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Eine Stunde Wedding:
Eine Stunde Wedding: Samstagmorgen

26. März 2022

In unse­rer Rei­he geben wir Autor:innen die Mög­lich­keit, ihre Ein­drü­cke auf­zu­schrei­ben und bei uns vor­zu­stel­len – eine Stun­de an einem Ort im Wed­ding, eine Stun­de vol­ler Beob­ach­tun­gen, mensch­li­cher Begeg­nun­gen und jeder Men­ge Wed­din­ger Atmo­sphä­re. Heu­te star­tet unser Autor Rolf gemüt­lich in den Samstag.

 

Ach, was für ein herr­li­cher Tag! Ein Sams­tag­mor­gen im 2.Stock, 2.Hinterhof (neben mir wohnt ein Phi­lo­soph, wür­de Inga Hum­pe jetzt ergän­zen). Ich hab so viel vor heu­te, will den Tag nut­zen. Die To-Do-Lis­te ist geschrie­ben. Fens­ter auf, fri­sche Luft rein! Blau­er Him­mel – wun­der­bar! Ran an den Son­nen­gruß (drei Run­den Son­nen­gruß am Tag wer­den dein Leben ver­än­dern, ver­spricht mein Yoga-Guru). Als ich bäuch­lings auf mei­ner Mat­te lie­ge und mich in die Cobra stem­me, sehe ich die Staub­flu­sen. Ach ja: Put­zen steht noch nicht auf der Lis­te für die­ses Wochen­en­de. Bes­ser raus jetzt, auf die Stra­ße. Der lee­re Bier­kas­ten kommt mit und eine unge­fäh­re Idee von dem, was ich mit dem Tag anfan­gen wer­de. Im „Natür­lich Bio“ ein klei­ner Schwatz mit der Besit­ze­rin. Ach, umge­zo­gen? Ja, 1.200 Euro warm, ja, ja, nicht leicht heu­te, aber ich gönn mir das, strahlt sie. Viel­leicht soll­te ich mir das auch mal sagen. Wei­ter zum Markt hin­ter dem Rat­haus, die gro­ße Tasche dabei. Hier stimmt die Welt für mich. Für ein biss­chen Klei­nes krie­ge ich mehr als ich tra­gen kann und was net­tes Süßes noch dazu.

Flohm­narkt Leo Foto: Weddingweiser

Auf dem Leo­pold­platz ist Floh­markt. Steht nicht auf mei­nem Zet­tel. Geh nicht hin, sag ich mir. Du hast genug eige­nes Gerüm­pel und kei­nen Platz sowie­so. Und schon ste­he ich mit­ten drin. Zwi­schen den Res­ten ver­gan­ge­ner Exis­ten­zen. Frü­her woll­te ich davon immer etwas ret­ten, etwas bei mir wei­ter­le­ben las­sen. Jetzt schaue ich nur inter­es­siert. Bil­der­rah­men mit einem fröh­li­chen Mäd­chen in ver­schie­de­nen Lebens­pha­sen. Ein FDJ-Aus­weis dazu, aus­ge­stellt 1976, letz­te 30 Pfen­nig-Mar­ke ein­ge­klebt im Dezem­ber 1989. Erin­ne­run­gen einer toten Mut­ter, deren Toch­ter jetzt Mit­te 40 ist und sich nicht mehr für ihre Ver­gan­gen­heit inter­es­siert. Schnell weg hier, sonst den­ke ich noch dar­an, was mei­ne Toch­ter mit dem Bild von ihr machen wird, das bei mir an der Kühl­schrank­tür klebt und sie stolz bei der Bache­lor­fei­er zeigt….

Als ich zu mei­nem Fahr­rad zurück­kom­me, hat jemand die Spit­ze des tür­ki­schen Baguettes abge­bis­sen, das ich auf dem Gepäck­trä­ger gelas­sen hat­te. Es ist Zeit für den ers­ten Kaf­fee. Das Café Leo ist ein geför­der­tes Mul­ti-Kul­ti-Anti-Dro­gen-Pro­jekt. Ich muss mir das in Erin­ne­rung rufen, sonst wür­de ich sagen, es ist eine enge Döner-Bude mit einem gro­ßen Zelt hin­ten dran, damit die Alkis auf dem gro­ßen Platz ein Plätz­chen im Tro­cke­nen haben. Drau­ßen kreischt eine Frau in ortho­pä­di­schen Schu­hen, weil der nicht ganz so hel­le Café-Gehil­fe ihren halb abge­bis­se­nen Bur­ger abge­räumt hat, wäh­rend sie sich von einem abge­ris­se­nen Typen die Funk­ti­on eines Haschisch-Inha­la­tors hat erklä­ren lassen.

Mein Kaf­fee wirkt, die Son­ne wärmt mir die Stirn. Es wird Zeit, sich zu kon­zen­trie­ren. Bücher, den­ke ich, du woll­test dir noch Bücher emp­feh­len las­sen für den Urlaub. Es gibt tat­säch­lich eine Buch­hand­lung bei uns, ver­steckt in einer Sei­ten­stra­ße zwi­schen Ross­mann und Asia-Imbiss. „Bel­le et Tris­te“ heißt sie, aber hat nix Schö­nes – außer den Büchern und der gold­lä­cheln­den Händ­le­rin, die irgend­wo aus Dah­lem ein­ge­flo­gen sein muss. Sie emp­fiehlt mir die „Scho­pen­hau­er-Kur“ und „Der Dis­tel­fink“ von Don­na Tartt. Ein Buch übers Älter­wer­den – ein Buch über einen Jun­gen, der ins Leben star­tet. Genau dazwi­schen hän­ge ich ja, als alter Vater mit drei klei­nen Jungs. Ich neh­me sie bei­de. „Eins für die Hin­rei­se und eins für die Rück­rei­se“, sagt sie uner­war­tet kess. Ich füh­le mich gut beraten.

Alte und neue Geschäftshäuser

Im Trep­pen­haus tref­fe ich die Nach­ba­rin, die schon 20 Jah­re hier wohnt. Sie macht irgend­was mit Kunst. Sie ist die Ein­zi­ge im Haus, mit der ich Kon­takt habe. Sonst alles jun­ges Volk und Men­schen, die frem­de Spra­chen spre­chen. Sie singt im Chor und das will ich auch mal wie­der. Ein klei­ner Schwatz, eine Adres­se, bei der ich mal vor­spre­chen kann – wunderbar!

Zu Hau­se packe ich mei­ne Schät­ze aus. Aus den fri­schen Sachen vom Markt wird ein schnel­les Steh-Buf­fet und mir fällt ein, dass ich nicht mehr auf mei­nen Zet­tel geguckt hab. Egal, ich leg mich erst mal hin. Über dem Wed­ding strahlt die Son­ne und ich brau­che Kraft für den Rest vom Tag.

Rolf Fischer

Ich lebe gerne im Wedding und schreibe über das, was mir gefällt. Manchmal gehe ich auch durch die Türen, die in diesem Teil der Stadt meistens offen stehen.

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