/

Tegeler Straße: Weddings neue Flaniermeile?

12

Göttlich tegeler str

Franky vom Laden "Longboardz"
Fran­ky vom Laden “Long­boardz”

Das hoch­spe­zia­li­sier­te Angel­fach­ge­schäft Koss mit sei­nem welt­weit wohl ein­ma­li­gen “Maden-Auto­ma­ten” zog schon immer Kund­schaft auch aus ande­ren Stadt­tei­len in die Tege­ler Stra­ße im Spren­gel­kiez. Doch heu­te ist der Fach­händ­ler längst nicht mehr der Ein­zi­ge. Fran­ky vom “Longboardz”-Laden, der eine ziem­lich ange­sag­te Art von Skate­boards ver­kauft, hat eben­falls vie­le Kun­den von aus­wärts: “Weil mei­ne Pro­duk­te hoch­spe­zia­li­siert sind, kommt zu mir viel Publi­kum, das nicht im Wed­ding wohnt”, sagt er.  Wenn ein Aus­wär­ti­ger das Bild einer typi­schen Wed­din­ger Stra­ße mit Spiel­ca­si­nos und tür­ki­schen Kul­tur­ver­ei­nen im Kopf hat, wird er sich an der Tege­ler wun­dern. Denn inzwi­schen ist der Long­board-Laden umge­ben von Cafés, einem Restau­rant, einem Blu­men­ge­schäft, dem Bio­la­den, der Zweig­Stel­le, einem Pub und eini­gen Spe­zia­li­tä­ten­re­stau­rants wie dem Korea­ner Shik­goo und dem Inder “Navee­na Path”.

Laden­in­ha­ber Fran­ky wohnt selbst seit acht Jah­ren im Spren­gel­kiez und betreibt seit vier Jah­ren das “Fun­ky Sum­mer Long­board” in der Tege­ler Stra­ße 30. Die Zahl “65”, die frü­her für den rau­en, “schlech­ten” Wed­ding stand, führt Fran­ky heu­te stolz im Fir­men­lo­go. “Nach­dem Prenz­lau­er Berg und Fried­richs­hain trans­for­miert wur­den, kann doch nur noch der Wed­ding als das ech­te Ber­lin gel­ten”, fin­det er. In “sei­nem” Abschnitt der Tege­ler gibt es, unty­pisch für den Wed­ding, inzwi­schen so gut wie kei­nen Leer­stand mehr. Git­te Zweig vom Second­hand-Laden Zweig­Stel­le-Ber­lin, gleich gegen­über, kann sich da noch an ganz ande­re Zei­ten erin­nern: “Für mei­nen Laden habe ich mir vor vier Jah­ren alle leer­ste­hen­den Gewer­be­räu­me in der Stra­ße ange­se­hen und alle sind inzwi­schen vermietet.”

Hierher kommen auch Leute von woanders

Das Angelhaus und der Madenautomat
Das Angel­haus und der Madenautomat

Die Tege­ler Stra­ße hat sich zu einer urba­nen Neben­stra­ße abseits der gro­ßen Ver­kehrs­ach­sen Mül­ler- und See­stra­ße gemau­sert. Für Wed­din­ger Ver­hält­nis­se ist die Dich­te und Diver­si­tät der Gas­tro­no­mie schon seit eini­ger Zeit erstaun­lich hoch. “Frü­her gab es hier nur ein, zwei Knei­pen als Magnet”, erin­nert sich Fran­ky aus dem Long­board-Laden. Inzwi­schen aber hat die Anzahl der Knei­pen, Bars und Cafés so zuge­nom­men wie an kei­ner ande­ren Stel­le im Wed­ding. “Allein in den letz­ten Mona­ten haben hier im Umfeld der Tege­ler / Spren­gel­stra­ße vier neue Gas­tro­no­mie­be­trie­be auf­ge­macht”, ver­rät ein Knei­pen­be­sit­zer aus der Nach­bar­schaft. Noch ver­ste­he man sich gut und sieht die Kon­kur­renz eher als Ergän­zung denn als Bedro­hung, doch wie lan­ge das so bleibt, steht in den Sternen.

His­to­risch: Die Stra­ßen­bah­nen der Linie 23 rum­peln schon seit 1960 nicht mehr durch die Tege­ler Stra­ße. Dafür ist sie heut­zu­ta­ge für stau­ge­plag­te Auto­fah­rer eine belieb­te Umfah­rung. Nur eine Fuß­gän­ger­am­pel vor der Brü­der-Grimm-Grund­schu­le unter­bricht den stän­di­gen Ver­kehrs­fluss. Die Stra­ße exis­tiert schon län­ger als der Hobrecht­sche Bebau­ungs­plan von 1863 und trägt ihren Namen seit 1864.

Mehr Ladenflächen

Tegeler Str Urban KnittingSecond­hand-Laden-Betrei­be­rin Git­te Zweig ist davon über­zeugt, dass die Tege­ler Stra­ße mit ihren Vor­gär­ten und brei­ten Bür­ger­stei­gen die schöns­te Bum­mel­mei­le weit und breit ist. Nur durch die­se Merk­ma­le, glaubt sie, konn­te die­se Mischung aus Gas­tro­no­mie, Spe­zi­al­ge­schäf­ten und Gale­rien ent­ste­hen, die für die Tege­ler typisch ist. Mit Strick­ak­tio­nen, bei denen Bäu­me, Schil­der und sogar ihr Fahr­rad ein far­ben­fro­hes Kleid bekom­men haben, hat die Laden­in­ha­be­rin schon ihren Abschnitt der Stra­ße ver­schö­nert. “Im Unter­schied zur Mal­plaquet­stra­ße ist die Tege­ler Stra­ße nicht ver­kehrs­be­ru­higt und hat auch tra­di­tio­nell viel mehr Laden­flä­chen als ande­re Wed­din­ger Stra­ßen”, erklärt Git­te Zweig. “So ist hier immer was los – und das wol­len die Leu­te doch am liebsten!”

Aus­ge­hen, essen, trin­ken, bum­meln und ein­kau­fen – wenn eine dicht bevöl­ker­te Stra­ße ihr Gesicht ver­än­dert und zuneh­mend schi­cker wird, sind Kon­flik­te mit Anwoh­nern irgend­wann unver­meid­lich. Im Moment pro­fi­tie­ren die meis­ten, wenn sie nicht gera­de eine Woh­nung im Spren­gel­kiez suchen – der Zuzug jun­ger Fami­li­en ist unge­bro­chen. Vor dem Bio­la­den steigt die Kin­der­wa­gen­dich­te zeit­wei­se auf Pren­zel­ber­ger Aus­ma­ße an.  Die Tege­ler Stra­ße hat inzwi­schen eine Aus­strah­lung, die auch schon in ande­re Bezir­ke reicht. Was aber die Stra­ße vor hem­mungs­lo­ser Auf­wer­tung schüt­zen könn­te, sind die gewach­se­nen Struk­tu­ren enga­gier­ter Bewoh­ner, Insti­tu­tio­nen und Geschäfts­leu­te, die sich die Geschi­cke ihres Kiezes nicht aus der Hand neh­men lassen.

Viel­sei­tig: Die Tege­ler Stra­ße hat unter­schied­li­che Gesich­ter: am nörd­li­chen, unbe­wohn­ten Ende mischt sich das Kin­der­ge­schrei vom Aben­teu­er­spiel­platz TELUX mit dem Ver­kehrs­lärm der auto­ge­recht aus­ge­bau­ten Luxem­bur­ger Stra­ße. Dann, zwi­schen der Trift- und der Lynar­stra­ße, reiht sich ein Geschäft oder Lokal an das ande­re. Und Rich­tung Fenn­stra­ße endet die sonst so quir­li­ge Tege­ler Stra­ße ziem­lich nichts­sa­gend unter moder­nen Bahn­brü­cken aus Beton. Die S‑Bahn-Tras­se, die dort gebaut wird, wird die letz­ten Meter der Stra­ße dem­nächst sogar noch in zwei Stra­ßen­stum­mel zerteilen.

Klei­ne Men­sa, Trift­str. 58

The Tip­pera­ry – Pub, Trift­str. 58 Ecke Tege­ler Str.

Shik­goo – Korea­ni­sches Bis­tro, Tege­ler Stra­ße 27

Die Zweig­Stel­le Second Hand, Tege­ler Stra­ße 25

Huber­tha, viet­na­me­si­sches Restau­rant, Tege­ler Str. 31

Fun­ky Sum­mer – Fun­ky Sum­mer Long­board, Tege­ler Stra­ße 30

Der Bio­la­den, Tege­ler Stra­ße 30

Blu­men Gold­beck, Tege­ler Str. 31

Café Scha­dé ‚Tege­ler Stra­ße 23, 

Freya Fuchs Bar, Tege­ler Str. 34

Gött­lich Essen & Trin­ken, Tege­ler Str. 23

Navee­na Path – Indi­sches Restau­rant, Tege­ler Stra­ße 22

Angel­haus Koss mit Maden­au­to­mat, Tege­ler Stra­ße 37

Ware:Schönheit, Fri­seur­sa­lon,  Tege­ler Str. 32

aktua­li­siert im Juli 2018

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

12 Comments

  1. […] letz­te Stück Nord­ufer gesperrt. Wegen des Baus der S‑Bahn-Linie 21 soll die par­al­lel ver­lau­fen­de Tege­ler Stra­ße unter­bro­chen wer­den. Dafür ist geplant, das Nord­ufer neu zu bau­en und den Ver­kehr über diese […]

  2. Maden­au­to­mat ? Maden­au­to­mat ?? Ich kann’s nicht mehr hören. Ein Frei­bier für die­je­ni­ge, die über den Spren­gel­kiez schreibt, ohne den Maden­au­to­ma­ten zu erwähnen!

  3. Haha, und um zu demons­trie­ren, dass das genau die Schei­ße ist, die man nicht im Wed­ding haben möch­te und wegen der man damals hier hin und eben nicht nach Neu­kölln oder Fried­richs­hain gezo­gen ist, wird das Foto eines jäm­mer­li­chen Hips­ter-Zau­sels und eines umstrick­ten Baums gezeigt. Es ist, gelin­de gesagt, zum kotzen.

Schreibe einen Kommentar zu Joachim Faust Antworten abbrechen

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.