In Berlin mussten schon zahlreiche Kitas schließen, weil die Nachfrage nach Kitaplätzen drastisch zurückgeht. Die Zeiten, zu denen dieses noch als „Entspannung“ interpretiert werden konnte, gehen auch im Wedding definitiv zu Ende. Denn auch hier werden inzwischen drastisch weniger Kinder geboren als noch vor wenigen Jahren. Das liegt vor allem am immer knapperen Angebot an bezahlbarem, familiengerechtem Wohnraum. Aber neue Muster der Zuwanderung nach Berlin wirken.

So lebten zum Jahresende 2019 insgesamt 4.832 Kinder unter sechs Jahren im Ortsteil Wedding, drei Jahre später waren es fast noch genauso viele. In den letzten drei Jahren allerdings brach die Zahl der gemeldeten Kinder im Vorschulalter ein: in ganz Berlin um ein Zehntel – und im Ortsteil Wedding sogar besonders drastisch um 14 Prozent oder ein Siebtel. Fast 700 Kinder weniger im Kita-Alter, das heißt: Es werden im Ortsteil etwa zehn durchschnittlich große Kitas weniger benötigt als noch 2022/23.
Ursache für diese dramatische Entwicklung ist zum einen ein starker Rückgang der Geburtenrate. Jede Frau hätte im Jahr 2016 in Berlin während ihres Lebens hypothetisch noch etwa 1,5 Kinder in die Welt gesetzt, acht Jahre später, 2024, kommt die „zusammengefasste Geburtenziffer“ aber nur noch auf 1,2 – und im Bezirk Berlin-Mitte sogar nur auf 1,04.

Besonders stark zurück geht dabei die Geburtenrate bei nichtdeutschen Frauen, wiewohl sie immer noch über der der deutschen Staatsbürgerinnen liegt. Im Bezirk Mitte haben fast die Hälfte der jungen Frauen im Alter zwischen 25 und 35 keinen deutschen Pass.
Auch Veränderungen in den Mustern der Zuwanderung wirken. Das Bevölkerungswachstum Berlins speiste sich insbesondere bei jüngeren Erwachsenen bis vor wenigen Jahren noch vor allem aus einer stetigen Zuwanderung aus anderen EU-Staaten. Die Wanderungsbilanz mit der EU ist inzwischen ins Negative gekippt: Es gibt mehr Wegzüge Zugewanderter als Zuzüge, und das auch bei Ländern wie Rumänien und Bulgarien, deren Staatsangehörige hier besonders häufig Familien gründeten. Dafür kommen jetzt verstärkt junge Erwachsene aus Ländern wie Indien, mit denen Deutschland Migrationsabkommen abschloss. Die Pioniere dieser neuen Welle der Arbeitsmigration zögern jedoch offenbar, ihre Familien nachzuholen, weil sie die Lage noch sondieren.

Es braucht oft mehrere Jahre, bis junge Erwachsene in einer neuen Heimat Familien gründen. Eine Voraussetzung ist dabei allerdings die Verfügbarkeit von familiengerechtem Wohnraum. Der ist in Berlin derzeit aber absolute Mangelware: Für junge Paare ist es hier fast unmöglich geworden, bezahlbaren familiengerechten Wohnraum zu finden, wenn sie nicht über ein Netzwerk von persönlichen und familiären Beziehungen verfügen.
Sozialer Wohnungsbau findet kaum noch statt, jedenfalls nicht annähernd in ausreichendem Maß. Freifinanzierte Wohnungen oder Eigentumswohnungen sind für junge Familien meist unerschwinglich, selbst wenn sie teilweise in Wachstumsbranchen sogar überdurchschnittlich gut verdienen.
Dabei ist Berlin im internationalen Vergleich mit knapp 40 qm pro Person relativ üppig mit Wohnraum ausgestattet – allerdings nur statistisch. Der Berliner Wohnungsmarkt ist derzeit völlig blockiert. So sind etwa ältere Mieter nach dem Auszug ihrer Kinder an ihre dann meist zu großen Wohnungen regelrecht gebunden, denn ein Umzug in kleinere altersgerechte Wohnungen kommt finanziell nicht in Frage, weil dies oft ein Mehrfaches der alten Miete kostet.
Wer in Berlin aufgewachsen ist, kann sich vielleicht noch durchwursteln, weil man mitbekommt, wo demnächst eine Wohnung frei wird und man diverse Arrangements treffen kann. Aber wer aus der Ferne neu in die Stadt kommt, hat kaum eine Chance im Wohnraum-Bingo. Dann bleiben oft nur möblierte Mini-Apartments, in denen man gar nicht erst auf den Gedanken kommen kann, Nachwuchs in die Welt zu setzen.
Vermutlich wird die Nachfrage nach Kitaplätzen in den nächsten Jahren deshalb auch kaum wieder ansteigen.
Autor: Christof Schaffelder
Dieser Text erschien zuerst in der Zeitschrift Ecke Müllerstraße

