Weddinger Wochenmärkte

Wochenmarkt Genter Str„Ham‘ Se schon jehört?“ Tja, auf einem Markt werden eben nicht nur Waren ausgetauscht, sondern auch Informationen. Besonders heute, in Zeiten von Onlinehandel und recht anonymen Supermärkten, ist ein Marktbesuch eine gute Möglichkeit, Produzenten und Händlern wieder Auge in Auge gegenüberzustehen, ein Gespräch zu führen und Fragen zu den Produkten zu stellen. Einkaufen hat so auch wieder etwas mit Sozialkontakten zu tun, und teurer ist ein Markteinkauf auch nicht unbedingt. Seit dem Verschwinden der alten Müllerhalle gibt es keinen überdachten Markt mehr im Wedding. Somit ist der Marktbesuch eher etwas für Tage mit trockenem Wetter. Doch wo gibt es im Wedding Wochenmärkte und an welchen Tagen? Hier ein Überblick…

GESCHLOSSEN: „Frack du lac“: Second Hand-Trends entdecken

Frack du lac 2„Leben“ prangt noch in großen Lettern über dem Second-Hand Geschäft „Frack du Lac“ in der Kameruner Straße 43. So lässt sich das alte Lebensmittelgeschäft nur noch erahnen. Heute gibt es hier ein großes Sammelsurium an funktionalen Textilien für Sie und Ihn. Das Sortiment reicht von Hosen, Jacken, Pullover, Shirts, Schmuck bis hin zu zahlreichen Accessoires. In dem kleinen Laden vergisst man schnell die Zeit, denn es gibt Vieles zu entdecken. Gleich vor dem Geschäft fällt die „Free Box“ ins Auge. Hier kann sich der Kunde gern ein Kleidungsstück seiner Wahl kostenlos mitnehmen.

Soleil du Sud – Second Hand und ein Café

Vielleicht braucht es den Mut und die Verwegenheit einer Französin, um ausgerechnet auf der Schwedenstraße ein Geschäft für Frauenmode zu eröffnen. Roseline Russell machte „Soleil du Sud“ bereits 2006 auf und verbindet dort Pariser Mode und Berliner Second Hand-Style. Dazu kommt seit kurzem auch ein Café.

Soleil du Sud

AKTUALISIERT 2018 Auf der Schwedenstraße rauscht der Verkehr lautstark zwischen Osloer und Badstraße auf und ab. Von den Spielcasinos, die sich mit ihren zugeklebten Fenstern wie ein farbenfrohes Geschwür ausgebreitet haben, liegen hier gleich drei Stück nahe beieinander. Es gibt einen Kiosk, einen An- und Verkauf-Laden, türkische Bäckereien und so viel Leerstand wie sonst nur noch selten im Wedding. Daran, dass hier ein Modeladen existiert, glaubt man erst, wenn man vor ihm steht oder im Weddingweiser davon liest.

Soleil du Sud von außenRoseline Russell sitzt auf einer kleinen pinkfarbenen Bank vor ihrem Laden und erzählt mit französischem Akzent von der Bar, die sich früher in der Hausnummer 15b befand. Tatsächlich ist von außen noch gut erkennbar, dass hier früher eine Kneipe war. Nachdem sie geschlossen wurde, stand das Geschäft längere Zeit leer. Da sie damals ohne Job war und im selben Haus wohnt, kam Roseline auf die Idee, dort eine eigene Boutique zu eröffnen. Das war im November 2006. Anfangs verkaufte sie nur Ware aus zweiter Hand, die eine Freundin in Paris einkaufte, verpackte und dann in die Schwedenstraße schickte. Inzwischen kauft Roseline Kleidung und Schmuck als Neuware aus Frankreich, doch ein Großteil ihres heutigen Angebots besteht aus Second Hand Artikeln, die sie von Berlinern erhält. Man kann seine Kleidung als Kommisionsware im Laden abgeben und erhält nach dem Verkauf die Hälfte des Ladenpreises.

Soleil du Sud Das Innere des Ladens wirkt, als hätten sich ein Wohnzimmer, eine private Schmuckausstellung und ein begehbarer Kleiderschrank im gleichen Raum verabredet. Die Wandfarben schaffen ein sommerlich-mediterranes Flair. Auf alten Möbelstücken liegen Halsketten, Ohrringe und anderer Schmuck ausgebreitet. Dazwischen stehen Kleiderständer und Schaufensterpuppen mit leichten Kleidern, Blusen und Jacken. Couch und Sessel laden zum Sitzen ein. Sans aucun doute, es ist gemütlich hier. Wer für den Frühling noch ein originelles Kleidungsstück abseits der ausgelatschten Modepfade sucht und in entspannter Atmosphäre stöbern möchte, sollte unbedingt mal im „Soleil du Sud“ vorbeischauen. „Und woher kommt jetzt die Katze?“, frage ich Roseline, als wir wieder auf der Bank sitzen. „Sie kommt mich ab und zu besuchen, ich wohne doch hier im selben Haus.“ Ach so, stimmt ja.

Foto: Soleil du Sud

Und ab 10. März 2018 verwandelt sich der kleine Laden auch noch in das „Café de Paris“ mit einem kleinen Barbetrieb.

Soleil du Sud
Schwedenstraße 15b, 13357 Berlin (nähe U-Bhf Osloer Straße)

Di – Sa 16-22 Uhr
Website

Montagehalle Berlin: Der Stoff, aus dem Weddinger Mode ist

Die Montagehalle ist ein heller, freundlicher Ort – irgendwie aufgeräumt, aber doch gemütlich. Es gibt raue, weiß verputzte Wände, eine Regalwand mit künstlerischen Grafiken. Da sind farbenfrohe Tücher zu bewundern und Jersey-Schlangen in (fast) allen Regenbogennuancen, die berühmten „Frühlingsröllchen“. Etliche Kleiderpuppen und -ständer präsentieren Shirts, Röcke und Roben von leuchtend bunt über flippig mit Stempeldrucken bis dezent und edel.

Der Name „Montagehalle Berlin“ ist einerseits das Label der gemeinsamen Kollektion von Annette Haußknecht und Suse Stock, andererseits der Name ihres Geschäftes in der Togostraße 79 a in Berlin-Wedding. Es ist gleichzeitig Verkaufsstätte und Arbeitsplatz für zwei Modeschaffende und eine Grafikerin, eine Kreativwerkstatt eigentlich. So gesehen ist die „Halle“ im Namen wohl mit einem Augenzwinkern gemeint.

Im weißen Kittel geheiratet

Eine Kundin in der "Montagehalle"
Eine Kundin in der „Montagehalle“

„Kittel, damit fing es bei mir an. Praktische Kleidungsstücke mit Taschen für allen möglichen Krimskrams sollten es sein“, erzählt Suse Stock, die Modedesign studiert hat. Dass ihre Kittel nichts mit jenen zu tun haben, die Oma früher praktisch Tag und Nacht getragen hat, davon kann man sich in der Montagehalle Berlin überzeugen. Sie werden – wie alle Kleidungsstücke der Kollektion – maßgeschneidert. Es gibt unter anderem Varianten aus Jeans oder Seide, mal sportlich, mal elegant. Sogar alte OP-Kittel kommen, komplett umgearbeitet, zu ganz neuen Ehren. „Der Stoff ist wunderbar weich, weil er unzählige Male gewaschen wurde“, so Suse Stock.

Wie zum Beweis, dass sie von ihrer Geschäftsidee überzeugt ist, erzählt die gebürtige Düsseldorferin:  „Ich selbst habe sogar in einem weißen Seidenkittel geheiratet. Als Gag war eine kleine grüne Zielscheibe mit Pfeil darauf appliziert. Mein Mann trug die Gleiche am Anzug.“

„Wir verdrehen uns nicht!“

 Annette Haußknecht (links) und Suse Stock
Annette Haußknecht (links) und Suse Stock

Annette Haußknecht, die ursprünglich Architektin war und eher zufällig in die Modebranche gekommen ist, erklärt, dass jede von ihnen ihre eigenen Sachen produziere und die Arbeitsstile sehr unterschiedlich seien. „Suse zeichnet Skizzen und sucht danach die Stoffe aus. Ich hingegen mache das frei Schnauze. Ich habe einen Stoff und überlege mir dann, was ich draus mache“, erklärt die 42-jährige. So entstehen ausschließlich Unikate, die eine eigene Handschrift tragen: „Ballonröcke sind beispielsweise eine Spezialität von mir“, sagt Annette Haußknecht, die ebenfalls aus dem Rheinland stammt. „Wir inspirieren uns gegenseitig, lernen voneinander. Trotzdem verdrehen wir uns nicht, bleiben, wie wir sind.“ ergänzt Suse Stock. Weil das gut klappt, gibt es auch eine gemeinsame Kollektion.

Immer auf der Suche nach dem besonderen Stoff

Handgemacht und einzigartig: Frauenmode in der Montagehalle

Was beide Frauen besonders verbindet, ist die Liebe zum „Rohstoff“ ihres Schaffens. Oft begeben sie sich gemeinsam auf die Suche, nach den besonderen Stoffen, nach den kleinen, aber feinen Chargen. Und als logische Konsequenz verarbeiten sie die sorgfältig gewählten Textilien auch auf ganz besondere Weise. So werden zum Beispiel Webkanten als optisches Stilmittel in Szene gesetzt oder aus Probedrucken vom Anfang eines Stoffballens entstehen T-Shirts mit klaren graphischen Mustern.

Auf die Frage, wie handgemachte Mode sogar im Wedding funktioniert und wie es dazu gekommen ist, antwortet Annette Haußknecht: „Wir sind bewusst im Wedding, auch, um den Ort aufzuwerten. Wir wohnen hier, daher arbeiten wir auch hier.“ Die beiden Modemacherinnen wissen, dass ihr Geschäft einzigartig im Wedding ist. „Anfangs war ich schockiert, wenn die Leute nicht an uns glaubten. Wenn sie hier hereinkamen und uns ihre Zweifel mit der teilweise rauen Berliner Art rüberbrachten“, erinnert sich Annette Haußknecht.  Inzwischen ist es anders:  man ist bekannt, man wird erkannt.

Hochwertig und einzigartig

Von außen präsentiert sich die Montagehalle Berlin sehr exklusiv, fast minimalistisch. Hochwertig sind die Sachen von Suse Stock und Annette Haußknecht gewiss, keineswegs jedoch teuer. Die beiden bieten maßgeschneiderte Frauenkleidung zu echten Weddinger Preisen. Änderungen sind (fast) immer machbar.

Es lohnt sich, einzukehren und zu stöbern. Herz und Zentrum der Montagehalle Berlin bildet ein großer Tisch; gleichzeitig Arbeitsplatz für zwei, manchmal Zwischenstopp für den Nachwuchs zwischen Schule und daheim, immer auch Beratungsort. Annette Haußknecht meint: „Ich bin absolut überzeugt von Suses Sachen und sie von meinen. Wir stecken so viel Herzblut in die Arbeit, dass wir uns freuen, wenn die Kunden gezielt zu uns kommen.“

Autorin: Birgit Wahle

Montagehalle Berlin

Togostr. 79a
13351 Berlin

Tel. 030/81 70 55 12
info(at)montagehalle-berlin.de

Aktuelle Öffnungszeiten: Mo und Mi 15-18, Di und Do 9-12 Uhr
und immer wenn die weiße Fahne draußen hängt