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Medien im Wedding

Kirche St. SebastianIn den klassischen Medien wird gerne über den Wedding berichtet – vor allem, wenn es um Kriminalität, soziale Probleme oder Migranten geht. Doch nur wenige wissen, dass es im Wedding auch Medien gibt, die ihre Zielgruppen nicht nur im Kiez, sondern rund um den Globus haben. Weiterlesen

„Soldiner“: Selbstbewusst wie der Kiez

In den anderthalb Jahrzehnten, in denen es im Gebiet zwischen der Osloer Straße und der Nordbahn ein Quartiersmanagement (QM) gibt, hat sich im zuvor nur als „Problemzone“ bekannten Kiez so etwas wie eine eigene Identität herausgebildet. Das QM hat sich um die Jahrtausendwende nach der beide Pankeufer verbindenden Soldiner Straße benannt, und inzwischen ist das überschaubare Gebiet am Nordrand von Berlin-Gesundbrunnen als „Soldiner Kiez“ bekannt.

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„Der Wedding“, Ausgabe 5: Stimmt so!

Das Magazin „Der Wedding“ erscheint nur einmal im Jahr. War die letzte Ausgabe thematisch durch die Auseinandersetzung mit dem „Westen“ sehr weitgefasst (weshalb nur wenig Wedding-spezifisches vorkam), ist das nunmehr fünfte Magazin wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Und trifft damit den Nerv.

„Reiche sind aggressiver“

Cover Der Wedding 5 Magazin für AlltagskulturDiesmal kommen wieder verstärkt die Bewohnerinnen und Bewohner unseres Ortsteils zu Wort. Wir sehen, wie sie wohnen, wer bezahlt, wenn sie türkisch heiraten, was sie sich von ihrem Verdienst leisten können und was die Betreiber von Pfandleihhäusern alles erleben. Das Thema Geld wird nicht mit langen Zahlenkolonnen, Infografiken oder Rechenexempeln durchexerziert. Denn es geht vor allem darum, was es heißt, im Alltag wenig oder kein Geld zu haben. Im Heft dürfen mal diejenigen erzählen, die mit Flaschensammeln, Verkauf von Obdachlosenzeitungen oder mit vermeintlich lukrativen Nebenjobs über die Runden kommen müssen. Nur eine Hochglanz-Fotostrecke über die Besucher einer Münchener Millionärsmesse reißt den Leser aus der profanen Welt der sauer verdienten Moneten heraus, hinterlässt aber auch ein schales Gefühl. Fast bekommt man Mitleid mit den „armen Reichen“.

Im Verein ist Geld besser aufgehoben als auf der Bank

Da ist uns der Wedding mit seinen Wettbüros, Spielhöllen und Lokalen schon ein vertrauterer Anblick. In letzter Zeit hat man selten eine so schöne Kneipenreportage zu Gesicht bekommen wie den Bericht über das „Vereinssparen“ im Café Morena. Wer weiß denn schon noch, dass diese Sparform heute in den Lokalen fast ausgestorben ist, in der Nachkriegszeit aber den Ruch der Unterwelt hatte? Wie schon in der dritten Ausgabe, als die Magazinmacher Bettlern ihr Pappschild abkauften und diese vergänglichen „Dokumente“ verewigten, kommen in dieser Ausgabe wieder die zu Wort, die in den etablierten Medien selten eine Stimme haben: Schrottsammler, Straßenmusiker oder Menschen, die bewusst auf Eigentum verzichten. Auch der Franziskanermönch Bruder Andreas , der die Suppenküche in der Wollankstraße leitet, weiß aus eigener Erfahrung, was freiwilliger oder unfreiwilliger Verzicht bedeuten kann.

Sprichwörter hinterfragt

Wer die manchmal ironische, durchaus verspielte Art der früheren Ausgaben von „Der Wedding“ mochte, muss sich diesmal wieder mit einer bodenständigen, reduzierten Gestaltung zufriedengeben. Mit ein paar Ausreißern wartet die fünfte Ausgabe aber dennoch auf. Die knallig-bunten Verheißungen der Werbung für Spielcasinos, die ja so sehr zum Straßenbild in Berlin gehören, dienen als Dekoration für eine Doppelseite. Oder ein vermeintlicher Auszug eines vergilbten Lexikons, der Begriffe rund um das gute alte Münz- und Papiergeld zusammenfasst. Die aus früheren Ausgaben bekannten Comics, typographischen Experimente und Illustrationen wird man in dieser Ausgabe fast vergeblich suchen. Das Spiel mit der Form ist nämlich einer viel stärkeren inhaltlichen Auseinandersetzung gewichen. Die bemerkenswerten Fotos – der gelungene Versuch, vermeintlich Alltägliches zu bebildern – erhalten so einen noch größeren Stellenwert. Trotz der etwas spröden Gestaltung sind den Machern (Chefredaktion: Julia Boek) die guten Ideen an keiner Stelle ausgegangen. So hinterfragen sie die abgedroschensten Sprichwörter rund um’s Geld, und zwar bei Kellnern, Kassierern und dem Filialleiter einer Bank im Wedding. Die müssen es schließlich wissen.

Das Thema Geld passt einfach. Sowohl zur aktuellen Gefühlslage der Nation als auch zum Wedding. Dabei geht es nicht nur um die nackte Existenzangst, wenn einem halt das Geld ausgeht. Auch die Kreativen, Studenten oder Normalverdiener, die für das Magazin nach ihrem Einkommen befragt wurden, sind von einer finanziellen Sorglosigkeit Lichtjahre entfernt. Was nicht ausschließt, dass sie sich auch mal etwas gönnen. Mit seiner fünften Ausgabe ist „Der Wedding“ reif geworden und kann niemanden kalt lassen, der im Berlin des Jahres 2013 lebt. Willkommen zurück.

“Der Wedding” im Handel

Das Magazin wird berlin- und deutschlandweit für 6,99€ in diversen Buch-und Zeitschriftenläden sowie zusätzlich in Weddinger Bars und Cafés vertrieben.

Verkaufsstellen

Rezension der Ausgabe zum Thema Arbeit

ExRotaprint: Strahlkraft für Kunst und Gewerbe im Wedding

Das Projekt ExRotaprint steht für eine behutsame Entwicklung des Kiezes an der Reinickendorfer Straße in Berlin-Wedding. Denn die Gesellschafter der gemeinnützigen ExRotaprint-GmbH profitieren nicht von den Einnahmen des Geländes und können bei Verkauf ihrer Gesellschaftsanteile keinen Mehrwert realisieren. Dadurch kann langfristig stabil zu selbst geschaffenen Konditionen gearbeitet werden. Dass sie gerade hier bleiben und alles langfristig gestalten können, darin liegt für die Initiatoren der wirkliche Profit.

Klaus Kirsten – den Namen dieses Architekten dürften nur die wenigsten kennen. Die von ihm gebauten Häuser sind kaum bekannt, sein Lebensweg ist schwer zu rekonstruieren.  Hingegen sind die Erweiterungs- und Ergänzungsbauten der Fabrik „Rotaprint“ in Berlin-Wedding, die er als junger Architekt in den Fünfzigerjahren realisierte, umso bemerkenswerter. „Gerade die Architektur dieser Gebäude hat uns dazu inspiriert, uns hier dauerhaft zu engagieren“, sagt Daniela Brahm, Gesellschafterin der „Ex-Rotaprint“- gGmbH und zusammen mit Les Schliesser und Anna Schuster Mit-Initiatorin von ExRotaprint. Man sieht ihr auch nach zehn Jahren noch die Begeisterung für diesen einzigartigen Gebäudekomplex im Wedding an. Die Künstlerin hat ihr Atelier in einem der beiden Gebäudeteile aus den Fünfzigerjahren. „Der Eckbau an der Gottschedstraße und dieses Gebäude sind wie ungleiche Zwillinge“, findet Daniela Brahm. Das repräsentative Quergebäude hingegen, das durch seine riesige, rechteckige Glasfront beeindruckt, bietet sich für die Einbindung in die Öffentlichkeit geradezu an: „Hier könnten wir uns perspektivisch eine Art Kongresszentrum vorstellen“, sagt Daniela Brahm mit einem Augenzwinkern. Das geht bei diesem Modell nicht kurzfristig – es ist klar, dass die Sanierung der erhaltenen Fabrikgebäude nur langfristig vonstatten gehen kann: „Hier soll etwas Dauerhaftes passieren. Die Leute, die sich hier engagieren, wollen in Berlin etwas aufbauen, was funktioniert.“

Die einzigartige Architektur der früheren Fabrik für Druckoffsetmaschinen, die zwar noch Bauten aus der Vorkriegszeit umfasst, aber keine Fertigungshallen mehr, ist ein Alleinstellungsmerkmal. Auch Außenstehende vermag diese Architektur für das gesamte Projekt zu begeistern. Das Umfeld, ein sozial schwacher Kiez, erfordert zudem Rücksicht – anders als es Immobilienspekulanten für gewöhnlich tun: „Wir wollen den Standort hier nicht überrollen und ihm etwas Fremdes überstülpen“; erklärt Brahm. „Daher haben wir hier zu je einem Drittel eine Nutzung durch soziale Träger, Gewerbe und Kulturwirtschaft. Fast die gesamten 10 000 Quadratmeter sind vermietet.“ Das Kleingewerbe – immer noch typisch für den Ortsteil – soll so einbezogen und eben nicht verdrängt werden. Daniela Brahm weiß, wovon sie spricht: sie hat „ihren“ Verdrängungsprozess ab 1990 in Berlin-Mitte erlebt: „Da ist es mir später fremd geworden“, sagt sie, „als Künstler haben wir uns durch unsere Vorarbeit selbst hinausgetrieben.“ Die so genannte Gentrifizierung droht dem Gebiet rund um die Reinickendorfer Straße zwar nicht im gleichen Maße wie die historische Innenstadt, aber man kann man schon von der obersten Etage des Fabrikgebäudes sehen, dass Luxus-Dachgeschosse entstanden sind, erzählt Daniela Brahm.  Die Künstlerin kennt diesen Teil des Wedding seit über einem Jahrzehnt und ist sich bewusst, dass das von ihr mitverantwortete Projekt auch eine Strahlkraft für den Kiez besitzt: „Man macht letztlich immer mit bei der Aufwertung eines Viertels – aber dieser Kiez kann das gut gebrauchen!“

Wie kam es zum Grundstückskauf?

Damit das Gelände nicht der Immobilienspekulation anheimfallen konnte, war viel Geschick erforderlich: dass es im September 2007 gelungen ist, die Fabrik durch die „ExRotaprint gGmbH“ zu übernehmen, war ein Signal des Aufbruchs. Einige der damaligen Mieter der Rotaprint-Fabrik gingen gemeinsam vor, um zu verhindern, dass das Areal vom Berliner Liegenschaftsfonds an einen Investor verkauft wird, Damit wollten sie der Perspektivlosigkeit der Rotaprint-Fabrik etwas entgegensetzen. Die Rechtsform einer nicht-gewinnorientierten gemeinnützigen GmbH war der Kompromiss, auf den sich die damaligen Akteure nach langen Diskussionen einigten. Zwei Stiftungen, deren Zielsetzung es ist, sich gegen die Spekulation mit Grund und Boden zu richten und Alternativen zu fördern, halfen beim Kauf des Grundstücks. Mit den Stiftungen hat die ExRotaprint gGmbH einen 99-jährigen Erbbaupachtvertrag geschlossen und ist somit alleinverantwortliche Betreiberin des Geländes. Statt sich für den Grundstückskauf zu verschulden, können die Mieteinnahmen und Kredite nun für die dringend benötigte, behutsame Gebäudesanierung verwendet werden. Darin liegt der entscheidende Vorteil für ExRotaprint.“Es ist ja so, dass die Bauten der Fünfzigerjahre nur aus Beton, Glas und Stahl bestehen und dadurch sehr energieintensiv sind“, erklärt Brahm die heutige bauliche Situation einiger Gebäudeteile.“

Schon beim Tag des Offenen Denkmals 2007, als die Architektur der Nachkriegsmoderne im Mittelpunkt stand, fanden sich erstmals zahlreiche Besucher zu den von Daniela Brahm und dem Architekten Bernhard Hummel geführten Besichtigungstouren in der Fabrik ein. Auch in den folgenden Jahren fanden viele Interessierte den Weg auf das Rotaprint-Gelände. „Die Architektur gibt uns die Energie für dieses Projekt, und deswegen haben wir’s gewagt“ – für Daniela Brahm ist es das, was das Projekt ExRotaprint so attraktiv macht.

Zu vermieten sind dauerhaft ein Projektraum und Gästewohnungen. Seit einigen Jahren gibt es auch eine Kantine, die die Mieter und die Nachbarschaft mit Frühstück, Mittagessen, Kaffee und Kuchen versorgt. Sie bietet gutes Essen für Alle zu fairen Preisen. Das Team der Kantine kann für das Catering von Veranstaltung in und außer Haus gebucht werden.

ExRotaprint

Gottschedstr. 4/Reinickendorfer Str.

U Nauener Platz

Beitrag auf panke.info

„Der Wedding #4“: Der Westen in Grau

Der Wedding hat viele Seiten. Wer aber in der vierten Ausgabe des gleichnamigen Magazins Geschichten aus diesem Ortsteil sucht, wird nur wenig über den Wedding erfahren. Vordergründig zumindest.

Denn dieses Mal haben sich die Macher ganz ihrem klein gedruckten Untertitel „Magazin für Alltagskultur“ verschrieben, während „Der Wedding“ zwar als Titel ins Auge springt, im Heft aber eigentlich kaum vorkommt. Man hat den Eindruck, der Wedding ist mit seiner einmaligen Mischung aus unaufgeregten Alltäglichkeiten in den vorherigen Ausgaben des Magazins auserzählt. Etwas wirklich Neues können die Magazinmacher ihm wohl nicht mehr abgewinnen. Sei’s drum. Den Ärger darüber kann man getrost herunterschlucken.

So klar und so aufgeräumt wie diese Ausgabe war „Der Wedding“ noch nie zuvor. Seriös und nüchtern kommt das bislang so verspielt wirkende Magazin jetzt daher. Selbst die Farbfotos wirken in dem spröden Layout blutleer und ausgewaschen. Irgendwie scheint alles von gestern zu sein. Das passt dann auch gut zum Leitthema „Westen“.  Das unzeitgemäße Thema liegt oberflächlich betrachtet auf der Hand, wird doch der Wedding manchmal „der Osten des Westens“ genannt. Als Grenzbezirk war der Wedding am 9. November 1989 der erste Ort, an dem die von der Bösebrücke strömenden Ostberliner in den Westen gelangten. Doch davon kommt im „Wedding #4“ wenig vor. Das Magazin versucht eher, das Lebensgefühl und das Bild des Westens in Worte und Bilder zu fassen. Es geht um das verloren gegangene West-Berlin, die alte Bundesrepublik, den Mythos des Goldenen Westens, der in Wirklichkeit so golden nicht war und konsequenterweise auch in diesem Magazin auch nicht so daherkommt.

Die Fotos, die Reportagen, die Porträts und die gestalterischen Ideen sind von gewohnt hoher Qualität. Allein deshalb lohnt sich die Anschaffung der vierten Ausgabe. Auch wenn man nicht so viel Wedding erwarten sollte: es geht um das, was es im Wedding genauso gibt wie woanders. Nach der Logik dieser Ausgabe bedeutet das: um etwas vom Wedding zu sehen, kann man ebenso ins Ruhrgebiet schauen.

Der Wedding #4 ist in Bahnhofsbuchhandlungen und Weddinger Buchhandlungen und Geschäften erhältlich. Er kostet 6,99 Euro.

Herausgeber: Axel Völcker,Chefredakteurin: Julia Boek

Eine Rezension der dritten Ausgabe von „Der Wedding“ auf diesem Blog

Hommage an eine Hauptschlagader: „Die Müllerstraße“

„Die Müllerstraße“ – ein Sonderheft des Magazins „Der Wedding“ ist am 18. Juni 2011 neu erschienen. Keine Überraschungen für Kenner dieser Straße- zum Glück!

Foto: S+U Bahnhof Wedding
Am südlichen Ende der Müllerstraße wird der Name des Ortsteils recht eindeutig erwähnt.

Julia Boeck und Axel Völcker haben ein Talent. Sie haben es mit ihrem Magazin „Der Wedding – Magazin für Alltagskultur“ schon mehrfach unter Beweis gestellt. Sie sind in der Lage, eigentlich schwer fassbare Dinge wie das Erscheinungsbild eines heterogenen Stadtviertels, seine Bewohner mit ihren unterschiedlichen Ansichten und Lebensweisen mit historischen Fakten unter einen Hut zu bringen. Das Gesamtbild beschönigt nichts, sondern trifft den Nerv – genau so empfinden die meisten den Charakter des Wedding. Dafür bedienen sich die Macher des Magazins bewusst einer enormen Bandbreite von Stilmitteln.

Zweifellos trifft dies auch auf „Die Müllerstraße“ zu. Diese Ausgabe unterscheidet sich von den bisherigen Heften von „Der Wedding“ nur durch die monothematische Fokussierung auf eine letztendlich doch sehr lange Straße mit vielen Facetten. Das Durchblättern ist eine Freude: das Layout wirkt im Vergleich zum „Magazin für Alltagskultur“ ein wenig aufgeräumter mit weniger (dafür zeitlosen) Schriftarten und einer konsequenten, fast symmetrisch wirkenden Struktur. Die Porträts der letzten Traditionsgeschäfte an der Straße befinden sich genau in der Mitte, in einem etwas kleinformatigeren „Magazin im Magazin“.

Anlass für das Sonderheft war eine öffentliche Förderung: die gute alte Müllerstraße wurde zu einem riesigen Sanierungsgebiet erklärt, wodurch auch Mittel für die Herstellung dieses Magazins freigesetzt wurden. Da kommt dann auch schon mal der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung und hält ein Grußwort zur Veröffentlichung.

Zum Glück für die Leser konnten Boeck und Völcker dafür aus dem Vollen schöpfen. Diesen Eindruck hat man, wenn man die aufwändige Gestaltung der werbefreien Seiten beim Durchblättern wahrnimmt. Fast schon luxuriös viel Platz haben die teils ganzseitigen Fotos von ganz normalen Menschen in ihren Wohnungen, Traditionsläden oder in der Markthalle. Die Bilder führen zwar zu einer künstlerischen Überhöhung der Normalität, aber treffen immer noch den Charakter der Straße: „In den Achtzigern stehengeblieben“ steht im Begleittext. Man blättert, man schaut die Bilder an und denkt: genau so ist auch die Straße.

Wenn sich einst durch eine neue Müllerhalle, neue Stadtmöbel, die neue Bibliothek, neue Bewohner oder neue Cafés ihr Erscheinungsbild ändern sollte, werden wir froh sein, dass der heutige Zustand des einstigen „Boulevard des Nordens“ in diesem Magazin für immer festgehalten sein wird. Ist das Sanierungsvorhaben dann beendet und die Müllerstraße, wie wir sie heute kennen, längst Vergangenheit, ist zu hoffen, dass es dann eine weitere Ausgabe von „Die Müllerstraße“ geben wird. Auf die Fotos, die Porträts und die Grafiken freue ich mich schon jetzt.

Nur das Titelbild, ein Detail, das in einer Ecke des Traditionsgeschäfts „Hosen spezial“ entstand, hätte doch etwas aussagekräftiger sein dürfen. Nichts ist von der Straße zu sehen, die doch den Daseinszweck der Zeitschrift darstellt.

Arbeit im Wedding – wie man’s nimmt….

Titel "Der Wedding" Nr. 3Arbeit im Wedding? „Erst die dritte Ausgabe, und schon fällt den Schreiberlingen des Magazins Der Wedding kein lebensnahes Thema mehr ein“, möchte man spontan ausrufen. Einspruch! Der Erwerb der Zeitschrift lohnt sich gerade deswegen. Die Frage ist nur, wie man Arbeit definiert.

Im historischen Kontext  ist der Arbeiterbezirk Wedding geradezu der Inbegriff für Maloche im Berliner Stadtgefüge. Ohne AEG, Schering und Osram hätte der Stadtteil heute ein anderes Gesicht. Dennoch: die nur 25 Jahre alten Schwarzweiß-Fotos im Magazin wirken nicht nur wie Bilder aus einer anderen Zeit, sondern auch wie aus einer anderen Stadt. Die Müllerstraße von damals, auf der noch „niemand herumsteht“, weil die meisten auf Arbeit sind, ist heute die Straße, auf der viele Leute herumlaufen, für die in der heutigen Arbeitswelt kein Platz mehr ist. Die Menschen sind aber dennoch da, und so gesehen ist bereits das Nichtvorhandensein eines (gut) bezahlten Arbeitsplatzes ein Thema im neuen Der Wedding. Das Magazin zeigt die, die 35 Stunden arbeiten und trotzdem kaum mehr haben als die Stütze – ebenso wie die, die in Bewerbungstrainings Lebensläufe schreiben lernen, nur um einen weiteren Punkt zu ihrem Lebenslauf hinzuzufügen.

Wie der Lebenslauf eines Kreativen heute aussieht – und wie der seiner Mutter vor vierzig Jahren aussah, lassen die Macher des Magazins unkommentiert nebeneinander stehen. Dafür wird die schöne neue Arbeitswelt aber umso treffsicherer mit aussagekräftigen Zahlen analysiert. Ebenso der Wandel der Begrifflichkeiten: „sparen“ für’s Alter ist out, dafür soll heute „privat vorgesorgt“ werden. Was die unständig Beschäftigten aber nicht tun. Immer in dem Bewusstsein, dass die gesetzliche Rente nicht reichen wird und man eben im Alter weiterarbeiten muss. Oder betteln gehen wird. Dies ist ebenso ein Aspekt des Begriffs „Arbeit“. Ist früher schon einmal jemand auf die Idee gekommen, Bettlern ihr Pappschild – teilweise mit komplizierten Erklärungen – abzukaufen? Begegnungen der dritten Art im Wedding…

Aber wer sagt denn, dass man unbedingt „arbeiten müssen“ muss? Man kann es auch freiwillig tun – so wie einige Rentner, die sich betätigen wollen, so lange es gesundheitlich noch geht. Auch diese gar nicht so alltäglichen Porträts finden sich im Magazin für Alltagskultur.

Es muss nicht mehr erwähnt werden, dass das Layout und die Fotostrecken wieder eine qualitativ hochwertige Reminiszenz an den Alltag sind. Hinter der so gewöhnlich aussehenden Optik mit den uninspiriert wirkenden Schriftarten und dem Verzicht auf Grafik im künstlerischen Sinn steckt Absicht. Der Wedding bemüht sich auf diese Art, den Durchschnitt und das Unspektakuläre in Szene zu setzen. Daher kommen darin auch Leute zu Wort, die in anderen Zeitschriften niemals auftauchen würden. Sicher nur in diesem Magazin werden Menschen auf der Straße zu dem Weddinger Lieblingsbeinkleid befragt, und heraus kommen keine spöttischen Betrachtungen, sondern eine Kulturgeschichte der Jogginghose. Ernst gemeint. Damit wird die Zeitschrift erneut dem hoch gesteckten Anspruch gerecht, nicht nur den gleichnamigen Berliner Ortsteil abzubilden, sondern ein Stück deutsche Großstadtrealität, die auf viele Städte übertragbar sein könnte.

In Berlin-Wedding zu wohnen, kann übrigens auch ein Privileg sein. Dort kostet „Der Wedding“ nämlich einen Euro weniger als woanders. Die fünf bzw. sechs Euro sind aber in jedem Fall gut investiert. Egal, ob man sie durch eine Erwerbstätigkeit, Selbständigkeit oder Betteln erarbeitet hat.

Mehr im Internet: http://derwedding.de

„Der Wedding“ ist ab sofort in ausgewählten Geschäften sowie im Bahnhofsbuchhandel erhältlich.