der Seestraße untergebrachte Ambulatorium, das 1956 fast 60.000 Patienten versorgte, überlebte als einzige dieser Einrichtungen im Westteil der Stadt, denn es befand sich in der Obhut der AOK. Dort wurden ausschließlich Patienten dieser Krankenkasse behandelt – das ist bis heute noch so. Für den 1960 von Robert Schöffler errichteten schlichten Neubau erwarb die AOK das bereits abgeräumte Gelände der Müllerstraße 143. Der große Hof mit seiner zentralen Lage bot sich damals für die Ansiedlung eines Ärztezentrums an. Heute nennt es sich AOK-Servicecenter Berlin-Wedding.

Autor: Eberhard Elfert

zuerst erschienen in: Ecke Müllerstraße Nr. 1 Februar 2013 

 

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