Zwei Jahre Wedding

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© Anja Mayer

Letz­tens ist es mir so ganz natür­lich, ohne gro­ße Vor­über­le­gung und doch aus Über­zeu­gung, impuls­ar­tig, von den Lip­pen gegan­gen. Gemüt­lich auf der Bad­stra­ße den welt­bes­ten Köf­te ver­zeh­rend, die Sze­ne­rie beob­ach­tend – vie­le skur­ri­le, gleich­sam schon gewohnt bekannt erschei­nen­de Men­schen­ex­em­pla­re in einem ste­ti­gen Gemisch aus Ghetto/Hartz IV/Gangster, Jung/Kreativ/Student, Bürgerlich/Normal, und und und…  Jeden­falls ent­stand wie so oft die eben­so gewohnt bekann­te Dis­kus­si­on um die Rei­ze und Nicht­rei­ze des Wed­ding. Dass es hier schon irgend­wie hart und häss­lich ist. Und dann pas­sier­te es: “Aber alles in allem”, sag­te ich, “ist es doch eben mein Zuhause.”

Seit zwei Jah­ren lebe ich nun in Ber­lin und im Wed­ding. Was mich hier­her gebracht hat, sind die übli­chen Din­ge: nach Ber­lin, weil es die cools­te und ange­sag­tes­te Stadt über­haupt ist. Hier kann ich mei­nen Drang zu Frei­heit, Musik und Tech­no und Krea­ti­vi­tät voll aus­le­ben. Nach Wed­ding, weil es bezahl­bar ist und alle Punk­te der Stadt gut erreich­bar sind. Der Wed­ding ist nicht umsonst tra­di­tio­nell ein Tran­sit­ge­biet, von dem vie­le Ankömm­li­che aus star­ten. Seit­her bin ich durch Höhen und Tie­fen gegan­gen, die ein teil­wei­se unge­ahn­tes Aus­maß hat­ten. Ber­lin for­dert mich auf ganz eige­ne, har­te Art her­aus und belohnt mich dafür mit zahl­rei­chen Glücks­mo­men­ten. Das ist hier ja so üblich, den­ke ich. Ich bin nichts Besonderes.

Gesundbrunnencenter Bahnhof
© Anja Mayer

Der Wed­ding. Kin­der bewer­fen mich mit Chips und rohen Eiern, Jungs rufen mir Schwei­ne­rei­en hin­ter­her, die ich manch­mal nicht mal ver­ste­he. Der Super­markt um die Ecke stinkt. Hun­de­ka­cke über­all. Das Übli­che einer­seits, ande­rer­seits. Denn: Abends, wenn ich mit dem Rad über die Brun­nen­stra­ße in die Bad­stra­ße am Hum­boldt­hain vor­bei­fah­re, stau­ne ich über den wun­der­schö­nen Son­nen­un­ter­gang. Über­haupt der Hum­boldt­hain: Hier tref­fe ich spon­tan Freun­de. Ich lie­ge auf der Wie­se und las­se mei­ne Gedan­ken flie­gen. Auf dem Flak­turm habe ich dem Flak­turm­kuss­jun­gen bei schöns­tem Son­nen­un­ter­gang sei­nen Namen gege­ben. Wir gehen zu Tech­no Tisch­ten­nis spie­len im Hum­boldt­hain-Club. Ab und zu kann man hier auch mal raven gehen. Oder wir hän­gen in den coo­len Wed­din­ger Bars ab. Wir machen Spa­zier­gän­ge. Sit­zen auf einer Bank und labern Scheiß oder bespre­chen die gro­ßen Fra­gen des Lebens. Es ist mei­ne Hood gewor­den: Ich grü­ße und wer­de zurück­ge­grüßt. Ich grin­se an und wer­de zurück­ge­grinst. Ich rufe unflä­ti­ge Sachen, wenn mich ein Pas­sant anrem­pelt. Ich habe mei­ne Läden, mei­ne Wege, mei­ne Loca­ti­ons, mei­ne ganz eige­nen Weddingrituale.

Die­se Stra­ßen pas­sie­re ich auf jedem Weg nach Hau­se, nach nichts­sa­gen­den Tagen, nach depri­mie­ren­den Erkennt­nis­sen, nach Aben­teu­ern, nach atem­be­rau­bend schö­nen Erleb­nis­sen. Den Asphalt die­ser Stra­ßen küs­se ich bei Blitz­eis, sei­ne Aus­düns­tun­gen ver­mi­schen sich mit den mei­nen bei uner­träg­li­cher Hit­ze. Hier feie­re ich Son­nen­strah­len, bewun­de­re Mond und Ster­ne und ver­flu­che den Regen und den Win­ter und die Dun­kel­heit. Hier gehe ich fort und hier kom­me ich an. Ich wei­ne und lache und jubi­lie­re und füh­le. Ja, des­halb ist das mein Zuhause.

Ach­ja, mei­ne Gedan­ken sind abge­schweift! Wir ste­hen auf und gehen unse­ren Köf­te bezah­len. Der Mann hin­ter der The­ke zwin­kert mir zu: Vor zwei Wochen habe ich ihm noch in vol­ler Inbrust erzählt, dass ich nichts von Jun­gen wis­sen will. Mei­ne Beglei­tung, der Flak­turm­kuss­jun­ge, bemerkt nichts von unse­rer stil­len Kommunikation.

Update: Mitt­ler­wei­le sind alle Glei­se des Bahn­hofs Gesund­brun­nen wie­der ohne Umweg betret­bar. Das Schild für den zukünf­ti­gen Kno­ten­punkt ist auch ange­bracht. Mein letz­tes Gespräch mit dem Flak­turm­kuss­jun­gen ist vor meh­re­ren Wochen genau hier auf der Bau­stel­le ziem­lich trau­rig zu Ende gegan­gen. Ich fah­re trotz­dem jeden Abend über die Brun­nen­stra­ße in die Bad­stra­ße, glück­lich umarmt vom Hum­boldt­hai­ni­schen Sonnenuntergang.

Bahnhof Gesundbrunnen Sonnenuntergang Humboldthain
© Anja Mayer

 

Text und Bild: Anja Mayer

Gastautor

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1 Comment

  1. Das mit der Hun­de­ka­cke hal­te ich für wun­der­schön über­trie­ben. Und mich wür­de bren­nend inter­es­sie­ren wo die welt­bes­ten Köf­te auf der Bad­stras­se zu bekom­men sind!

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