Bahnhöfe im Wedding: Architekturkritik Gesundbrunnen

Bacardi-Fabrik oder Imbissbude

Bauabsperrungen, lackierte Platten als Bodenbelag, der Bahnhof wird nicht nur doppelt so teuer, sondern auch erheblich später fertig als geplant

Wer sich dem neuen Bahnhof Gesundbrunnen nähert, der muss den Eindruck gewinnen, den Menschen im Wedding fehle es an Imbissbuden und an Toiletten. Wie sonst ist es erklären, dass dem Betrachter als Erstes Aufschriften wie Kebab-Haus, Curry 65, Mc Donald‘s, Back-Factory und Sanifair ins Auge fallen?

Bei der auf 100 Stützpfeilern gehaltenen Dachkonstruktion und den großflächig eingestellten Glasflächen handelt es sich im Übrigen um eine überdimensionierte Pavillon-Architektur – erfunden in den 1920er Jahren und umgesetzt als Ausstellungshalle des Deutschen Reiches bei der Weltausstellung 1929 in Barcelona. Das Prinzip von „Stütze, Dach und Glaswand“ entwickelte der Architekt Ludwig Mies van der Rohe weiter zu einem „universellen Gebäude“, von dem er sagte, man könne es als Bacardi-Fabrik oder als Museum nutzen. Das Zweitgenannte setzten die (West-)Berliner mit Unterstützung des weltberühmten Architekten dann auch um. Sie machten daraus die Neue Nationalgalerie, ihren Tempel der Modernen Kunst. Warum dann nicht einen Bahnhof im gleichen Stil errichten, in einem der ärmeren und von geringer Bildung geplagten Teile von Berlin?

Dass aus dem einstmals geplanten Bahnhof nun eine überdimensionierte Imbissbude ohne architektonische Qualität wurde, vor allem aber ohne Aufenthaltsqualität, ist den Architekten Ingrid Hentschel  und Prof. Axel Oestreich nicht anzulasten. Sie haben durchaus bedeutende Bauwerke vorzuweisen – wie den U-Bahnhof Unter den Linden, die Doppelsporthalle Sredzkistraße oder den „Schwedter Steg“, eine Fußgängerbrücke wenige hundert Meter vom Bahnhof Gesundbrunnen entfernt.

Die ursprünglichen Pläne sahen, in Ergänzung zu den tief gelegenen Bahnanlagen, ein Empfangsgebäude mit fünf Türmen vor. Sie sollten den Platz selbstbewusst akzentuieren und zitierten in ihrer Backsteinfassade, den Fensterbändern und den Aufbauten die sachlich- expressionistische Architektur der nahe gelegenen Gartenstadt Atlantic. Im Bahnsteigsbereich wurden die Pläne umgesetzt, und ab 2006 hielten dann neben der S-Bahn auch wieder Regional- und Fernzüge. Doch auf der Betonplatte, die für das Empfangsgebäude vorgesehen war, verzichtete die Bahn auf jegliche Bauten.

Da sich nach der Fertigstellung der Bahnanlagen auf dem Vorplatz lange nichts tat, fragte im Jahre 2004 der Stadtbaurat von Berlin-Mitte beim Senat nach. Herr Schimmler wollte wissen, ob beim zweit- oder drittgrößten Bahnhof Berlins nicht ein Empfangsgebäude entstehen könne, das zumindest mit Wittenberge oder Castrop-Rauxel mithalten kann.

Der Bezirkspolitiker spielte damit auf die Funktion von Bahnhöfen an, es waren einstmals Tore in die Welt, Ort von Ankunft und Abschied, sie waren oft auch der Stolz der Bürger. In der Entscheidung der Deutschen Bahn, am Gesundbrunnen kein vergleichbares stadtbildprägendes Bauwerk wie z.B. Süd- oder Ostkreuz zu errichten, kann durchaus eine Weiterführung der sozialen Deklassierung des Wedding gesehen werden. Schließlich wurde der zugige Vorplatz bis 2015 mit einer offenen Dachkonstruktion bebaut, die auch Ladenflächen Platz bietet.

Bloß nicht lange aufhalten

Durch die geänderte Planung erreichen die Aufzüge das Niveau des Eingangsbauwerkes, entweder in Front der Ladengeschäfte eingestellt, frei stehend auf dem Vorplatz oder schlicht mitten im zentralen Durchgang.

Der Moment des Wartens, Ankommens und des Verabschiedens braucht aber Räume. Diese gibt es im neuen Bahnhof nicht. Wer einen windgeschützten Aufenthaltsort sucht, muss sich in einen Systemgastronomiebetrieb begeben und dafür bezahlen. Man kann dabei wählen zwischen Kebab-, Currywurst- oder Hamburger- Stil. Einzig die sogenannte Wiener Feinbäckerei versucht Gemütlichkeit zu produzieren und zwar mit einer aufgeklebten Backsteinsimulation.

Aber zurück aber zur Fassade. Wer sich die zu Beginn der Bauarbeiten erstellte Werbebroschüre ansieht, wird einen wesentlichen Unterschied zum nun realisierten Bahnhof feststellen. Das Einzige, was das Gebäude aufwerten würde, fehlt, nämlich das an der Dachkante umlaufende Lichtband. An der Stelle befindet sich nun eine schlichte und vor allem preisgünstige Variante: Aluminiumblech. Es ist zu vermuten, dass die Lichtinstallation der Kostenexplosion zum Opfer gefallen ist. Immerhin verdoppelten sich die auf sieben Millionen angesetzten Baukosten auf 14 Millionen.

?Sicher ist die Apotheke zu erwähnen, die hier niemand braucht. In wenigen hundert Metern Entfernung gibt es vier gute Einrichtungen dieser Art. Ob sich die Neuerung, der Biomarkt, langfristig hält, bleibt abzuwarten. Man hätte ihn sicher auch im Gesundbrunnencenter unterbringen können.

Bleibt ein Blick auf des Wesentliche: der Service am Bahnkunden und der Verkauf von Fahrkarten. Im Vergleich zeigt sich, dass die Fläche des amerikanischen Hamburger-Anbieters sechsmal so groß ist wie die des Reisezentrums. Auch ein weiterer Vergleich lohnt sich: die Bahn räumt dem Servicepersonal mit seinen fünf Verkaufsschaltern nur ein wenig mehr Platz ein wie der Toilettenanlage…

Autor/Fotos: Eberhard Elfert

9 comments

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  2. christoph melzer

    Eigentlich finde ich es klasse, dass wir einen fussläufig zu erreichenden Fern-Bahnhof im Wedding haben. Nur stört es mich, dass die Übergänge zu den verschiedenen Angeboten (U-, S-, RE- & Fern-Verkehr) und auch der jeweils direkte Weg zu den Ausgängen noch immer so schlecht ausgeschildert ist. Das Erscheinungsbild erinnert mich von der Ferne schon an die Nationalgalerie, was ich nicht schlecht finde.

  3. Matthias Eberling

    Eine ausgezeichnete Reportage zum Trauerspiel Gesundbrunnen. Vielen Dank an den Autor! Es gibt keinen ICE-Haltepunkt in der Bundesrepublik – und ich bin viel herumgekommen -, der so mies inszeniert und so drittklassig bebaut wurde (lange Zeit der einzige ICE-Haltepunkt ohne eigenen Bahnhof … – ohne Worte) wie dieser Ort. Wenn man schon keinen Bock auf den Berliner Norden hat, warum hat man dann nicht einfach den Bahnhof Zoo als Fernbahnhof behalten? Wer vernünftig denkt, kommt zum Schluss: kranke Menschen treffen kranke Entscheidungen. Der Bürger kommt sich vor wie in Zombieland …

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  6. Luc Blanc

    Ein sehr guter Bericht. Nicht einmal Starbucks hat offenbar Lust gehabt, sich dort einzumieten. Die weisslackierten, geriffelten Alupanele an den Decken sehen aus, als hätte man sie nebenan bei T€di im Sonderangebot gekauft, die Logos von DB und S-Bahn wirken aus lauter Wurstigkeit an die Dachkante gequetscht. Ob das eingesparte Lichtband den Bahnhof gerettet hätte, wage ich zu bezweifeln. Wen adressiert das Pinkelunternehmen Sanifair so prominent an der Aussenfassade zur Brunnenstrasse? Im Winter wird Wind und Schneeregen durch die Schneisen des Bahnhofs pfeifen – da kann ich mir immerhin mit dem Gutschein von Sanifair mein Grippemittel in der Apotheke ermäßigen. Mangelnde Aufenthaltsqualität ist kein Zufall, man wollte wohl ganz bewusst keine Einladung an Obdach- und Arbeitslose aussprechen. Auch ist die Wegführung des Bahnhofs so bemerkenswert unübersichtlich und verwirrend, dass nur die Aufzüge auf halbwegs plausiblen Weg nach oben führen. Von Betriebswirten gestaltete, leidenschaftslose Depressionsarchitektur in einem leider vernachlässigten Stadtteil.

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: