Frisch rausgeputzt? Hat der Nettelbeckplatz nicht nötig!

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Nettelbeckplatz. Foto: Annika Keilen
Net­tel­beck­platz. Foto: Anni­ka Keilen

Das Herz des Wed­ding, das schlägt am Leo­pold­platz. Geo­gra­fisch ist viel­leicht der Naue­ner Platz unser Zen­trum. Und dann gibt es noch ihn, die­sen ande­ren Platz. Drei­eckig, außer­halb des Wed­ding eher unbe­kannt, etwas trost­los und doch leben­dig. Wer sich Zeit zum Ken­nen­ler­nen nimmt, der lernt ihn viel­leicht auch lieben.

Nettelbeckplatz. Foto: Annika KeilenEilig huschen Pas­san­ten die Trep­pen hin­un­ter. Ein Schritt nach dem ande­ren, vor­bei an all den Men­schen­mas­sen, die sich nach dem befrei­en­den Pie­pen der S‑Bahn-Tür­öff­nungs­si­gna­le ihren Weg suchen. Blick­kon­takt wird ver­mie­den. Jeder bestimmt sein per­sön­li­ches Tem­po, sucht sei­nen eige­nen Weg und doch scheint die­ser für weni­ge Minu­ten für jeden der glei­che zu sein. Nie­mand beob­ach­tet den maro­den Asphalt, den Grau­ton der von auf­ge­weich­tem Döner­pa­pier und Plas­tik­müll durch­bro­chen wird. Bei­na­he frech blickt eine oran­ge­far­be­ne Müll­ton­ne dem Trei­ben ent­ge­gen – der auf­ge­druck­te Spruch: „Frisch raus­ge­putzt“.  Will­kom­men auf dem Nettelbeckplatz.

Freiluftkino aus dem Zimmerfenster

So wirkt die klei­ne Flä­che auf vie­le Ber­li­ner: Ein Ort, dem man bes­ser kei­ne Beach­tung schen­ken soll­te. Von mei­nem Zim­mer­fens­ter aus habe ich jedoch kei­ne ande­re Wahl, als genau das Gegen­teil zu tun. „Frei­luft­ki­no“ nann­te mein Mit­be­woh­ner ein­mal mei­ne Aus­sicht. Und wer kann dem wider­ste­hen, wenn es dazu noch umsonst ist? Mei­ne Fra­ge daher: Wer hat sich schon­mal fünf Minu­ten Zeit genom­men, um den Net­tel­beck­platz etwas bes­ser ken­nen zu ler­nen? Denn ver­weilt der Beob­ach­ter etwas län­ger an die­sem, so macht die Anony­mi­tät der Haupt­stadt auf 2500 Qua­drat­me­ter Platz für Vertrautheit.

Nettelbeckplatz. Foto: Annika KeilenGrund dafür sind all die ver­schie­de­nen klei­nen Treff­punk­te in Form von Restau­rants, Cafés, Spät­käu­fen … Es scheint, als sei die­ser klei­ne Fleck ein Spie­gel der Diver­si­tät, für die Ber­lin so bekannt ist. Ein Stück viet­na­me­si­sche Kul­tur trifft auf tür­ki­sche Cafés. Die Pom­mes­bu­de befin­det sich neben Shi­sha-Bar und Ber­li­ner Urknei­pe. Diens­tags und frei­tags tagt ein klei­ner Markt: Ein tür­ki­scher Klei­dungs­stand ver­kauft par­al­lel zu einem regio­na­len Lebens­mit­tel­stand.  In den ver­schie­de­nen Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten wird gegrüßt, geduzt, geplau­dert. Aus Anwoh­nern wer­den Nach­barn. Aus Nach­barn wer­den Freun­de und manch­mal viel­leicht auch Feinde.

Markt auf dem Nettelbeckplatz. Foto: Annika KeilenEs han­delt sich um einen drei­ecki­gen Platz, der von vie­len Ber­li­nern als unschein­bar oder gar abfäl­lig bewer­tet wird. Grund dafür sind die weni­gen Infor­ma­tio­nen und öffent­li­chen Ereig­nis­se, die sich rund um den Platz abspie­len. Jedes Wochen­en­de fin­det zum Bei­spiel eine tür­ki­sche Hoch­zeit statt, doch wer weiß davon außer Gäs­te und Anwoh­ner. Im Früh­jahr tagt wäh­rend einer gan­zen Woche eine Art tür­ki­sches Fest, bei dem es nicht nur tür­ki­sche Spe­zia­li­tä­ten, son­dern auch Attrak­tio­nen für Kin­der und Erwach­se­ne gibt. Kei­ner berich­tet. Es ist als ob das bun­te Leben nur mit Vor­sicht zu genie­ßen sei, dabei lädt gera­de das tür­ki­sche Fest zum Bei­sam­men­sein ein.

Nettelbeckplatz: Die Geschichte

Foto: Annika KeilenAuch über die Geschich­te ist wenig bekannt, und das, obwohl das Vor­werk Wed­ding den his­to­ri­schen Ursprung unse­res heu­ti­gen Orts­teils bil­det. Lan­ge Zeit galt es als Sied­lungs­kern des dama­li­gen Bezir­kes Wed­ding (heu­te Wed­ding und Gesund­brun­nen). Errich­tet im 17. Jahr­hun­dert, lag das land­wirt­schaft­li­che Gut im Nor­den des heu­ti­gen Net­tel­beck­plat­zes, Ecke Rei­ni­cken­dor­fer Straße/Pankstraße und wur­de im drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg zer­stört.  Sei­nen Namen bekam der Net­tel­beck­platz erst 1884 nach Joa­chim Net­tel­beck, der als Ver­tei­di­ger der Fes­tung Kol­berg galt. Die­se lag in Pom­mern und wur­de 1807 von fran­zö­si­schen Trup­pen im vier­ten Koali­ti­ons­krieg ange­grif­fen. Fla­niert man heu­te auf har­ten Pflas­ter des Plat­zes ist kaum vor­stell­bar, dass die­ser Ende des 19. Jahr­hun­derts vor allem von Bepflan­zun­gen geprägt war. Dies stell­te jedoch einen zu hohen Pfle­ge­auf­wand für die Ber­li­ner Park­de­pu­ta­ti­on dar: 1921 wur­de aus grün grau, aus der Stil­le ent­stan­den Stra­ßen­bahn­li­ni­en und 1953 ein viel­be­fah­re­ner Kreisverkehr.

Figuren auf dem Brunnen auf dem Nettelbeckplatz. Foto: Annika KeilenBemü­hun­gen der Stadt, den Platz attrak­ti­ver zu machen, las­sen sich an einer Hand abzäh­len und so bleibt der „Tanz auf dem Vul­kan“ kaum beach­tet. Dabei han­delt es sich um ein Stück wert­vol­ler rea­lis­ti­scher Kunst in Form eines Brun­nens. Die Ber­li­ner Stadt hat­te 1988 in einem Wett­be­werb zur Gestal­tung des Net­tel­beck­plat­zes auf­ge­ru­fen. Unter fünf namen­haf­ten Ber­li­ner Archi­tek­ten stach die Künst­le­rin Lud­mi­la See­fried Mate­j­ko­va her­aus, deren Idee eines neun Meter gro­ßen Brun­nens umge­setzt wur­de. Dar­ge­stellt sind lebens­gro­ße Figu­ren aus Bron­ze, die um einen in der Mit­te plat­zier­ten Kla­vier­spie­ler tan­zen. Die Volks­büh­ne scheint nicht das ein­zig besetz­te Objekt Ber­lins, wenn man sich im Som­mer den Brun­nen anschaut. So nut­zen Kin­der die­sen als Spiel­flä­che und wer­den Eins mit den tan­zen­den Skulpturen.

Laub auf dem Nettelbeckplatz. Foto: Annika KeilenDen­noch hat auch die Unbe­kannt­heit des Plat­zes ihre Vor­tei­le. Ich habe das Gefühl, man muss sich Zeit neh­men, um den Platz ken­nen und lie­ben zu ler­nen. Auf die­ser begrenz­ten Flä­che ver­än­dert sich alles sehr lang­sam im Ver­gleich zu ande­ren Ort­s­ei­len Ber­lins. Sel­ten eröff­net ein neu­es Café oder Restau­rant und dann dau­ert es, bis es sich in die Struk­tur von Nach­barn und Platz ein­glie­dert, um damit für noch mehr Viel­falt zu sorgen.

In Ber­lin weiß man nie, wie lan­ge ein Ort in sei­ner Ganz­heit erhal­ten bleibt. So hof­fe ich, dass jeder, der sonst eilig über den Platz gehuscht ist, sich ein­fach ein biss­chen län­ger Zeit nimmt. Ein­mal Durch­at­men, ein biss­chen das lang­sa­me Ber­lin genie­ßen. Es plät­schert im Hin­ter­grund, auf den grau­en Stei­nen fällt vor allem das bun­te Laub der Ahorn­bäu­me auf.

Text und Fotos: Anni­ka Keilen

Gastautor

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2 Comments

  1. Ich hab 17 Jah­re direkt am Net­tel­beck­platz gewohnt und bin erst kürz­lich zu mei­ner Lebens­ge­fähr­tin gezo­gen. Das was die Autorin da schreibt ist zum Teil rich­tig, ja. 

    Aber was ist mit dem gan­zen Müll der immer auf dem Platz rum­fliegt? Was ist mit den “Grün­flä­chen” wo jeder nur drü­ber tram­pelt oder sei­nen Hund kacken lässt? Was ist mit den Trin­kern, die irgend­wann am Nach­mit­tag anfan­gen rum­zupö­beln und einen Auf­ent­halt dort uner­träg­lich machen. Was ist mit der rie­si­gen Spiel­hal­le, die so abwei­send den Platz domi­niert und mit ihrer besch**** Leucht­re­kla­me jede Stim­mung versaut?

    Und dann gucks­te auf die häss­li­che Bahn­an­la­ge mit dem ollen “Tanz den Unter­gang mit mir”, pri­ma Stim­mungs­he­ber der Spruch, haupt­sa­che hat sich einer verewigt.
    Und das schö­ne Kunst­werk, das dort mal drun­ter stand – das Fahr­rad – haben irgend­wel­che Idio­ten nach weni­gen Tagen kom­plett zerstört.

    Den Wochen­markt kanns­te ver­ges­sen, das ist der Fisch­mann (wenn er denn da ist) das beste. 

    Und die Läden sind jetzt wie­der etwas net­ter am wer­den, aber das ist doch jah­re­lang immer unat­trak­ti­ver geworden.

    Und alles hübsch gesäumt vom Krach der Bun­des­stra­ße. Na gut, da kann man nix gegen machen und nur auf lei­se Autos hoffen.

    Bes­te war für mich als noch immer regel­mä­ßig Kon­zer­te von Nach­wuchs­künst­lern auf dem Platz statt­ge­fun­den haben – davon schreibt die Autorin aber nichts, wohnt wahr­schein­lich noch nicht lang genug da…

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