Das Wichtigste der Woche im Wedding

Screenshot von Twitter

10.8.2019 Der Wedding ist ja jeden Tag ein Ereignis, laut Meteorologen war der Regen vom vergangenen Freitag sogar ein Jahrhundertereignis. 61 Liter kamen innerhalb einer Stunde aus den Wolken, und damit mehr als sonst in einem Monat. Auch in den anderen Bezirken regnetet es viel, aber nirgendwo so viel wie im Wedding. Der Tagesspiegel hat das Ereignis mal etwas genauer unter die Lupe genommen. Regenmenge war ein „Jahrhundertereignis“. Was war sonst noch los in der ersten Woche nach den Ferien?

In der Wetterstation Wedding wird geforscht

Wie entwickelt sich das Klima im Brunnenviertel?
Wie entwickelt sich das Klima im Brunnenviertel?

Klimatologen der Technischen Universität Berlin nehmen derzeit das Wetter nördlich der Bernauer Straße ganz genau unter die Lupe. Sie installieren im Rahmen des Projektes „KiezKlima“ kleine Wetterstationen in Kindertagesstätten im Brunnenviertel. Die werden auf einer Wetterkarte im Internet veröffentlicht. So kann man beispielsweise erfahren, wie warm es gerade in der Graunstraße gerade ist. Auf der Wetterkarte sind mehr als 1000 Orte in Berlin verzeichnet. Die neuen Wetterstationen im Brunnenviertel sind jedoch keine Spielerei für Hobbyklimatologen, sie dienen der Forschung.

„Weddingwandler“: Lern‘ Deinen Nachbarn kennen!

Nur noch kurz die Welt retten – das hat sich als illusorisch erwiesen. Eine schnell wachsende Gruppe von engagierten Weddingern möchte die Veränderungen im unmittelbaren Umfeld beginnen – und so einen ganz neuen Zusammenhalt im Kiez erreichen.

Julian Gröger„Spätestens nach dem gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen war mir klar: es wird kein Wandel von oben kommen“, sagt Julian Gröger. Wenn sich etwas ändern soll, muss der Aufbruch von der Bevölkerung ausgehen. Dies ist der Ansatz der „Transition Town“-Bewegung, eine gleichermaßen ökologische wie soziale Initiative mit vielen Ansätzen: „Unsere materialistische Gesellschaft basiert auf der Verschwendung begrenzter Ressourcen“, erklärt der 31-jährige Umweltmanager. Die Energieerzeugung durch fossile Brennstoffe, eine industrialisierte Landwirtschaft, eine Wegwerfgesellschaft oder Hausgemeinschaften in der Mietfalle – wer daran etwas ändern möchte, kann als Einzelperson schnell verzweifeln. Für Julian fängt es damit an, den heutigen Zustand nicht als den Höhepunkt der Zivilisation zu akzeptieren.

Nicht nur bei sich selbst sollte man etwas ändern, sondern am besten auch sein Umfeld mit einbeziehen: „Um gemeinsam mehr zu erreichen, müssen wir uns erst einmal in unserer Nachbarschaft kennenlernen“, glaubt Julian. In seinem Kiez in der Utrechter Straße gibt es mit einer Erzeuger- und Verbrauchergemeinschaft, die sich von einem Biobauernhof in Brandenburg beliefern lässt, schon einen Anknüpfungspunkt. Seit letztem Jahr versuchten Julian und seine Frau mit thematischen Filmabenden weitere Mitstreiter für den Aufbau einer Weddinger Transition-Town-Gruppe zu gewinnen.

Seit Frühjahr 2013 sind die „Weddingwandler“ schon mit mehreren Aktionen auf dem Platz in der Malplaquet-/ Ecke Utrechter Straße in Erscheinung getreten, wie z.B. einer kostenlosen Fahrradreparatur. „Wie, ihr wollt dafür nichts haben?“, wunderten sich vor allem ältere Kiezbewohner. „Wir sind doch Nachbarn“, entgegnen dann die Weddingwandler. „Geben ist eine Qualität“, erklärt Julian, „aber für manche ist es auch nicht leicht, etwas annehmen zu können.“ Die Bewegung möchte der Nachbarschaft einen Rahmen geben. So ist z.B. die Aufstellung eines Schranks im Café TassenKuchen geplant, in den die Kiezbewohner Tauschgegenstände legen können.

Julian und SophiaDie etwa 20 Aktiven bei den Weddingwandlern organisieren sich in verschiedenen, thematischen Untergruppen, um Modelle zu entwickeln und Aktivitäten zu planen. Dazu gehören auch gemeinsame Ausflüge, Textilwerkstätten und die gemeinsame Weiterbildung im Erwerb von verloren gegangenen Fertigkeiten. „Ich glaube nicht, dass in Krisenzeiten die Stunde der Großfamilie wieder schlägt“, sagt Julian. „Besser wäre es, wenn wir uns auf den Wandel vorbereiten, indem wir ein soziales Netz bilden, wie es früher in Dörfern funktioniert hat.“ Um in Zukunft in veränderten Rahmenbedingungen überleben zu können, muss der Einzelne wieder lernen, mit mehr Menschen auszukommen, glaubt der gebürtige Holsteiner.

Dass Berlin kein Dorf ist, wissen auch die Weddingwandler. Bis jetzt sind überwiegend Studenten und Akademiker zwischen 20 und 40 Jahren dabei, aber der nachbarschaftliche Ansatz bezieht bewusst auch Ältere und Migranten mit ein. Der Begriff „Nachbarschaft“ zeigt zugleich aber auch die Grenzen der Transition Town-Bewegung auf: die Ideen der kleinteiligen, widerstandsfähigen Strukturen lassen sich nur im direkten Umfeld organisieren, schon eine Ausweitung auf den ganzen Wedding wäre eine logistische Herausforderung. „Wir brauchen eine Art kommunale Intelligenz“, findet Julian. Und so müsste es in jedem Kiez eine Gruppe geben, die Nachbarschaft, Gemeinschaft und Austausch fördert. Vielleicht lässt sich ja so die Welt tatsächlich retten…

Website der Weddingwandler mit Übersicht über die Gruppen und die nächsten Termine