Was verrät uns ein Straßenname über die Zeit, in der er vergeben wurde? Und was sagt es über uns, wenn wir ihn beibehalten – oder ändern? Diesen Fragen widmet sich die gerade eröffnete Schau „umbenennen?! Berlins Straßennamen und ihre Geschichte“ im Mitte Museum, die noch bis zum 27. September zu sehen ist.

Foto: Rolf Fischer
„Ein brisantes Thema“, nennt die Kuratorin Tabea Thielmann bei der Eröffnung am 21. Mai den Gegenstand der Ausstellung. „Bürgerinnen und Bürger stoßen Umbenennungen an und sie verhindern auch Umbenennungen.“ Dass ein neuer Straßenname ein Streitpunkt sein kann, bei dem Meinungen von Bürgern, Politik und Verwaltung aufeinander prallen, konnte man im Afrikanischen Viertel in jüngster Vergangenheit erleben. Der Martha-Ndumbe-Platz am S-Bahnhof Wedding dagegen bekam seinen Namen im Oktober 2025 nach reger Bürgerbeteiligung. 600 Vorschläge gingen zur Neubenennung von der Bevölkerung ein. Die Anton-Wilhelm-Amo-Straße in Mitte wiederum bekam ihren Namen 2025 erst nach einer Entscheidung des Berliner Oberverwaltungsgerichtes, weil Anwohner geklagt hatten. Diese durch die Umbenennungen geehrten Menschen werden in der Begleitbroschüre „Benennen, Ehren, Hinterfragen“ ausführlich dargestellt.

Der jüngste Streit um die Straßennamen im Wedding ist in der Ausstellung im wahrsten Sinne des Wortes nur eine Fußnote auf einer Ausstellungstafel. Angesichts der langen Geschichte von Benennungen und Umbenennungen von der Kaiserzeit über die NS-Zeit bis zur Ost-West- Trennung und Wiedervereinigung und danach ist das auch nicht verwunderlich. Das alles muss ja in einen Raum untergebracht werden. Die gelben Tafeln an der Wand zeigen die Beispiele aus dem Bezirk Mitte, die grünen Tafeln in der Mitte die allgemeine Entwicklung in Berlin.

Und auch nur eine Fußnote der Weddinger Geschichte ist der Beschluss des Berliner „Ausschuss der Opfer des Faschismus“ von 1946, im Wedding mehrere Straßen nach Widerstandskämpfern zu benennen. Der Ausstellungskatalog „Umbenennen“ erzählt davon, dass die Togostraße nach diesem Beschluss „Ella-Trebe-Straße“ heißen sollte. Der Beschluss wurde in West-Berlin nach der Teilung der Stadt 1949 nicht umgesetzt. Die DDR schickte aber bis Mitte der 1970er Jahre FDJ-Delegationen an das letzte Wohnhaus der 1943 im KZ Sachsenhausen erschossenen kommunistischen Widerstandkämpferin in der Togostraße 78. Erst 2005 wurde Ella Trebe dann durch eine Straße in der Nähe des Hauptbahnhofs gedacht.

Aber wer entscheidet denn eigentlich in Berlin, wer auf welches Straßenschild kommt? Und müssten das nicht die Anwohner mit entscheiden dürfen? Gerade darum hatte es ja im Afrikanischen Viertel viel Unmut gegeben. „ Welches demokratische Potenzial bergen moderierte Diskurse über Umbenennungen? Und welche Formen von Identifikation ermöglichen Straßennamen überhaupt?“ heißt das in der Sprache des Ausstellungsflyers.
„In der Regel ist es Sache der jeweiligen Bezirksverordnetenversammlung, über die Benennung von Straßen zu entscheiden“, erläutert Nathan Friedenberg, der Leiter des Mitte Museums. Der Historiker ist selbst Mitglied in der KES, der „ Kommission für Erinnerungskultur im Stadtraum Mitte“. Diese Kommission berät die BVV-Mitte z.B. über die Hintergründe der vorgeschlagenen Personen. „Der BVV Beschluss wird, wenn möglich, dann vom Bezirksamt umgesetzt. Ob und an welchem Punkt noch einmal eine Bürgerbeteiligung der Anwohner vorgesehen wird, entscheidet die BVV. Aber es wäre nicht Berlin wenn es darüber nicht Zuständigkeitsverwirrung zwischen Bezirken und Senat geben würde. „In einem weiten Kreis um das Regierungsviertel herum kann der Senat allein entscheiden. So kam Helmut Kohl durch Entscheidung des Senats und ohne Beteiligung der BVV-Mitte vor Kurzem zu seiner Allee in Berlin.
Damit scheint die nächste Runde der Umbenennungen eingeläutet.

Die Ausstellung im Mitte Museum ist die zehnte Bezirks-Ausstellung im Projekt „umbenennen?! Berlins Straßennamen in Geschichte und Gegenwart“ des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin zusammen mit dem Arbeitskreis Berliner Regionalmuseen. Unterstützt wurde die Ausstellung mit Mitteln der Lotto-Stiftung.
Mitte Museum, Pankstr. 47, geöffnet So – Fr 10 – 18 Uhr
Die Sonderausstellung ist noch bis zum 27. September zu sehen.


Der Artikel beschreibt Umbenennungen aus politisch-historischer Perspektive.
Wie R. Holzmann feststellt: „Geschichte ist zuvörderst gemauerter Stein und geschriebenes Wort.“
Da-vor gab es auch Trümmerfrauen, jedenfalls nach dem WK II. Keine berühmte wenigstens unter diesen?
In Wedding scheint es nur d r e i Straßenbenennungen nach Frauen bzw Ehefrauen zu geben
(Louise Schröder, M. Ndumbe und E. Manga Bell):
Andere Bezirke lassen die Frauennamen aufholen bis eine Quote von 50% erreicht ist.
Die Anna-Mungunda-Allee (ehem. Petersallee) wäre auch noch zu nennen. Beim Manga-Bell-Platz (ehem. Nachtigalplatz) bezieht sich die Namensgebung auf das Ehepaar Emily und Rudolf. Es gibt auch noch den Elise- und Otto-Hampel-Weg (ehem. Teilstück der Limburger Str.). Der Franziska-Bereit-Platz (bisher namenlos) und der Ursula-Hirschmann-Platz (bislang ein namenloser Park) sind noch aktuellere Beispiele.
Tatsache! Ach! Gut, Joachim, dass du das ergänzt! Erstaunlich, dass mir meine heutigen drei KI-Anfragen diese echten Aktualitäten nicht auswarfen.
Mir ist noch ein Name eingefallen: Bärbel-Bohley-Ring in der Nähe des Gleimtunnels
Die neue Suche nach der alten Geschichte: Orientierungsverlust und Identitätssuche sind Geschwister. In geschichtslosem Land wie Deutschland gewinnt die Zukunft, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet. Die sperrangelweit offene Tür für den Zeitgeist. Nicht verwunderlich der Trend, sich der Straßennamen zu bemächtigen, eben gutmeinend und missionarisch inspiriert. Verkannt wird, daß der Mensch eben auch eine „Historische Identität“ braucht, die ihm Kontinuität vermittelt. Geschichte ist zuvörderst gemauerter Stein und geschriebenes Wort. Ersteres ist in Berlin fast vollständig durch Krieg und Sanierungsprogramme vernichtet. Die Entsorgung von Straßennamen bleibt dagegen eine Bagatelle.