Glaubt man der Bou­le­vard­pres­se, ist der gan­ze Wed­ding ein ein­zi­ger Tat­ort. Die Poli­zei­be­rich­te und Kurz­mel­dun­gen sind voll von Noti­zen, in denen Delik­te aller Art auf Wed­dings Stra­ßen ver­merkt wer­den. Da ver­wun­dert es, dass sich Wed­din­ger auch noch frei­wil­lig ver­sam­meln, um sich die Pro­duk­te von Dreh­buch­au­toren anzu­se­hen. Wie in ande­ren Orten in ganz Deutsch­land ist hier das gemein­sa­me „Tatort“-Schauen belieb­tes Ritu­al für den Sonn­tag­abend, ob im Fami­li­en­kreis oder in der Kneipe.

Moritz Bar von außen„Bei uns kommt ech­tes Kino-Fee­ling auf, denn wir zei­gen den Tat­ort oder Poli­zei­ruf auf einer gro­ßen Lein­wand mit per­fek­tem Sound“, berich­tet Kili­an von der Moritz Bar in der Adolf­stra­ße. Die 30 Sitz­plät­ze in der Bar kön­nen schnell voll wer­den, wenn beson­ders belieb­te Tat­ort-Epi­so­den wie zum Bei­spiel die eher komö­di­an­ti­schen Fol­gen aus Müns­ter gezeigt wer­den. Nicht nur Geträn­ke und Knab­be­rei­en gibt’s beim Tat­ort, sagt Kili­an: „Das Beson­de­re bei uns ist, dass man sich sein eige­nes Essen mit­brin­gen oder lie­fern las­sen kann.“

Was ist das für ein kol­lek­ti­ves Ritu­al, das Mil­lio­nen Zuschau­er dazu bringt, jeden Sonn­tag regio­nal gefärb­te Fol­gen unter­schied­lichs­ter Qua­li­tät und Mach­art anzu­se­hen? Auf jeden Fall ein ziem­li­ches deut­sches Phä­no­men. Sogar das Goe­the-Insti­tut beschreibt den Tat­ort auf sei­ner The­men­sei­te „Meet the Ger­mans“ als deut­sche Eigen­tüm­lich­keit. „Als ich die Flop-Bar eröff­ne­te, kann­te ich das Phä­no­men Tat­ort gar nicht“, erin­nert sich Bakri, der sein Lokal 2013 in der Lüde­ritz­stra­ße eröff­ne­te. Inzwi­schen ver­sam­meln sich auch hier Sonn­tag für Sonn­tag Fans der Kri­mi­se­rie, die seit 1970 läuft und für die gleich­zei­tig um die 30 Fern­seh-Kom­mis­sa­re im Ein­satz sind. Unter dem Hash­tag #tat­ort (der in Deutsch­land zu den wich­tigs­ten über­haupt gehört) kön­nen die Zuschau­er auf Twit­ter live kom­men­tie­ren – oft geht es um die ver­murks­te Hand­lung, aben­teu­er­li­che Autoren­ein­fäl­le, gran­dio­se Film­mu­sik oder die bes­ten Sprü­che der han­deln­den Figuren.

Martinshorn und Blaulicht: ist das echt?

FLOP Bar StraßeZu den wei­te­ren Tat­ort-Knei­pen gehö­ren der Tip­pera­ry Irish-Pub in der Trift­stra­ße – und auch die Gol­den Lounge. In letz­te­rer Bar, in der es nun all­sonn­ta­g­lich fast wie zuhau­se auch Piz­za gibt, fragt man sich oft, ob das Mar­tins­horn und das Blau­licht aus dem Film kommt oder von der vor­bei­füh­ren­den Prin­zen­al­lee und damit aus dem „rich­ti­gen“ Leben.

Städ­te wie Frei­burg oder Hei­del­berg rei­ßen sich inzwi­schen dar­um, Hand­lungs­ort der Kri­mi­se­rie zu wer­den, denn neben der Film­hand­lung ist meist auch jede Men­ge Lokal­ko­lo­rit in die Sonn­tags­se­rie eingebaut.

Schra­ders in der Mal­plaquet­str. 16 B

Tip­pera­ry Irish Pub, Trift­str. 58/Tegeler Str. 

Gol­den Lounge Prin­zen­al­lee 38/Soldiner Str. 

Moritz Bar, Adolf­str. 17, nahe Nettelbeckplatz

Knei­pen­Kult, Ofe­ner Str. Ecke Glas­gower Straße

Frauen*kneipenkollektiv Café Cral­le, Hoch­städ­ter­stra­ße 12a

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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